SIW 29/2017: Draghis Schlaraffenland

Willkommen im Schuldnerparadies

Eine innovative Bank, vermittelt über ein Kreditportal, hat den Traum aller Schuldner möglich gemacht. Heute Geld aufnehmen und später nominal weniger zurückbezahlen. Die Nachricht, dass die Negativzinsen nun auch auf der Aktivseite der Bank angekommen sind, also bei der Kreditvergabe, löste ein Rauschen im Blätterwald aus. Das war mutmaßlich auch die Hauptmotivation hinter dieser Aktion. Denn der Kreditbetrag wurde auf 1.000 EUR begrenzt. Die Rückzahlung liegt bei 994 EUR, was dann summa summarum sechs EUR pro Nase macht. Das sind vergleichsweise lächerliche Beträge für die Kunden-Akquise im Bankgeschäft, wo auch schon einmal 50 oder 100 EUR ausgelobt werden, falls man seinen Gelddienstleister wechselt. Ein durchschlagender Werbeerfolg und höchst innovativ obendrein. Denn hätte man Anzeigenplatz auf den Titelseiten der Boulevardblätter oder in den Wirtschaftsteilen kaufen wollen, es wäre wohl um ein Vielfaches teurer gekommen. Wenn die FAZ – dahinter steckte früher gelegentlich ein kluger Kopf – allerdings vom „1000-Euro-Geldgeschenk“ schreibt, dann geht das an der Sache vorbei. Denn von einer Null-Rückzahlung war nirgendwo die Rede. Aber wer weiß, vielleicht wird das die nächste „Finanzinnovation“. Manch einer denkt da vielleicht an die Steuerschecks, die die Regierung Bush jr. im Rahmen des „Economic Stimulus Act of 2008“ in Folge der Finanzkrise an die US-Bürger verteilen ließ.

 

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Viele Schweizer Banken und Vermögensverwalter haben in der Vergangenheit Provisionen in Milliardenhöhe einbehalten. Vor allem deutsche Anleger waren betroffen und fordern jetzt vermehrt Ihre Ansprüche ein. Sie sind klar im Recht, wie ein Schweizer Bundesgerichtsurteil bestätigt. Liti-Link bietet Anlegern einen neuen Service, um diese Ansprüche einfach, online zu prüfen und einzufordern. Eine Erfolgsbeteiligung für Liti-Link fällt nur an, wenn die Ansprüche erfolgreich durchgesetzt wurden.

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Verrückt als neues Normal

Ist das alles noch normal? Natürlich nicht, unter den gegebenen Umständen aber irgendwie schon. Aus Sicht einer Bank allemal. Denn bevor diese Geld zu Negativzinsen bei der EZB parkt, kann sie das ebenso gut bei den Kunden tun. Die Kreditprüfung wird angesichts der Kreditsumme/Nase weitgehend automatisiert erfolgen können. Was aus der mikroökonomischen Perspektive einer Bank also durchaus sinnvoll sein kann – und sei es eben nur als genialer Werbeschachzug –, ist makroökonomisch ein Desaster. Denn es ist praktisch nicht vorstellbar, wie das Zinsniveau auf „natürliche Weise“, also ohne das massive Eingreifen der Notenbanken, in den Null- und Negativbereich hätte absinken können, schon gar nicht vor dem Hintergrund wieder positiver Geldentwertungsraten. „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe“, hätte der Dichter Wilhelm Busch wohl auch angesichts von Mario Draghis „Lausbubenstreichen“ heute wieder in seinen Rauschebart gemurmelt.

 

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Bewertung als Leitschnur

Das Lamentieren über die Situation bringt allerdings kein bisschen weiter. Als Anleger müssen wir mit den Karten spielen, die uns ausgeteilt wurden. Das sind zum einen die von Politik und Notenbanken gesetzten Rahmenbedingungen und zum anderen die aktuellen und absehbaren Entwicklungen in den einzelnen Unternehmen, Branchen und Ländern. Diese ganze, höchst unüberschaubare Gemengelage wirkt auf die Entscheidungsfindung der Marktteilnehmer, damit auf Angebot und Nachfrage und schließlich auf den Kurs selbst. Und da kommt es doch immer wieder zu erstaunlichen Auffälligkeiten, wie man beim Fondsanbieter StarCapital regelmäßig beobachtet. So weist Chefanalyst Norbert Keimling im jüngsten StarCapital Research Update einmal mehr darauf hin, dass historisch vor allem unterbewertete Märkte ein überdurchschnittliches Performancepotenzial aufweisen, während hoch bewertete Märkte entsprechend rückschlagsgefährdet sind. Basis für die konkrete Betrachtung ist eine Kombination aus dem vom US-Nobelpreisträger Robert Shiller entwickelten CAPE-Modell („cyclically adjusted price-to-earnings ratio“) und dem Kurs/Buchwert-Verhältnis. In der Abb. sind entsprechend die auf Basis dieser aktuellen Bewertungen prognostizierten Länderrenditen gezeigt: „In den letzten 130 Jahren wurden auf Bewertungen wie sie aktuell in Russland, Brasilien und Singapur vorliegen, langfristig stets positive Renditen erzielt“, so Keimling. Allerdings zeige die Geschichte die „hohe Schwankungsbreite der erzielten Renditen“. Zwar kann man derart tiefe Bewertungsniveaus nicht 1:1 in Anlageentscheidungen übersetzen, sie zeigen aber deutlich, wo die Anleger eher Rückenwind zu erwarten haben. Mit Gegenwind ist auf der anderen Seite des Spektrums, in den aktuell überbewerteten Märkten zu rechnen: „Langfristige Verlustphasen folgten dagegen häufig auf die aktuelle US-Bewertung.“ Das sollte man nach unserer Auffassung auch deshalb im Hinterkopf behalten, weil von der Wall Street noch immer eine Signalfunktion für die meisten anderen Aktienmärkte der Welt ausgeht.

 

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Mini-Draghi-Crash

Dass Notenbanker das Zeug dazu haben, die Märkte zu bewegen, ist kein neues Phänomen. EZB-Chef Mario Draghi hat dies gerade wieder mit einer Rede bewiesen, die er Ende Juni in Portugal gehalten hat. Der Notenbanker deutete dort in der gewohnt verklausulierten Sprache eine „graduelle Anpassung“ seiner Geldpolitik an. Zum ersten Mal seit dem Beginn der Nullzinspolitik deutet er damit deren mögliches Ende an. Lustigerweise exakt in dem Moment, in dem sich erstmals auch für Privatanleger Möglichkeiten ergeben, Geld zu Minuszinsen zu leihen (siehe oben). Der Euro zog unmittelbar nach Draghis Ansprache deutlich an, die Börsen gaben merklich ab. Vor allem am Anleihemarkt zeigen Draghis Worte jedoch deutlich auf, wie gefährlich eine Blase in einem Endstadium ist. Denn der Gedanke, was eigentlich passieren könnte, wenn die EZB nicht mehr 2,7 Mrd. EUR pro Börsentag in den Rentenmarkt stecken würde, vernichtete z.B. alleine in einer einzigen Bundesanleihe innerhalb von einer Woche rund 750 Mio. EUR. Das erst im Januar dieses Jahres begebene Papier ist mit einem Coupon von 0,25% ausgestattet. Noch Mitte Juni notierte die Anleihe mit einem Volumen von 26 Mrd. EUR bei rund 100%. Der „Draghi-Schock“ hatte jedoch einen „Kurssturz“ auf zeitweise 97% zur Folge.

 

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Was an den Aktienmärkten als eine ganz normale Tagesschwankung durchgehen könnte, hat hier jedoch dramatische Folgen. Denn rein rechnerisch benötigen die Anleger bis zu zwölf Jahre, um den Verlust von wenigen Tagen durch den Coupon wieder „reinzuverdienen“. Dumm nur, dass das betreffende Papier lediglich über zehn Jahre läuft. Natürlich wird die Anleihe aller Voraussicht nach am Ende der Laufzeit wie geplant zurückgezahlt. Der Verlust ist damit nur ein temporärer Buchverlust. Nicht alle Anleger werden jedoch die Anleihen in ihren Depots tatsächlich auch bis zu deren Endfälligkeit im Jahr 2027 behalten wollen. Nun haben wir bereits seit Jahren darauf hingewiesen, dass wir am Anleihemarkt die größte jemals existierende Blase an den Finanzmärkten sehen. Das aktuelle Beispiel zeigt jedoch deutlich das renditelose Risiko, auf dem die Anleger hier mit Billionensummen sitzen. Und längst nicht alle dürften ahnen, auf was für einem Pulverfass sie sitzen. Immerhin hatte die Hausse am Rentenmarkt von August 1981 bis September 2016 gedauert. Mehrere Generationen von Anlegern kennen also gar nichts anderes als sinkende Zinsen. Auf sinkende Anleihe-Kurse war in diesen Jahren stets eine Erholung erfolgt, langfristige Verluste hatte es schlicht und ergreifend nicht gegeben. Wenn bereits eine einzige Rede von Mario Draghi einen solchen Mini-Crash verursachen konnte, was soll dann erst passieren, wenn die Märkte das Vertrauen in die Zentralbanken verlieren?

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Zu den Märkten

Auch in der Berichtswoche hat der DAX an die Unentschlossenheit der Vorwochen angeknüpft. Allerdings sah die Welt vor einer Woche noch deutlich positiver aus. Die wichtige Marke von rund 12.390 Punkten – das frühere Allzeithoch vom 10.4.2015 (vgl. Abb.: grüne Waagrechte) – schien der Markt erfolgreich zurückerobert zu haben. Letzten Mittwoch fand dann unter guten Umsätzen sogar ein regelrechter Aufwärtsschub von 1,5% statt – ja, wir sind bescheiden geworden. Allerdings verhungerte diese Bewegung unterhalb der alten Widerstände aus den Monaten Mai und Juni. Gestern nun ein Abwärtsschub (-1,25%), ebenfalls unter ordentlichen Umsätzen. Zoomt man ein wenig aus dem Bild heraus, dann könnte sich hier eine ziemlich windschiefe Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation mit einer bereits bedenklich herabhängenden rechten Schulter andeuten (vgl. Abb., blaue Bögen). Allgemein gesprochen sieht das Ganze nach einer Topp-Bildung aus (vgl. Abb., roter Bogen), die auch saisonal gut ins Bild passen würde. Sollte die beschriebene grüne Waagrechte erneut nach unten durchbrochen und dabei womöglich auch noch das letzte Bewegungstief unterboten werden, dann läge der nächste Halt bei der unteren Begrenzung des an dieser Stelle bereits beschriebenen Aufwärtskanals bei aktuell ca. 12.280 Punkten (untere blaue Linie vgl. SIW 24). Dann allerdings würde der Mark tatsächlich „Spitz auf Knopf“ stehen.

Musterdepot Aktien & Fonds

Diverse Orders aus der vergangenen Woche wurden ausgeführt. Welche lesen Sie im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor 7/2016

Smart-Investor-7-2017Value Investing: Die Mechanik des Börsenerfolgs

 Anleihen: Gute Renditen mit Fremdwährungen

 Norwegen: Auswanderziel für Naturverbundene

 Interviews: u.a. mit Mario Gabelli und Gunnar Heinsohn

 

 

 

 

 

Fazit

Der Negativzins blitzt erstmals auch am Markt für Konsumentenkredite auf. Mehr als ein Werbegag dürfte dies aber nicht sein. Die langfristigen Folgen dieser Geldpolitik bleiben unkontrollierbar.

 

Ralph Malisch, Christoph Karl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.