Löcher in der Matrix – Personenkult-Parallele

Trump will Obamacare per Dekret umwandeln“ (spiegel.de)

In dieser Kolumne geht es normalerweise um Text, heute soll die Aufmerksamkeit auf das Bild zum Text (finden Sie hier) gelenkt werden. So ein Bild sage mehr als 1.000 Worte finden ja nicht nur die Fotografen und Bildredakteure in einer Redaktion. Und umgangssprachlich heißt es, wenn man sich näher informiert, mache man sich ein genaues Bild von einer Sache.

Ein Bild also besitzt immensen Informationswert. Und wenn ein Motiv immer wiederkehrt, gilt das ganz besonders. Ein bekanntes Beispiel dafür liefert Nordkorea. „Kim Jong-Il  looking at things“ heißt der Blog dazu, es gibt eine Tumblr-Gruppe und so fort. Mit Kim Jong-Un wird die Fotoserie fortgesetzt. Jeder kennt die Fotos des Diktators, umgeben von schirmbehüteten Militärs, die allesamt immer Notizblöcke in den Händen halten, um jeden Geistesblitz ebenso eilfertig wie untertänigst zu notieren. Tablets sind halt Importware.

Es kann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich eine Gruppe „POTUS signing documents“ im Netz bildet. Denn das Lieblingsmotiv der Öffentlichkeitsarbeiter im Weißen Haus sieht in etwa so aus: US-Präsident Donald Trump sitzt an einem möglichst kitschigen Schreibtisch, umgeben von Claqueuren, und unterzeichnet ein Dekret. Oder eine Austrittserklärung. Oder eine Entlassung. Oder eine Medienschelte. Die Choreographie der Bilder erinnert stets an Jesus beim Abendmahl im Kreise seiner Jünger. Bloß, dass Jesus nicht so breit grinst.

Jedes Bild ist offenkundig ein Dementi: Nein, es stimmt nicht, dass der POTUS nichts geregelt bekommt, sehet her, er handelt und regiert. Abgesehen davon, dass jedes Dementi noch immer die Bestätigung einer Nachricht ist, die bis dahin nur ein Gerücht war: Die Personenkult-Parallele lässt wenig schmeichelhafte Schlüsse zu.

Bezogen auf die Wirtschaft und Investments richten viele Marktteilnehmer insofern Hoffnungen Richtung Trump, die geplante Senkung der Unternehmenssteuern würden die Gewinne und damit Aktienkurse von US-Unternehmen explodieren lassen. Vorfreude freilich verbietet sich: Die Reform lässt sich nicht per Dekret umsetzen. Und das Turbulenzpotenzial einer neuerlich stark erhöhten US-Staatsverschuldung möchte man sich auch nicht ausmalen. Es wäre ein ziemliches – Horrorbild.