SIW 49/2017: „Fait accompli“

Deus ex machina

Ein wenig aus der Mode geraten ist der Begriff des „Fait accompli“. Börsenaltmeister André Kostolany verwendete ihn gerne, um auf jene Ereignisse aufmerksam zu machen, die so allgemein erwartet werden, dass die Börse auf deren tatsächliches Eintreten nicht mehr viel gibt. Die heutige Fed-Sitzung dürfte in diese Kategorie fallen. Denn allgemein wird erwartet, dass die scheidende Fed-Chefin Janet Yellen bei ihrem letzten großen Auftritt einen weiteren Zinsschritt um plus 0,25% verkünden wird. Kommt es so, dann dürfte dieser Schritt für die Märkte ein Non-Event sein. Lange genug wurde von Seiten der Fed im Vorfeld kommuniziert, dass diese Maßnahme aufgrund der guten Konjunktur möglich sei und damit auch praktisch anstehe. Das alleine ist allerdings ein deutlicher Hinweis, wie fragil die Situation nach wie vor ist: In früheren Zyklen dachten Notenbanker überhaupt nicht daran, den Märkten irgendetwas anzukündigen oder sie auf möglicherweise belastende Maßnahmen vorzubereiten. Im Gegenteil: Einen Teil ihrer Wirkung erzielten sie gerade durch den Überraschungseffekt. Die Marktteilnehmer konnten sich nie ganz sicher sein, welche Maßnahme die Notenbank als nächstes ergreifen werde. Und diese Unsicherheit hatte zumindest den positiven Aspekt, dass sie disziplinierend wirkte. Wurden die Kurse in allzu luftige Höhen getrieben, musste damit gerechnet werden, dass die Notenbanker das ihre dazu beitrugen, die Situation ein wenig abzukühlen. Nötigenfalls auch mit der Brechstange. Die Notenbank war der nur mäßig berechenbare „Deus ex machina“ des Spiels, dessen Auftreten nicht immer alle glücklich machte. Die Rolle der Notenbanken als eine Art unabhängiger und neutraler Schiedsrichter, die alleine den Spielregeln verpflichtet war, kann aber heute kaum noch glaubhaft vermittelt werden. Ob sie je gestimmt hat, steht auf einem ganz anderen Blatt. Heute sind Notenbanken längst gut sichtbar zum Teil jener Mannschaft geworden, der auch die Regierungen und die Finanzindustrie angehören. Auch wenn da gelegentlich nach dem „Good Cop, bad Cop“-Muster gespielt wird, sollte man sich nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass diese großen Drei im Wesentlichen am selben Strang ziehen: Hauptsache, das System läuft weiter.

Eine kleine Überraschung könnte sich heute allerdings noch bei den Ausführungen Yellens ergeben. Schließlich wird es ihr letzter großer Auftritt im Amt sein. Allzu große Rücksichten braucht sie also nicht mehr zu nehmen, auf US-Präsident Trump schon gar nicht. Mit ihren inzwischen 71 Jahren wird sie – aller demographischen Probleme des Westens ungeachtet – auch kein vergleichbar gewichtiges Amt mehr übertragen bekommen. Ambitionen auf das Weiße Haus werden ihr auch nicht nachgesagt. Das sind gute Voraussetzungen, um Freunden und Gegnern auf großer Bühne ein paar Bemerkungen ins Stammbuch zu schreiben – vielleicht eine Art Vermächtnis. Denn das Phänomen, dass ehemalige Amtsinhaber die Welt mit dem Übertritt ins Privatleben mit ganz anderen Augen sehen, ist auch aus Deutschland hinlänglich bekannt.

Richtige Idee zur falschen Zeit?

Für den Tesla-Kritiker Mark Spiegel war es lange Zeit ein Rätsel, wer die Leute sind, die die Aktie des Elektroautobauers zu einer Bewertung von 60 Mrd. USD kaufen. Doch jetzt leuchtet ihm ein: Es sind dieselben, die bei einer Bewertung von 300 Mrd. USD Bitcoin kaufen! Doch Spaß beiseite: Es gibt durchaus gewisse Parallelen zwischen diesen beiden Finanzmarktphänomenen. In beiden Fällen gibt es einen bedingungslosen Glauben an die Überlegenheit des neuen Produktes und der neuen Technologie. Zweifel wischen die Fans zur Seite, Kritiker sind schließlich „Kleingeister“, die die Wucht der Veränderung nicht verstanden haben. Die Schwachpunkte können noch so sehr auf der Hand liegen, wenn die breite Masse der Marktteilnehmer nicht auf diese aufspringt. Im Fall von Tesla ist es für uns mehr als offensichtlich, dass dies kein Geschäftsmodell ist, das langfristig überleben kann. Im Smart Investor 8/2017 haben wir uns sogar in einer Titelstory mit dem Phänomen Tesla auseinandergesetzt. Mit Vorlage der verheerenden Zahlen zum 3. Quartal schien es zunächst so, als ob der Lack bei Tesla langsam abblättern würde. Doch in den letzten Tagen setzte die Aktie erneut zu einem kurzen Höhenflug an. Und dies, obwohl es eigentlich keinerlei Neuigkeiten aus dem Hause Tesla gab. Angeblich bestellte der Getränkehersteller Pepsi 100 Stück des neuen Tesla Trucks. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Reservierung, die jederzeit widerrufbar ist. Seit Tagen scheint sich zudem der Parkplatz vor der Tesla-Fabrik in Kalifornien mit dem neuen Model 3 zu füllen. Doch ob sich die Produktionsprobleme tatsächlich gelegt haben, steht in den Sternen. Gerüchten zufolge soll die Produktion weiterhin auf niedrigstem Niveau laufen. Tesla CEO Elon Musk möchte jedoch angeblich unbedingt am Ende des Jahres 1.000 Stücke in einer Woche ausliefern (!). Mit dem Short in unserem Musterdepot haben wir nun das Problem, dass der Markt gegen uns läuft – obwohl wir glauben, die besseren Argumente auf unserer Seite zu haben. Doch davon kann man sich bekanntlich wenig kaufen, wenn die Börse gegen einen läuft. Lesen Sie im Musterdepot, wie wir mit unserem Short verfahren.

Zu den Märkten

Da dies der letzte SIW des Jahres 2017 ist, wollen wir ein wenig zurückblicken. Welche europäischen Märkte haben sich dieses Jahr bislang besonders gut geschlagen? Auf Rang 1 liegt Lettland. Der dortige OMX Riga Global (Abb., blaue Kurve oben) legte bislang rund 37% gegenüber dem Vorjahresschluss zu. Das ist schon erstaunlich, denn nicht nur, dass dieser Markt regelmäßig übersehen wird, wenn zuletzt über die baltischen Staaten gesprochen wurde, dann wurde meist die Nähe zu Russland thematisiert, die das Leben dort ebenso freudlos wie gefährlich machen soll. Die Letten ließen sich von solch düsteren Überlegungen ihre Feierlaune jedenfalls nicht verderben: „Sometimes where danger lies. There the sweetest of pleasures are found“, trällerte einst schon Barbra Streisand.

Auf Platz zwei landete unser südöstliches Nachbarland, die Republik Österreich. Auch hier waren in den politischen Kommentaren jüngst tiefe Sorgenfalten zu sehen. Sebastian „Wunderwuzzi“ Kurz, derzeit noch Außenminister, dürfte aller Voraussicht nach künftig eine rechts-konservative Regierung als Bundeskanzler anführen. Wie schon bei der Wahl Donald Trumps scheinen konservative Regierungen die Märkte eher zu beflügeln, sehr zum Leidwesen vieler Kommentatoren, die nicht müde werden, uns zu versichern, wie schrecklich das alles sei. Für den ATX (Abb., rote Kurve) bedeutet dieses „Schreckensszenario“ per Saldo europaweit Rang 2 mit einem Plus von rund 27%. Dagegen lag der DAX (Abb., schwarze Kurve unten) mit einem Plus von 16,8% nur im Mittelfeld. Auch 2017 zeigte sich damit einmal mehr, dass man nicht alles ernst zu nehmen braucht, was in der Zeitung steht und dass es sich auf der Suche nach Performancebeiträgen durchaus lohnen kann, ausgetretene Pfade zu verlassen – auch wenn wir den Tag in diesem Fall schon ein wenig vor dem Abend (Jahres-Ultimo) loben.

Musterdepot Aktien & Fonds

Mit einigen Stopp-Loss-Marken sichern wir unsere Positionen über den Jahreswechsel ab. Mehr dazu erfahren Sie im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

 

 

Smart Investor 12/2017:

 

Titelstory: Nebenwerte – Auf unentdeckten Wegen zum Erfolg

Paradise Papers: Skandal oder Inszenierung?

Small is beautiful: Die Vorteile kleiner politischer Einheiten

Mallorca: Auswandern ins „17. Bundesland“

 

 

 

 

 

Fazit

Wir wünschen Ihnen besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Sollten Sie noch immer auf der Suche nach einem originellen Weihnachtsgeschenk sein, denken Sie bitte an das Smart Investor Weihnachtsabo. Der nächste Smart Investor Weekly wird am 10.1. erscheinen. Bis dahin wünschen wir Ihnen eine erholsame Zeit und besinnliche Tage!

 

Ralph Malisch, Christoph Karl

 

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.