Smart Investor 3/2018: Die Stunde der Denunzianten

Hässliche Zeiten bringen hässliche Charaktere hervor. Oder war es umgekehrt? So frönen Erwachsene inzwischen wieder scharenweise jenem Denunziantentum, mit dem sie sich einst schon auf dem Schulhof ins Abseits gestellt hatten. Oder hofften die notorischen Außenseiter durch ihre liebedienernde Niedertracht wenigstens auf etwas Anerkennung durch die jeweilige (Schulhof-)Autorität? Dass der Denunziant der „größte Lump im ganzen Land“ sei, kann zumindest eindeutig verneint werden. Denn für einen Superschurken fehlt es diesen Menschen vom Format „Würstchen“ (m/w) schlicht an der Grandesse.

So gerne sich Denunzianten selbst eine hehre Motivation attestieren, ihren schlechten Ruf hatten sie schon vor rund 2000 Jahren: „Verräter sind selbst denen verhasst, deren Sache sie dienen“, formulierte Tacitus. Wobei – ganz sicher kann man sich da in der Bundesrepublik des Jahres 2018 nicht mehr sein. Immerhin hat die Regierung den Menschen mit dem NetzDG ein eigenes „Denunziantengesetz“ spendiert. Seitdem sind Melden und Anschwärzen wieder offizielle Bürgerpflichten; als Volkssportarten waren sie ohnehin nie aus der Mode gekommen. Der Dramatiker Rolf Hochhuth bescheinigte den Deutschen bereits vor mehr als zehn Jahren, eine „Nation der Denunzianten“ zu sein: „Keineswegs haben wir uns seit der Nazi-Zeit geändert; wir sind genau die geblieben, die wir schon unterm Führer waren.“ Im schlechtesten Deutschland, das wir jemals hatten, schoss das sogar derart ins Kraut, dass „Hitlers Justizminister 1941 … den Gerichten verbieten [musste], Denunziationen nachzugehen, weil zu viele ‚Volksgenossen‘ ihre Volksgenossen unters Fallbeil bringen wollten!“, so Hochhuth.

Wo so unermüdlich gemeldet wird, sind die Triebfedern meist Emotionen, und die entstammen regelmäßig nicht dem Bereich der menschlichen Tugenden: Eitelkeit, Rachsucht, Neid, Missgunst etc. Und da das Denunzieren dank Internet und App nun auch noch mühelos und anonym erfolgt, werden nun selbst die Faulen und Feigen angesprochen. Es scheint, als stütze sich jeder Staat ein Stück weit auf menschliche Abgründe. Natürlich, es geht um das „Gemeinwohl“. Das aber ist in etwa so glaubwürdig wie das „Whistleblowing“ der verlassenen Ehefrau gegenüber dem Finanzamt, bei der sich das staatsbürgerliche Gewissen erst regte, als sie von der Steuerverkürzung des werten Gemahls nicht länger profitierte.

Vom Falschparken bis zu unbotmäßigen Gedanken lässt sich heute praktisch jede menschliche Regung denunzieren. Was für eine Anzeige bei einer Strafverfolgungsbehörde dann doch zu lächerlich ist, reicht für den anonymen Hinweis an den Arbeitgeber oder den zeitgemäßen Internet-Pranger allemal. Für die Dümmsten unter den Denunzianten gibt es sogar Anleitungen zum richtigen Anschwärzen. Neuere in der Denunziantenszene gefeierte Errungenschaften sind Leerstandmelder für Wohnraum oder der mit Steuergeldern geförderte Werbemelder gegen „Sexismus“. Und weil die Habgier ein zu guter Antrieb ist, als dass man sie ungenutzt lassen könnte, werden auch schon mal Preise für besonders fixes Melden ausgelobt. Die App „Grüne Umwelt“ zum Anprangern von Bauern schoss dann aber selbst für grüne Verhältnisse über das Ziel hinaus und wurde zurückgezogen.

Ein rein deutsches Phänomen ist das Ganze dennoch nicht. In weiten Teilen der ehedem westlichen Welt reiben sich inzwischen Heerscharen kleiner Geister an Kunst und Literatur der Großen. Überall wittern sie Sexismus, Rassismus und Falschparker – wie Schelme eben so denken. Aber nicht einmal im Denunzieren sind wir noch Weltmeister: In China laufen bereits Feldversuche, Wohl- und Fehlverhalten – in der jeweils aktuellen Definition der Regierung – mittels künstlicher Intelligenz automatisch zu registrieren und entsprechend zu belohnen bzw. zu ahnden. Schöne neue Welt.