SIW 50/2018: Ehen vor Gericht

brexit concept

Demokratie nach Brüsseler Art

Mit Ablauf des 23. Juni 2016 – also des Tages, an dem sich eine knappe Mehrheit der Briten für den Brexit entschied – begannen jene Kräfte auf Hochtouren zu arbeiten, die diese Entscheidung zu revidieren trachten. Das hat in der EU durchaus Tradition. Fällt eine Abstimmung oder ein Referendum nicht ganz so aus, wie man sich dies vorstellt, dann lässt man den Urnengang schon wiederholen. Wer sollte schließlich besser wissen, was für die Menschen richtig ist, als die Zentrale in Brüssel? Und weil das so ist, sind Abstimmungen eigentlich überflüssig und schädlich. Das sah die gestrige Kommentatorin der ARD-Tagesthemen offenbar ähnlich: „Es war eine Riesendummheit, den EU-Ausstieg überhaupt zur Wahl zu stellen.“ Schöner hätte man den Unterschied zwischen der Brüsseler Demokratiesimulation und einer echten Demokratie nicht auf den Punkt bringen können.

 

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Hühner und Affen

Dass die Briten von der EU keinen „Guten Deal“ bekommen würden, war angesichts der über viele Jahre zerrütteten Ehe klar. Dennoch steckt hinter der Brüsseler Betonkopfmentalität nicht nur die Enttäuschung über die erfolgte Zurückweisung. Die Zermürbungstaktik verfolgt ein klares strategisches Ziel: Es geht um mögliche Nachahmungstäter. Ein erfolgreicher Präzedenzfall hätte nicht unbedingt zu Massenaustritten geführt, aber er hätte auch für andere EU-Mitglieder die Exit-Drohung zu einem glaubwürdigen Druckmittel gemacht, um ihre Interessen durchzusetzen. Um genau das zu verhindern, folgte Brüssel in Bezug auf London einer Lebensweisheit von Mao Zedong: „Das Huhn töten, um die Affen zu warnen.“ Allerdings geht die EU deutlich subtiler vor und bietet neben der Peitsche auch das eine oder andere Zuckerbrot an. So baute der EuGH, Inbegriff einer politisierten Justiz, den Briten just vor zwei Tagen eine goldene Brücke: Ein einseitiger Rückzug der Briten vom Brexit sei demnach zulässig.

Vor dem Sturz?

Was die Brexiteers vermutlich von Anfang an unterschätzt haben, war das klein-klein der Verhandlungen gegen die bestens ausgestattete, geradezu kafkaeske Brüsseler Bürokratie, die von den Briten pikanterweise mitaufgebaut worden ist. Mit schwindendem Brexit-Momentum kam die Bremswirkung dieser zähen Verwaltung zur vollen Wirkung. Angesichts des ungleichen Kampfes hatten die Briten sogar einen durchaus respektablen, jedoch glanzlosen Deal erreicht. Glanzlos genug, um das Lager der Brexiteers weiter zu spalten. Eine Mehrheit für den Deal im Unterhaus ist derzeit nicht absehbar. Der gestrige Canossa-Gang – ausgerechnet zu Angela Merkel – hat Theresa May innenpolitisch weiter beschädigt. Schon heute muss sie ein Misstrauensvotum überstehen. Gut möglich, dass sie bereits gestürzt ist, wenn Sie diesen SIW lesen. Obwohl es für ein endgültiges Fazit der Brexit-Geschichte noch zu früh ist, zeigt sie bislang doch vor allem eines: Länder, die sich gegen die Glaubenssätze der EU wenden, müssen mit erheblichem Gegenwind aus Brüssel rechnen. Den Respekt vor dem Wählerwillen hat man dort nur, solange die Wähler auf Kurs sind – und das ist genau genommen gar kein Respekt.

Der Glaube versetzt Berge (und Autos)

Zwar würde jeder Investor liebend gerne auf die Erfahrung verzichten, dass der Markt komplett gegen ihn läuft. Aus diesen Situationen lässt sich gleichzeitig jedoch das Meiste lernen. In dieser Hinsicht hatte die Aktie von Tesla dieses Jahr einige Lektionen parat: Nicht wenige Anleger – wir selbst mit eingeschlossen – haben auf den Absturz des Elektroautobauers gesetzt und sich dabei eine blutige Nase geholt. Denn entgegen allen Erwartungen steht Tesla nicht etwa kurz vor dem Untergang, sondern notiert mitten in einer globalen Aktienmarktkorrektur nahe dem Allzeithoch. Was ist also schief (bzw. gut für Tesla) gelaufen? Die Erklärung liefert Elon Musk persönlich: In einem Interview bestätigt er, dass die Shortseller mit nahezu all ihren Argumenten richtig lagen. Der Autobauer habe im Frühjahr und Sommer „wie verrückt“ Geld verbrannt. Hätten die Produktionsprobleme nicht innerhalb von kürzester Zeit gelöst werden können, wäre Tesla Pleite gegangen. Doch mit steigenden Produktionszahlen und vor allem mit den starken Zahlen zum dritten Quartal konnte Musk ein weiteres Mal von der Schippe springen.

Nun lässt sich über die Quartalszahlen und die darin enthaltene Bilanzkosmetik trefflich streiten. Gleichzeitig hat der Tesla-Chef dem Unternehmen mit seinem „Privatisierungs-Tweet“ enormen juristischen Ärger eingehandelt. Dinge, die Musk offenbar noch nicht einmal bereut. Trotz eines 40 Mio. teuren Vergleichs mit der Börsenaufsicht SEC erklärte er letzte Woche frech, dass er diese Behörde nicht respektiere und auch in Zukunft weiter twittern werde – selbst wenn ihm dabei neue Fehler unterlaufen sollten. Und auch mittelfristig scheinen alle Argumente der Shortseller nach wie vor zu gelten: Die Konkurrenz nimmt langsam Fahrt auf, Tesla kann noch immer nicht die versprochene Modellvariante für 35.000 USD bauen und ob sich angesichts der notwendigen milliardenschweren Investitionen die zuletzt positiven freien Cashflows halten lassen werden, ist eine sehr offene Frage. Aber Tesla ist eine Religion, bei seinen Kunden und an der Börse. Und gegen eine solche zu wetten, macht offensichtlich wenig Sinn. Schließlich sind Vernunft und Logik nicht gerade die Zutaten einer Religion. Wie groß die Anzahl der Tesla-Jünger nach wie vor ist, lässt sich am Kurs ablesen. Zwar fallen auch Gläubige gerne mal von ihrem Glauben ab – wann und wieso dies passiert, lässt sich jedoch schlecht prognostizieren.

Das Schreckgespenst der deutschen Automobilindustrie

Wie bei so vielem im Hause Tesla geht es auch bei Musks Versprechen zum Thema Autopilot vor allem um eines: Glauben. Angeblich würde jeder heute vom Band rollende Tesla die dafür benötigte Hardware bereits besitzen. Mit kontinuierlichen Software-Updates sollen die Funktionen nun nach und nach verfügbar gemacht werden. Experten bezweifeln stark, dass ein Auto ohne sogenannte LIDAR-Technik (die Tesla bislang nicht verbaut) ernsthaft volle Autonomie erreichen kann. Musk hat dies jedoch nicht daran gehindert, zu versprechen, dass Tesla-Besitzer künftig mit der Vermietung ihres selbstfahrenden Autos während dessen Standzeiten Geld verdienen werden. Statt auf Versprechungen sollten Anleger auch bei diesem Thema lieber auf Fakten achten. Und die besagen eindeutig, dass ein ganz anderes Unternehmen die Nase vorn hat. So hat die Alphabet*-Tochter Waymo jüngst bekannt gegeben, aus ihrem Testversuch in Phoenix nun den ersten kommerziellen Betrieb von Robo-Taxis zu machen. So soll das selbst entwickelte Know-how sowohl mit einer eigenen Flotte selbstfahrender Taxis, möglicherweise aber auch auslizensiert an andere Automobilersteller monetarisiert werden. Dabei greift Waymo – ähnlich wie Google bei seinem Handy-Betriebssystem Android – zunächst einmal auf zweitklassige Hersteller wie Jaguar oder Fiat Chrysler* zurück. Sollten sich die Waymo-Systeme als Standard durchgesetzt haben, werden auch BMW & Co. nicht darum herum kommen, darauf zurückzugreifen.

Hatte Waymo vor einem Jahr in Summe noch weniger als 3 Mio. Meilen vollautonom zurückgelegt, waren es im Oktober bereits 10 Mio. Meilen. Begonnen hatte alles mit eher belächelten Versuchen im Jahr 2009. Anders als Tesla verfügt Waymo übrigens über die erwähnten LIDAR-Sensoren. Als nächstes Ziel gibt das Unternehmen an, autonome Lastwagen ausstatten zu wollen und vollautonome Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen. Gerüchten zufolge hat Alphabet bereits mit VW über eine 10% Beteiligung an Waymo verhandelt und dabei eine Bewertung von 150 Mrd. USD aufgerufen. Bedenkt man, dass eine ähnliche Bewertung aktuell beim Börsengang von Uber im Raum steht, klingt dies nach mehr als einer puren Fantasie-Zahl. Genau in diesem Segment scheinen die deutschen Autohersteller gerade ihre Vormachtstellung zu verspielen, nicht im relativ gesehen weniger komplexen Herstellen von Elektrofahrzeugen. Möglicherweise ist also Alphabet das weitaus bessere Automobil-Investment als die meisten klassischen Automobilhersteller. Denn dazu bekommt man als Anleger auch noch eine dominierende Suchmaschine mit einem der genialsten Geschäftsmodelle der jüngeren Geschichte. Die aktuelle Baisse könnte Anlegern hier in Zukunft gute Einstiegsgelegenheiten bringen.

 

Zu den Märkten

Kaum hat die Baisse an den Aktienmärkten an Fahrt aufgenommen, schon rauschen die Warnungen vor weiteren Kursverlusten durch den Blätterwald. Ohne uns selbst zu beweihräuchern, haben wir frühzeitig auf die sich abzeichnende Top-Bildung im DAX aufmerksam gemacht und unsere Leser hier – und noch ausführlicher im Smart Investor selbst – auf die Entwicklung und das Zusammenspiel mehrerer großer Umkehrformationen aufmerksam gemacht. Neben der Schulter-Kopf-Schulter-Formation thematisierten wir die seltene Diamant-Formation. Im Börsenmedien-Mainstream wurden zu dieser Zeit dagegen noch ambitionierte Kursziele für den DAX ausgegeben und Kaufempfehlungen für angeblich zurückgebliebene Aktien ausgegeben – also jene Aktien, die nicht einmal in neun Jahren Hausse ernsthafte Kursgewinne verbuchen konnten. Auch dies ist übrigens typisch für die Spätphase einer Aufwärtsbewegung.

Es ist nicht Lust an der Opposition, dass wir auch aktuell nicht in die vorherrschende Argumentation einstimmen können. Gewiss, die Märkte sind schwer angeschlagen, Probleme und Spannungen gibt es reichlich. Jetzt kommen sogar Technische Analysten und sprechen von „Todeskreuzen“ an den Märkten, womit gemeint ist, dass der 50-Tage-Durchschnitt den 200-Tage-Durchschnitt von oben nach unten durchschneidet. All das ist irgendwie richtig und trotzdem eignet es sich nur bedingt zur Kursprognose. Denn die meisten dieser Themen sind den Marktteilnehmern bereits bekannt. Anpassungsbedarf gibt es daher nur, falls alles noch viel schlimmer kommt. Das ist zwar möglich, aber nach einem Verlust von zwischenzeitlich mehr als 3.000 DAX-Punkten von der Spitze muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen können. Der Markt ist reif für eine Gegenbewegung und es ist gut möglich, dass wir gerade einen solchen Zwischenboden sehen. Diese technische Reaktion ist schon deshalb notwendig, um all diejenigen aus dem Markt zu schütteln, die sich nun ganz sicher sind, dass es nur noch abwärts gehen kann. Auch jahreszeitlich ist kein Störfeuer zu erwarten, obwohl die Jahresendrally ein leicht überstrapaziertes Phänomen darstellt. Was wir an dieser Stelle ausdrücklich nicht erwarten, ist eine Fortsetzung der Hausse. Im Gegenteil, wir denken nach wie vor, dass der DAX noch deutlich tiefere Kurse vor sich hat, wie auch der Elliott-Wave-Analyst Dietrich Denkhaus im aktuellen Smart Investor 12/2018 ab S.60 ausführt. Nur sollte man nicht dem Irrglauben erliegen, dass es schnurstracks und unterbrechungsfrei abwärts geht. Wahrscheinlicher wäre aus unserer Sicht nun eine Erholungsbewegung um ein paar hundert Punkte – einen Teil davon haben wir bereits in den letzten Tagen gesehen – gefolgt von einem erneuten Abrutschen. Und das dürfte genau dann einsetzen, wenn sich im Zuge der aktuellen Erholung der Konsens herausbildet, dass das Schlimmste nun doch überstanden wäre.

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage geht es heute um einen ehemaligen Depotwert und die Wichtigkeit eines disziplinierten Vorgehen. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor 12/2018:

1+1 = 3“ – Wenn Momentum auf Value Trifft

 

Nebenwerte: Chancen nach dem Absturz

 

Globaler Migrationspakt: Das trojanische Pferd

 

Elliott-Wellen: Die Aktienbörsen sind in der Baisse

 

 

Fazit

Erneut hält uns mit den Brexit-Wirren ein politisches Thema auf Trab. Dass sich die Politik wieder ein bisschen aus der Wirtschaft und dem Leben der Menschen zurückzieht, wird wohl ein frommer Wunsch an das Christkind bleiben. Ein erfüllbarer Wunsch – und vor allem ein ideales Geschenk – ist dagegen das Smart Investor Weihnachtsabo. Damit machen Sie jemanden nicht nur zwölfmal im Jahr eine Freude, Sie erhalten dazu auch noch zwei wertvolle Gutscheine.

 

Ralph Malisch, Christoph Karl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.