SIW 22/2019: Grüne Inseln

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Anschluss verpasst

Während inzwischen zumindest Teile jenes Netzwerks bekannt geworden sind, die den kometenhaften Aufstieg der „Klimaexpertin“ Greta T. auf die internationale Bühne und in den Medienmainstream bewerkstelligt haben, waren beim neuesten Medienphänomen „Rezo“ allenfalls die professionelle Machart und das Timing bemerkenswert. Besonders bemerkenswert war dies im Vergleich zur bräsigen Selbstgefälligkeit, mit der die Koalitionsparteien CDU/CSU und SPD ihren Digitalwahlkampf führten. Dieses Hinterherhecheln hinter Trends, die von anderen gesetzt wurden, scheint bei allen drei Parteien symptomatisch zu sein. Erst trieb die AfD sie mit einem frechen Web-Auftritt vor sich her, jetzt sind es zusätzlich noch die Grünen und deren Netzwerke. Die Zeiten der Postwurfsendungen des Wahlkreiskandidaten sind offenbar vorbei. Wenn aber Spontaneität erst durch Gremien abgesegnet und hausintern abgestimmt werden muss, dann kommen eben Videobotschaften heraus, wie die von CDU-„Jungstar“ Philipp Amthor, der allerdings eher wie ein handkoloriertes Abziehbild eines 50er Jahre Films wirkt. Immerhin war die Partei klug genug, das Video noch vor Veröffentlichung in das Archiv umzuleiten, um sich eine weitere Social-Media-Blamage zu ersparen. Auch die hilflose Reaktion von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zeigt, wie sehr da verkrustete Strukturen durch die Guerilla-Taktik der politischen Gegner ins Mark getroffen wurden. Natürlich gehen die digitalen Versäumnisse wie ganz generell die Ursachen für den Niedergang der CDU im Wesentlichen auf das Konto ihrer Vorgängerin Angela Merkel, das aber hilft AKK jetzt nicht weiter. Was der CDU sicher auch nicht weiterhelfen wird, ist die Anbiederung an junge Wähler in pseudo-cooler Jugendsprache, die bei jedem der Ü25 ist, einfach nur lächerlich und infantil wirkt. Wenn nicht einmal die Selbstinszenierung als „Klimakanzlerin“ grüne Stimmen einbringt, wird dies ein weiterer Marsch nach linksgrün auch nicht tun. Welchen Sinn soll es haben, ausgerechnet den Wählern hinterherzulaufen, die man gerade verloren hat? Will man die verbliebenen Wähler auch noch vergraulen? Das gilt in ähnlicher Form auch für die SPD: Die Enteignungsphantasien, die Kevin Kühnert dort frisch aus der marxistischen Mottenkiste hervorzauberte, wurden von den Wählern definitiv nicht honoriert. Wie wichtig Eigentum für ein Gemeinwesen ist, damit befassen wir uns übrigens ausführlich in der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 6/2019 „Eigentum – Gut für alle!“.

EU-Wahl 2019 – die wichtigsten Trends

Der positivste Wahltrend gleich vorweg: Haben Sie noch etwas von Putins Hackern gehört? Nein? Wir auch nicht. Damit dürfte auch relativ klar geworden sein, was vom Argument russischer Wahlbeeinflussung zu halten ist. Dieser Schachtelteufel wird nur dann nach der Auszählung bemüht, wenn ein Sündenbock für ein schlechtes Ergebnis gesucht wird. Diesmal war das tonangebende Establishment der Leitmedien jedoch hochzufrieden. Betrachtet man die Sendeanteile grüner Spitzenpolitiker und des bis zum Erbrechen gespielten Klimathemas, dann, so wurde im Internet bereits gescherzt, sollte der Rundfunkzwangsbeitrag eigentlich als Parteispende steuerlich absetzbar sein. Die neue grüne Insel der EU ist jedenfalls nicht länger Irland, sondern Deutschland. Allerdings zeigte sich der Trend nur im Westteil „Irrlands“, vorzugsweise in den meinungsführenden Metropolen wie Berlin, München und Hamburg. Schon Ostdeutschland, wie auch die meisten anderen EU-Staaten, mochten dem neuen grünen Sonderweg nicht wirklich folgen. Die Klimahysterie ist mittlerweile deutscher als Knödel & Kraut. Aber auch anderswo florierte das Geschäft mit der Angst und mit der Wut. „Ich will, dass Ihr in Panik geratet“ könnte der Leitspruch wirklich jeder populistischen Partei sein – egal, ob es um massenhafte Zuwanderung oder den baldigen Hitzetod der Erde geht. Die eigenen Ängste gelten dabei stets als berechtigte Sorge um die Zukunft, während die Ängste der anderen grundsätzlich irrational oder gar böswillig sind. Dabei sind Panikmache und Populismus tatsächlich weder an eine Farbe des politischen Spektrums noch an eine Weltanschauung gebunden.

 

Zu den Märkten

Der DAX hat heute den vergleichsweise flachen, rund fünf Monate währenden Aufwärtstrend mit einem Paukenschlag verlassen (vgl. Abb., rote Markierung). Dabei spielt es keine Rolle, ob man den entsprechenden Trendkanal auf Basis der Extremwerte (Dochte und Lunten) oder auf Basis der Kerzenkörper konstruiert (vgl. Abb., alternative Kanalkonstruktionen). Der Bruch ist nicht wegzudiskutieren und er ist charttechnisch bedeutsam. Die hohe Anzahl der Bestätigungen (vgl. Abb., graue Markierungen) zeigt, dass sich die technisch orientierten Marktteilnehmer durchaus an diesem Kanal orientiert haben. Lediglich, falls die untere Begrenzung dieses Kanals nun unmittelbar, kraftvoll und nachhaltig zurückerobert würde, könnte sich ein sogenanntes Fehlsignal ergeben, das dann positiv zu bewerten wäre. Dies halten wir jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Daher ist unsere Standarderwartung nun auf eine Fortsetzung der übergeordneten Baisse gerichtet, die mit der Vollendung der großen Schulter-Kopf-Schulter-Formation und dem Kurssturz im Schlussquartal 2018 begonnen hatte. Der flache Aufwärtstrend wäre demnach nur eine ausgedehnte technische Reaktion gewesen. Saisonal passt dieses Szenario übrigens recht gut zur Regel „Sell in May and go away“ sowie zu der an dieser Stelle schon mehrfach beschriebenen Sorglosigkeit der Marktteilnehmer.

Smart Investor 6/2019:

Healthcare: Gesundheit in kleinen Dosen

Beteiligungsgesellschaften: Tops, Flops und das gesunde Mittelmaß

 

SoftBank Group: Zwischen Genie und Wahnsinn

 

Fazit

Wenn die EU-Wahl eines gezeigt hat, dann wohl dieses: Wer die Klaviatur der Ängste am besten beherrscht, mobilisiert die meisten Stimmen. Hoffentlich gerät die Vernunft in der Politik darüber nicht noch weiter ins Hintertreffen.

Ralph Malisch, Ralf Flierl

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