„Euro wird eine Schwachwährung“

Interview

Gespräch mit dem in der Schweiz ansässigen Vermögensverwalter Dr. Holger Schmitz über die Zukunft des Euro und der EU sowie über die Schweiz

 

Smart Investor: Dr. Schmitz, wir haben schon des Öfteren miteinander gesprochen – und immer wieder haben Sie dabei die Politik der EZB unter Mario Draghi auf das Schärfste kritisiert. Bald tritt der Italiener ab, die Französin Christine Lagarde wird seine Nachfolgerin. Für Sie Grund zur Hoffnung?
Schmitz: Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Mit Lagarde wird eine Fortsetzung der Draghi-Politik festgelegt, denn der „Madame Nullzins“ – eine Titelzeile der Wirtschaftswoche – fehlt jegliches geldpolitisches Fachwissen. Sie wurde in erster Linie von Herrn Macron installiert, um per Nullzinspolitik den Schuldendienst für die Südländer – inklusive Frankreich – deutlich zu erleichtern.

Smart Investor: Lagarde ist also eine Garantin dafür, dass der Euro eine Schwachwährung wird bzw. bleibt. Was bedeutet das für einen Anleger aus dem Euroland?
Schmitz: Der muss sich gut überlegen, ob er seine Kaufkraft im Euro erhalten kann, insbesondere über einen längeren Anlagezeitraum. Für die Altersvorsorge muss ich die nächsten 20, 30 Jahre als Zeithorizont sehen – und genau da hat der Euro seine großen Schwächen, weil er an Kaufkraft viel stärker verliert als sogenannte Hartwährungen, wie beispielsweise der Schweizer Franken. Dieser wird weiter aufwerten.

Smart Investor: Wenn es zu einem erneuten Aufflackern der Staatsschuldenoder Bankenkrise kommt, mit welchen Maßnahmen ist dann vonseiten der EZB bzw. der EU-Bürokratie zu rechnen?
Schmitz: Meine größte Sorge ist, dass die EZB den Trend zu Negativzinsen noch weiter verstärkt. Wir sind hier bei Weitem noch nicht am Ende der Fahnenstange! Der bekannte Ökonom Kenneth Rogoff hat schon mehrfach erwähnt, dass er sich Negativzinsen von 6% vorstellen könne. Das ist aber nur möglich, wenn der bisherige Ausweg versperrt wird! Denn logischerweise würde man dann sein Buchgeld in Bargeld umwandeln, und genau dieser Weg wird systematisch verbaut: Final muss dann das Bargeld abgeschafft werden.

Smart Investor: Rechnen Sie denn auf absehbare Zeit mit einem Zusammenbruch des Euro?                                                                                                               Schmitz: Der große Einbruch könnte kommen, wenn Italien aus dem Euro austritt. Die Stimmung dafür ist bei den Italienern gegeben, und zwar nicht nur bei der Politik, sondern auch bei den Unternehmen und bei den Privaten. Ich residiere hier im Schweizer Tessin, zehn Kilometer entfernt von der italienischen Grenze. Da bekommt man schon mit, wie die Leute dort so denken. Alles Negative wird dort auf den Euro geschoben. Die italienische Wirtschaft ist seit 20 Jahren nicht mehr gewachsen. Die Italiener schieben die Schuld daran nicht den mangelnden Wirtschaftsreformen zu, sondern in erster Linie dem Euro. Früher haben die Italiener in ähnlichen Situationen ihre Lira abgewertet. Man hat ein Strohfeuer entfacht und dann funktionierte es wieder für eine Zeit. Nur das können sie natürlich jetzt nicht mehr.

Smart Investor: Gibt es denn konkrete Signale bezüglich eines Ausstiegs aus dem Euro?
Schmitz: Ja. Das Parlament in Rom hat Ende Mai für die Einführung der sogenannten Mini-Bots gestimmt. Das sind italienische Schatzanweisungen, die als eine Parallelwährung gesehen werden können. Damit hat Italien den ersten Schritt zum Euroaustritt gemacht. Den Ausstieg Griechenlands könnte der Euro verkraften, aber wenn mit Italien die drittgrößte Volkswirtschaft aussteigt, dann war’s das mit dem Euro.

Smart Investor: Der von uns schon mehrfach interviewte Dr. Markus Krall* sieht ab dem Jahr 2020 eine Bankkrise im Euroland. Teilen Sie diese Befürchtung?
Schmitz: Ich teile die Bedenken von Markus Krall. Wie schnell es gehen wird? Man neigt bei Problemen immer dazu, zu sagen: Das dauert nicht mehr lange. Man denke nur an die Blase am Neuen Markt in den späten 1990ern. Es hat noch eine ganze Zeit gedauert, bis es dann zusammengebrochen ist. Aber es geht hier nicht mehr um das Ob, sondern um das Wann. Die Auswirkung wird eine Enteignung der Sparer sein. Das Geld, das auf dieser Seite verloren oder auch mit Hunderten von Milliarden von Staatsseite wieder hineingepumpt wird, um die Kettenreaktion aufzuhalten, das muss ja irgendwo herkommen. Ich vermute mal, dass man den Bürger anzapfen wird, in welcher Form auch immer.

Smart Investor: Krall rät zu Anlagen außerhalb des Euroraums. Zu seinen Favoriten zählt Großbritannien, gerade wegen des Brexit. Pflichten Sie dem bei?
Schmitz: Ich kann die Engländer nur beglückwünschen, wenn sie aus der EU austreten, aber ich sehe natürlich Probleme für den Restbestand der EU, insbesondere auch für Deutschland. In meinem Artikel „Kommt der Brexit, sollte Deutschland aus dem Euro austreten“ in der Zeitschrift „DAS INVESTMENT“ habe ich einen Aspekt angesprochen, der bisher kaum beachtet worden ist. Bislang gab es eine sogenannte Sperrminorität, die die Hartwährungsländer zusammen mit Großbritannien hatten. Wenn Letzteres nun aus der EU aussteigt, dann fällt diese Sperrminorität weg, d.h., die Südländer können dann quasi die gesamten Entscheidungen dominieren. Länder wie Deutschland, die Niederlande, Belgien, Österreich und Finnland müssen dann also erdulden, was die Schwachwährungsländer mit ihnen machen. Deshalb habe ich in meinem Artikel geschrieben, dass Deutschland auch endlich mal die Konsequenzen ziehen sollte, z.B. die Begrenzung der TARGET2-Salden.

Smart Investor: Sie sind vor dem Hintergrund Ihrer langfristigen Einschätzungen seit eh und je ein Freund der Edelmetallanlage. Wie sehen Sie die baldigen Verschärfungen beim unregistrierten Golderwerb?
Schmitz: Wenn die Grenze beim anonymen Goldkauf von derzeit 10.000 EUR auf die aktuell im Bundestag diskutierten 2.000 EUR herabgesetzt wird, dann kann man gerade mal noch einen Krügerrand anonym kaufen. Im Falle von irgendwann durchgeführten Enteignungen kann das entscheidend sein. Alleine die Tatsache, dass große Notenbanken wie z.B. die russische oder die chinesische in den letzten Jahren massiv Gold gekauft haben, zeigt doch, dass an dieser Anlage etwas dran sein muss. Eine weitere kleine Randnotiz: Malaysia hat vor wenigen Wochen eine Goldwährung für Ostasien vorgeschlagen. Das alles sind kleine Mosaiksteinchen für ein Gesamtbild, welches auf Folgendes hinausläuft: Wenn irgendwann alle Papierwährungen an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, dann muss man, um das Vertrauen der Anleger wiederherzustellen, einen Weg finden, eine Art Sicherheit einzubauen. Das könnte z.B. dann eine goldgedeckte oder zum Teil goldgedeckte Währung sein.

Smart Investor: Sie sind mit Ihrer Vermögensverwaltung als Deutscher seit vielen Jahren in der Schweiz ansässig. Hat sich das rein zufällig ergeben oder hatten Sie die heutigen Entwicklungen damals schon geahnt?
Schmitz: Ich ging 1994 zwar aus privaten Gründen in die Schweiz, aber die Vorteile, die man in der Schweiz genießt, – Sicherheit in der Politik, sichere Währung etc. – haben mich überzeugt. Isoliert betrachtet wäre Deutschland, so wie es vor 20 Jahren noch war, sicher eine gute Alternative für Anleger. Als Teil des Euro ist es das aber nicht mehr.

Smart Investor: Eurokrise, Schuldenkrise, Bankenkrise – wie man es sich auch betrachtet, es wirkt, also müssten wir uns in der EU auf etwas ganz Großes gefasst machen. Gibt es Schutz?
Schmitz: Zwei Ebenen sind mir dabei wichtig. Das Eine ist die Währungsebene, das Zweite ist dann die Vermögensklassenebene. Bei der Währungsebene profitiere ich natürlich dann am meisten, wenn ich mich in einer Eurokrise vom Euro fernhalte. Das heißt, ich muss mein Vermögen – mindestens teilweise – außerhalb des Euros anlegen. Mit Blick auf die Vermögensklasse wähle ich sicher nicht Bargeld, sicher keine Anleihen und auch keine Kapitallebensversicherung. Da kommen nur noch liquide reale Assets, also Sachwerte in Form von Unternehmensbeteiligungen, sprich Aktien, oder auch Gold und Silber infrage. Das alles sind auch fungible Sachwerte, die nicht so schwierig zu veräußern sind, wie z.B. Immobilien. Immobilien zum Eigennutz sind in Ordnung, aber zusätzlich noch Wohnungen zur Vermietung zu kaufen, halte ich für gefährlich. Sehen Sie sich dazu nur die aktuellen politischen Entwicklungen in Berlin an!

Smart Investor: Dr. Schmitz, danke für das abermals interessante Gespräch.

Interview: Ralf Flierl

 

 

Über Dr. Holger Schmitz
Dr. Schmitz ist bereits seit 1988 in der Vermögensverwaltung tätig und arbeitete mehrere Jahre bei der FIDUKA Depotverwaltung im direkten Austausch mit Börsenlegende André Kostolany zusammen, bevor er sich 1993 selbstständig machte. Neben der individuellen Beratung und dem persönlichen Depotmanagement erhalten Kunden durch die Kooperation mit der SCHMITZ & PARTNER AG – Privates Depotmanagement die Möglichkeit, in zwei sich ergänzende Vermögensverwaltungsfonds zu investieren: den Schmitz & Partner Global Offensiv sowie den Schmitz & Partner Global Defensiv. Die SCHMITZ & PARTNER AG – Privates Depotmanagement mit Sitz im Tessin, Schweiz, wurde 1997 zur individuellen Betreuung im Vermögensverwaltungsbereich gegründet. Die SCHMITZ & PARTNER AG arbeitet partnerschaftlich mit der 2005 ebenfalls von Dr. Holger Schmitz gegründeten Schmitz & Cie. GmbH – Individuelle Fondsberatung mit Sitz in München zusammen.