Smart Investor 2/2020 – Der Kampf um das „exorbitante Privileg“

Die Entwicklung internationaler Schlüsselwährungen als Triebkraft der Geopolitik

Gastbeitrag von Dr. Daniel Hoffmann

Gegenwärtig leben wir in einer Welt des Umbruchs. Von Venezuela, Frankreich, der Ostukraine über Syrien und den Iran bis nach Hongkong – weltweit flammen derzeit scheinbar chaotisch Konflikte auf. Dabei liegt der Schlüssel zum Verständnis der Triebkräfte der Geopolitik in der Analyse der Entwicklung internationaler Schlüsselwährungen.

Die Wissenschaft Geopolitik
Geopolitik als Wissenschaft beschreibt den Gang der Weltgeschichte verortet in Raum (Geografie) und Zeit (Geschichte) entlang von drei Dimensionen: Ökonomie (Produktions- und Geldkreisläufe), Politik (Rechtsetzung und Durchsetzung, im Extrem auch mit Gewalt) sowie Ideologie (Weltanschauung, Wissenschaft, Religion etc.). Sie verknüpft insbesondere die Disziplinen „politische Geografie“ und „politische Ökonomie“. Die Erde enthält natürlichen Reichtum. Dieser ist verschieden verteilt. Mensch und Erde sind über geschichtliche Kontinuitäten unterschiedlich miteinander verbunden. Mit der Entwicklung von der Stammesüber die Feudal- hin zur Eigentumsgesellschaft „regiert das Geld (und seine Dynamik) die Welt“. Die entsprechenden Staats-, Rechts- und Währungsordnungen sind zivil- und streitkräfteökonomisch basiert. Die Beobachtung der Entwicklung internationaler und regionaler Schlüsselwährungen in ihren geopolitischen Dimensionen ermöglicht die Vermessung des „globalen Spiels der Macht“. Es stehen nun die notwendigen Parameter zur Verfügung. Politik und Ideologie kommen mittelfristig nicht gegen die ehernen Gesetze der Ökonomie, Ökologie und Geografie an, wie das Schicksal des sowjetischen Kommunismus eindrucksvoll belegt.

Unipolare Weltordnung – der US-Dollar als internationale Schlüsselwährung
In der unipolaren Weltwährungsordnung von heute ist der US-Dollar die internationale Schlüsselwährung, um die sich regionale Schlüsselwährungen wie Euro, Pfund, Yuan, Yen, Franken usw. drehen. Hierbei existieren drei Ebenen: die globale, die einzelner Weltregionen und die nationale. Demnach gibt es begrifflich abgegrenzt nationales Geld sowie regionale und internationale Schlüsselwährungen. Aus der Funktion des Geldes als Recheneinheit, Tausch- und Zahlungssowie Wertaufbewahrungsmittel in Verbindung mit bestimmten Eigenschaften von nationalen, regionalen und internationalen Märkten, Güterarten und Unternehmen lassen sich deren Entstehungsund Erhaltungsbedingungen ableiten. Auf allen drei Ebenen wiederum sind die drei Arten von Geld (Warengeld sowie chartales und girales Kreditgeld) wiederzuerkennen. Der US-Dollar als nationales Geld der Staates USA hat als internationale Schlüsselwährung aus der Internationalgeldperspektive Warengeldcharakter, da er zunächst aus dem „Sozialprodukt“ der US-Volkswirtschaft entnommen werden muss, um international als Geld verwendet werden zu können. Vereinfacht gesprochen muss zunächst etwas in die USA verkauft werden, um mit dem Erlös in Saudi-Arabien Öl kaufen zu können.

Das „exorbitante Privileg“
Die Verwendung von nationalem Geld als Internationalgeld bringt ein „exorbitantes Privileg“ mit sich. Die Nation, welche das Internationalgeld emittiert, – heutzutage die USA – kann sich über lange Zeit ein Zwillingsdefizit in Form eines defizitären Staatshaushalts sowie einer passiven Leistungs- und Zahlungsbilanz leisten, weil das leistungsbilanziell abfließende Geld aus der Logik der internationalen Wertaufbewahrungsfunktion des US-Dollar heraus wieder in den US-Kapitalmarkt zurückfließt. Das über die City of London laufende Petro-Dollar-Recycling und die Billionen schweren US-Dollar-Währungsreserven Chinas und Japans sind Ausdruck davon. Die starke Währung des Landes erlaubt es den dortigen Unternehmern, günstig ausländische Unternehmen zu übernehmen und weltweit insbesondere die einträglichen Rohstoff- und Finanzmärkte zu dominieren. Länder mit „reichtumsbedingter“ passiver Leistungs- und Zahlungsbilanz hätten aber ohne stetigen Kapitalrückfluss aus den wohlhabenden Industrie- und Rohstoffexportländern das Problem, dass ihre Währung ständig unter Abwertungsdruck stünde, würden nicht die eigene oder ausländische Zentralbanken eingreifen.

Die destruktive Rolle der Xenomärkte
Das Bretton-Woods-System scheiterte in den 1970er-Jahren, weil Frankreich, Deutschland und andere Länder nicht mehr bereit waren, via Aufbau von US-Dollar-Währungsreserven Dollarinflation zu importieren und ewige US-Kriege zu finanzieren. Infolgedessen wurde das heutige Währungskonkurrenzsystem geschaffen, in dem der US-Dollar via Dollarprivilegierung im Ölhandel seitens der OPEC angeführt von Saudi-Arabien und dem Iran seine alte Bedeutung aufrechterhalten konnte. Durch die anschließenden ungebremsten internationalen US-Dollar-Giralgeld-Schöpfungsmöglichkeiten der londonbasierten und dadurch von der US-Zentralbank nicht kontrollierbaren Xenomärkte (Fremdwährungsmärkte, u.a. Euro-Dollar-Markt; Offshore-Märkte) kam es zu einer Finanzialisierung der Finanzmärkte. Schuldenkrisen in den 1970er- (Afrika), 1980er- (südliches Amerika), 1990er- (Eurasien) und 2000er-Jahren (Europa) waren die Folge. 2008 jedoch kam der innere Teil der Weltgeldpyramide, der Interbankengiro, kurzzeitig zum Einsturz. Die US-Zentralbank wurde genötigt, den londonbasierten Xenomärkten unbegrenzt beizustehen. Der Kern der Macht der offshore operierenden angelsächsischen Finanzinstitute war bedroht.

Quelle: GECF

Russisch-chinesischer Vorschlag zur Überwindung des „Triffin-Dilemmas“
Russland und China schlugen in dieser Situation vor, zu einem multipolaren Weltfinanzsystem überzugehen, in dem das Triffin-Dilemma des US-Dollar überwunden wäre und die Sonderziehungsrechte des IWF – als Korbwährung der regionalen Schlüsselwährungen jeder Weltregion, die in festen, aber anpassbaren Wechselkursen zueinander stünden (ähnlich wie heutzutage der Yuan zum Dollar und früher im Bretton-Woods-System) – die internationale Schlüsselwährung wäre. Parallel dazu formierte sich die „Gas-OPEC“ unter Russland, dem Iran und Katar, mit dem Ziel, zu bestimmen, in welcher Währung bepreist und verrechnet wird. Gemeinschaftswährungsprojekte im Fernen Osten, im postsowjetischen Raum, zwischen den Golfstaaten, in Afrika und Südamerika wurden in Gang gebracht, gewaltige Pipelineprojekte von Russland und dem Iran gen Westen und Osten ergänzend zur Neuen Seidenstraße Chinas angedacht und in Russland ein hochinnovatives Rüstungsentwicklungsprogramm gestartet, welches die auf dem US-Raketenabfangschild basierende, auf „volle Dominanz über a l le Staaten der Erde“ strebende unipolare Militärstrategie („fullspectrum dominance strategy“) der USA kontern sollte.

Abwehr der russisch-chinesischen Strategie
Mit jedem Umsetzungsschritt der russisch-chinesischen Strategie eskalierten in der Folge – der Strategie entgegenwirkende – Finanzkrisen und geopolitische Konflikte mit amerikanisch-britischem Involvement (Dubai, Eurokrise, „Arabischer Frühling“, Japan, Nigeria, Syrien, Ukraine, Nordkorea, Hongkong, Kaschmir usw.). Trump ist mittlerweile offen zu hybriden Sanktions-, Währungs- und Handelskriegen übergegangen. Er versucht verständlicherweise, das Problem der passiven US-Leistungs- und Zahlungsbilanz zu beheben, jedoch gleichzeitig die internationale Rolle des US-Dollar in der jetzigen unipolaren Form zu bewahren. Beides gleichzeitig ist jedoch geldtheoriebedingt nicht mögl ich, sodass sich die „Pax Trump“ nur durch Win-lose-Situationen durchsetzen ließe. Dieses grundsätzliche Problem katalysiert sich aktuell im „Irankonflikt“.

Unvermeidliche Konflikteskalation
Ende 2018 eröffnete die Ölbörse in Schanghai. 2019 eskalierte Trump den Handelskonflikt mit China. Ende 2019 wurde die russisch-chinesische Pipeline Kraft Sibiriens eröffnet, Russland schaltete sein eigenes „Internet“, das RuNet, frei und schloss sich dem chinesischen SWIFT-Ersatz an. Bargeldlose Zahlungen unabhängig vom US-Dollar sind nun auch technisch unabhängig möglich. Die USA verabschiedeten kurz vor Jahresschluss einen gewaltigen Militäretat und verhängten Sanktionen gegen in Fertigstellung befindliche russisch-deutsche und -türkische Pipelines (Nord Stream 2, Turk-Stream), während im Libanon, im Iran, in Irak und Hongkong, parallel zu Wahlen in Taiwan und dem „Sturm auf Idlib“, Massenproteste anhielten. In dem Moment, als Japan – mittlerweile größter US-Dollar-Reserve-Halter – sich als Vermittler im Irankonflikt anbot und sogar Zerstörer entsandte, eskalierte zu Jahresbeginn auf Geheiß Trumps die Lage durch die Tötung Soleimanis. Sollten sich die großen europäischen und asiatischen Exportnationen im Energiehandel vom Dollar abwenden, würden die USA ihr „exorbitantes Privileg“ verlieren. Doch Trump treibt die Ausstiegskosten ins „Unermessliche“. Er isoliert Abweichler mit ökonomischen wie auch militärischen Mitteln und erhebt via Hashtag das Damoklesschwert eines „Dritten Weltkrieges“.

Der vorliegende Artikel ist eine Kurzfassung einer sehr viel ausführlicheren Ausarbeitung, welche unter folgendem Link https://www.smartinvestor.de/wp-content/uploads/2020/01/Dr-Daniel-Hoffmann-Schriften-zur-Erforschung-des-Geldwesens.pdf abgerufen werden kann.

Der Finanzwissenschaftler Dr. oec. Daniel Hoffmann (Jahrgang 1981) ist als Politikberater in den Bereichen öffentliche Finanzen und Geldpolitik tätig.