Gefühlte Kausalität

Titelbild: © Brian Jackson – stock.adobe.com

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Corona, Flutkatastrophe und Quartalszahlen

Verselbständigter Forschergeist

Es ist eine der hervorragenden Eigenschaften des menschlichen Geistes, dass er Zusammenhänge erkennen und verstehen kann. Allerdings verselbständigt sich dieser Forschergeist in der Börsenwelt auch oft genug. Das ist immer dann der Fall, wenn Kausalitäten beschrieben werden, die alles andere als sauber hergeleitet wurden. Mitunter ist es lediglich die Gier nach einer plausibel klingenden Erklärung, die Zusammenhänge postuliert, wo keine sind. Selbst eine falsche Ursache-Wirkung-Beziehung ist gefälliger als chaotische Prozesse und dynamische Rückkopplungsschleifen zwischen Wahrnehmungen, Prognosen und Handlungen. Wenn uns also der Kurseinbruch des DAX vom Montag mit Sorgen vor einem weiteren Anziehen der Corona-Inzidenzzahlen erklärt wurde, dann kann auch dies nur vordergründig überzeugen: Steigende Inzidenzen führen perspektivisch zu neuen Beschränkungen für die Wirtschaft, was der Börse nicht gefallen kann, richtig?!

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Nachträglicher Erklärungsversuch

Klopft man dieses Argument auf seine Stichhaltigkeit ab, dann entpuppt es sich allerdings aus mehreren Gründen als ein nur wenig überzeugender nachträglicher Erklärungsversuch: Zum einen steigen die Inzidenzzahlen bereits seit rund zwei Wochen von einem zwischenzeitlich erreichten, sehr tiefen Niveau aus wieder leicht an – und zwar ohne, dass die Aktienmärkte darunter gelitten hätten. Es ist zwar denkbar, dass bei einer längeren Entwicklung irgendwann der sprichwörtliche Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, sehr überzeugend ist die Argumentation dennoch nicht: Erstens liefert sie keine Erklärung für die Dynamik des Kursgeschehens vom Montag und zweitens beschäftigte am Montag mit der Überschwemmungskatastrophe ein ganz anderes Thema Menschen und Medien.

Sturzflut

War also die Flut der Auslöser des Kurssturzes? Grundsätzlich dürften die Börsenwirkungen eines solchen, regionalen Einmalereignisses eher gering sein. Auch sind die Konsequenzen aus einem solchen Geschehen gar nicht so eindeutig, wie die Bilder der Katastrophe suggerieren. Natürlich sind Rückversicherer und Versicherer von Großschadensereignissen erst einmal negativ betroffen. Allerdings sollte nicht unterschätzt werden, dass es genau solche Ereignisse sind, die in der Zukunft die wesentlichen Verkaufsargumente für die angebotenen Versicherungsprodukte liefern werden und zugleich auch noch eine Steilvorlage für „notwendige Prämienanpassungen“ sind – nach oben, versteht sich.

„Force Majeure“

Selbst bei den unmittelbar betroffenen Unternehmen ist für den Außenstehenden oft nicht sofort klar, in welchem Ausmaß ein Betrieb vor Ort in Mitleidenschaft gezogen wurde und ob die entstandenen Schäden ausreichend versichert waren. So kündigte der MDAX-Konzern Aurubis für die Aurubis Stolberg GmbH & Co. KG aufgrund der Überschwemmungen den Stopp der Produktion im nordrhein-westfälischen Stolberg an. Das Unternehmen erklärte in seiner Pressemitteilung vom Freitag explizit „Force Majeure“. Es ist also von höherer Gewalt betroffen, „eine Belieferung von Kunden und eine Abnahme von Zulieferungen sind aktuell unmöglich“. Da sich Aurubis Stolberg als „einer der führenden europäischen Hersteller von Halbzeugprodukten aus Kupfer und Kupferlegierungen“ sieht, dürfte sich die ohnehin angespannte Liefer- und Preissituation in den betroffenen Branchen – Elektro, Elektronik, Automotive, Maschinenbau – auch aus diesem Grund noch etwas eintrüben.

Unauffällig im Geleitzug

Hier haben wir also genau eine fundamentale Situation, die eigentlich ordentlich Druck auf den Kurs ausüben sollte. Betrachten wir aber die Kursentwicklung der letzten Tage – Abb. 1 zeigt die Kurse von Aurubis in rot, Münchener Rück in blau und des DAX in schwarz – dann fällt auf, dass sich Aurubis im Wesentlichen so entwickelt hat wie der DAX selbst. Die Münchener Rück hat sich nach einem ersten Schrecken zuletzt sogar wieder deutlich besser gemacht. Insgesamt haben sich also zwei marktschwere Aktien, die von den Ereignissen der vergangenen Tage besonders betroffen sein sollten, im Wesentlichen so entwickelt wie der Index selbst. Vor diesem Hintergrund erscheint es einigermaßen verwegen, aus solchen Einzelereignissen auf die weitere Kursentwicklung schließen zu wollen. Zwischen externen Impulsen und den eigentlichen Kauf- und Verkaufsorders befinden sich eben die Anleger, und in deren Köpfe kann man nicht hineinschauen.

Auf die Erwartung kommt es an

Ein weiterer wesentlicher Punkt für die Kursentwicklung ist die bis zum Eintritt eines Ereignisses vorhandene Erwartungshaltung. Für die Hochwasserkatastrophe dürften im Vorfeld bei den Marktteilnehmern keine konkreten Vorahnungen vorgelegen haben. Zwar gibt es ein diffuses Wissen über bekannte Überschwemmungsgebiete, aber solche Hintergrundinformationen entfalten im Alltag regelmäßig keine Wirkung. Kurz gesagt: Die Flut kam für die weit überwiegende Mehrheit der Menschen überraschend. Etwas anders liegt der Fall bei unserem Corona-Eingangsbeispiel. Im Prinzip werden die meisten davon ausgehen, dass die Inzidenzzahlen zum Herbst wieder kräftig anziehen. Ferner dürfte es auch kaum jemanden überraschen, dass nach den im Frühsommer erreichten Tiefständen – auch als Folge von Ferienzeit und Öffnungen – wieder leicht höhere Werte registriert werden. Insofern erscheint es wenig plausibel, dass ausgerechnet Marktteilnehmer, die vermutlich sogar etwas abgeklärter handeln als der Bevölkerungsdurchschnitt, davon ernsthaft überrascht gewesen sein sollen.

Wie wichtig Erwartungen sind, zeigt sich regelmäßig auch in der Berichtssaison. Eine der Schlagzeilen, die beispielsweise heute zu lesen war, lautete: „Sartorius verdoppelt Nettogewinn – Aktie verliert“ Das irritiert allenfalls Menschen, die mit der Börse wenig bis gar nichts zu tun haben. Denn die Aktie war bis zur Veröffentlichung der Zahlen bereits kräftig angestiegen und kann auf eine lange Historie von Gewinnsteigerungen verweisen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen – und die müssen noch nicht einmal enttäuscht worden sein, es genügt einfach, dass die guten Nachrichten nun allen bekannt sind, und erstmal keine weiteren positiven Impulse anstehen – „Buy the rumour, sell the fact“, wie es unter Börsianern heißt. Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe liegt der Sartorius-Kurs übrigens schon wieder leicht im Plus – und selbst das kann gestandene Börsianer nicht wirklich überraschen.

Zu den Märkten

Was also löste am Montag die Verkaufswelle im DAX aus?! Wir denken, dass dies vor allem der, an dieser Stelle zuletzt mehrfach beschriebenen mangelnden Aufwärtsdynamik geschuldet war. Wenn der Index aber keine Anstalten macht, kraftvoll nach oben zu starten, dann ist es für viele Anleger eine relativ naheliegende Sache, diese Hängepartie nach unten abzusichern. Auch potenzielle Käufer haben es in dieser Situation nicht unbedingt eilig – ihnen läuft ja nichts davon. Der Kursrutsch vom Montag war dann, wenn man so will, einer mit Ansage. Dies bedeutet nun allerdings nicht, dass es auch zwangsläufig in dieser Richtung weitergehen muss. Zwangsläufig ist an der Börse ohnehin gar nichts.

Aktuell sollte man vor allem das Umsatzverhalten beobachten: Natürlich sind die Umsätze am Montag deutlich angezogen. Das dürfte auch am „Herausregnen“ von Stopp-Loss-Orders gelegen haben. Insofern war der Kursrückgang genau jene Bereinigung – oder erst ein Teil davon?!  –, die sich etliche Marktteilnehmer geradezu herbeigesehnt hatten. Die wieder anziehenden Kurse am Dienstag waren von niedrigeren Umsätzen begleitet, was diese Bewegung als Korrektur auf den Kursrückgang des Vortages ausweist (vgl. Abb. 2). Die Umsatzentwicklung bewerten wir derzeit entsprechend als negativ.

Auch sind wir unter deutlich anziehender Volatilität (rote Linie) sowohl aus dem Aufwärtskanal als auch aus dem aufsteigenden Keil herausgefallen (blaue Begrenzungslinien) – ebenfalls negativ. Es kann aus dieser technischen Sicht also gut sein, dass sich die Kurskorrektur noch eine Weile fortsetzt, bevor wir erste konstruktive Kursmuster sehen.

Wir werden des Öfteren gefragt, was es mit den in die Charts eingezeichneten Linien auf sich hat. In den hier verwendeten halblogarithmischen Charts geben Sie eine Vorstellung von den prozentualen Wachstumsraten von Trends. Ferner blicken auch viele Marktteilnehmer auf solche Linien und orientieren sich mit ihren Orders daran. Das ist auch der Grund, warum sich an wichtigen Marken oft eine Dynamisierung des Kursgeschehens zeigt. Denn wo solche Linien nachhaltig verletzt werden, passen sich die technisch orientierten Marktteilnehmer an die veränderte Situation an. Stellen Sie sich eine solche Trendlinie aber bitte nicht als harte Mauer vor. Sehen Sie darin vielmehr eine Arbeitshypothese, die immer wieder anhand der Kursentwicklung überprüft und getestet wird. Falls eine Trendlinie nachhaltig verletzt wird, muss die Arbeitshypothese entsprechend aufgegeben werden. Mit Zauberei hat das natürlich nichts zu tun.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Was ist das Fundament der Kurse? Was ist lediglich Auslöser für eine Bewegung und wo wird einfach nur eine Erklärung für Bewegungen nachgereicht, die man vorher nicht hatte kommen sehen? Es lohnt sich, über diese Fragen nachzudenken.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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