Gekommen, um zu bleiben

Titelbild: © photoschmidt – stock.adobe.com

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„Vorübergehende“ Phänomene einst und jetzt

Wenig überraschend

Ganz überraschend kamen die Steigerungen der Verbraucherpreisindizes – vulgo: Inflation – im Juli nicht. Gleich in mehrfacher Hinsicht waren dies Preissteigerungen mit Ansage: Zum einen sehen wir schon seit Monaten einen Trend zunächst leicht und dann immer stärker anziehender Steigerungsraten, der nun zu einem Plus von satten 3,8% gegenüber dem Vorjahresmonat führte, was nebenbei bemerkt der höchste Wert seit drei Jahrzehnten ist. Dies freilich ist nur die Chronik einer Entwicklung, nicht aber deren Ursache. Es bedarf schon einer verfestigten Inflationsmentalität – also einer Erwartung immer weiter steigender Preise –, damit die veröffentlichten Preisdaten selbst zu handlungsauslösenden Signalen werden, wie dies etwa in Phasen einer galoppierenden Inflation der Fall ist.

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Augenauswischerei mit der „Kerninflation“

Was also sind die Ursachen? Diese Frage ist deshalb wichtig, weil man daraus Schlussfolgerungen über die Nachhaltigkeit der beobachteten Preissteigerungen ziehen kann. Im Mainstream werden hohe Zahlenwerte und/oder Überraschungen nach oben gerne „wegerklärt“. Die beiden gängigsten (Weg-)Erklärungsmuster bestehen in stark schwankenden Komponenten sowie in Basiseffekten. Schwankende Komponenten sind etwa Nahrungsmittel und Energie, die deshalb auch bei der Ermittlung der sogenannten Kerninflation ausgeklammert werden. Das aber ist ein bloßer Marketing-Gag. Denn erstens kann niemand ohne Nahrungsmittel- und Energiezufuhr über längere Zeit existieren, und zweitens wird durch das Ausklammern dieser beiden Bereiche so getan, als ob es dort über die Schwankungen hinaus gar keine Trendkomponente gäbe, was unzutreffend ist. Auch das Ausklammern administrierter Preise, also solcher Preise, die von der Politik selbst festgesetzt werden, dient nicht der Ermittlung eines zutreffenderen Bildes, sondern der statistischen Eliminierung zuverlässiger Preistreiber.

Feste Basis – für ein Jahr

Bei den Basiseffekten geht es dagegen um Preisveränderungen, die in der entsprechenden Vorjahresperiode stattgefunden haben. Wenn etwa, wie in den Monaten Juli bis Dezember 2020, die Mehrwertsteuer von 19% auf 16% bzw. von 7% auf 5% (ermäßigter Satz) gesenkt wurde, dann sind die Monate Juli bis Dezember 2021 von einem solchen Basiseffekt betroffen. Die Preissteigerungsraten fallen in diesem Zeitraum gegenüber der Vorjahresperiode also entsprechend höher aus. Ein Effekt, der im Jahr 2022 auch tatsächlich wieder aus der Statistik verschwindet. Anders verhält es sich mit Steuerveränderungen – meist Erhöhungen – die nicht nur vorübergehender Natur sind. Seit Januar 2021 wird beispielsweise eine neue Steuer, die sogenannte CO2-Steuer fällig. Der anfängliche Satz wurde auf 25 EUR/Tonne CO2 festgesetzt und muss beim Erwerb der meisten fossilen Brenn- bzw. Kraftstoffe bezahlt werden. Entsprechend wird diese Preiserhöhung seit Anfang Januar in den Preisindizes mitgeschleift. Auch hier wirkt ein Jahr später, also ab Januar 2022, der Basiseffekt, und zwar preisdämpfend. Dies, obwohl die CO2-Steuer ab da sogar auf 30 EUR/Tonne angehoben werden wird. Entscheidend ist die Veränderung, das Delta, und die wird geringer, von +25 EUR auf +5 EUR. Die Verbraucher aber bezahlen dennoch mehr, weil der erst Preiseffekt (+25 EUR) weiter auf ihren Portemonnaies lastet, während er aus dem Index dann bereits wieder herausgefallen sein wird.

Nicht Preistreiber, sondern Preisdämpfer

Daneben gibt es aber auch echte Sondereffekte, die vermutlich keinen Bestand haben. Wir denken da insbesondere an einige der Preissteigerungen, die Folge der Lockdown-Politik sind. Die Verspannungen betreffen über komplexe Produktionsprozesse und -lieferketten die unterschiedlichsten Bereiche. Aber die Preissteigerungen bei Computerchips, Kupfer, Bauholz, Containern oder Schiffsraten rufen findige Unternehmer auf den Plan, die genau davon profitieren wollen. Im Gegensatz zu den vorherrschenden, marktfeindlichen Narrativen, wirken diese Unternehmer nicht preissteigernd, sondern preisdämpfend – und dies auch noch, obwohl sie aufgrund der Preisanreize vor allem im wohlverstandenen Eigeninteresse tätig werden. Dort wo die Preiserhöhungen allerdings durch neue Auflagen wie Hygienekonzepte etc. ausgelöst wurden, kann man erst einmal nicht auf eine nur vorübergehende Natur der Preissteigerungen hoffen, weil die erhöhten Kosten nicht einfach wieder verschwinden werden.

„Vorübergehend“

Aus diesen Betrachtungen gibt es also durchaus auch Argumente für eine nur „vorübergehende“ Inflationsspitze. Dennoch war und ist wenig überzeugend, wie schon nach den hohen Zahlen der Vormonate fast beschwörend die Formel von der nur vorübergehenden Inflation ausgegeben wurde. Das erinnert an ein Ereignis, das am 15. August genau 50 Jahre zurückliegen wird und sehr viel mit Geldentwertung zu tun hat – auch mit der aktuellen: Die Schließung des „Goldfensters“ durch den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon im Jahre 1971. Eine Maßnahme, die „Tricky Dick“ damals übrigens ebenfalls als „vorübergehend“ bezeichnete. „Vorübergehend kann auch 50 Jahre sein“, wie der Goldexperte Dimitri Speck im Gespräch mit Smart Investor lakonisch feststellte. Das Thema ist so bedeutsam, dass wir ihm im aktuellen Smart Investor 8/2021 sogar die Titelgeschichte gewidmet haben. Denn die völlige Loslösung des US-Dollar und damit letztlich auch aller anderen Papier- und Kreditwährungen vom Gold machte erst jene Geldvermehrungs- und Schuldensexzesse möglich, die heute nicht nur Preissteigerungen antreiben, sondern zu einer Bedrohung der Wirtschaftsordnung geworden sind.

Der Elefant im Raum

Es ist schon merkwürdig, wie penetrant dieser Elefant im Raum übersehen wird. Denn ohne die exzessive Geldvermehrung der Notenbanken würden punktuelle Engpässe der Realwirtschaft nicht zu einer Steigerung des allgemeinen (!) Preisniveaus führen. Da diese Form der „Krisenbewältigung“ nicht erst seit Corona praktiziert wird, wurden in der Zwischenzeit gewaltige Schulden- und (!) Guthabenberge aufgetürmt, die mit der realen Wirtschaftsleistung beim herrschenden Preisniveau nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen sind, besonders dann nicht mehr, wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt und Sparer ihre Guthaben in reale Waren und Dienstleistungen ummünzen wollen. Bei allen möglichen Assetklassen beobachten wir diese Flucht aus dem Geld bereits seit Jahren. Die Kombination aus Nullzins und einer deutlich steigenden Inflation machen das Halten von nominalen Guthabenpositionen nun noch attraktiver als es schon bislang war. Und diese über Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte, aufgebauten Gutenhaben hängen mit ihrer im Wesentlichen nur noch gefühlten Kaufkraft als gewaltiges Schneebrett über der Realwirtschaft. Allzu viel muss wohl nicht mehr geschehen, damit sich das lawinenartig entlädt. Austrians bezeichnen eine solche Entwicklung bekanntlich als Crack-up-Boom, in dem vor allem die nominalen Preise der Assets und Güter in die Höhe schnellen. Eine neuere Entwicklung ist aktuell lediglich, dass dieser Geldüberhang nicht länger nur die Asset-Märkte wie Aktien und Immobilien trifft, sondern vermehrt auch immer mehr normale Konsumgüter.

In die Enge gerettet

Dabei sind die vom Gold losgelösten Notenbanken über die Jahrzehnte in einen regelrechten Rausch der Machbarkeit verfallen. Immer absurdere Blüten trieben die „Rettungsaktionen“ und schon nach der Finanzkrise 2008 war schwer vorstellbar, wie die damaligen Maßnahmen noch einmal getoppt werden könnten. Am Ende werden sich die Notenbanken aber wohl selbst derart in die Enge getrieben haben, dass sie mit einer weiteren Geldschwemme eigentlich nur noch die Fluchtreaktion aus ihrem Geld befeuern und den Ausweg in einer (digitalen) Währungsreform suchen müssen. Angesichts der erreichten Fragilität der weltweiten Schuldenpyramide erscheint eine Rückkehr zu einer soliden Geldpolitik ausgeschlossen, was wiederum erklärt, warum man Zuflucht zu einer bloß verbalen Bekämpfung der Inflation und einem Kleinreden der Preissteigerungen genommen hat.

Zu den Märkten

Wenn man an Alternativen zu den Papier- und Kreditgeldern denkt, kommen einem traditionell als erstes die Edelmetalle, allen voran Gold, in den Sinn. Schließlich hatte Gold die Geldfunktion über einen längeren Zeitraum inne als US-Dollar, Euro & Co. zusammen. Auch ist dem Goldkurs die Loslösung vom US-Dollar (vgl. oben und Titelstory des neuen Smart Investor 8/2021) alles andere als schlecht bekommen. Wenn wir den Beginn von Pandemie und Pandemiepolitik einmal mit Januar 2020 ansetzen, dann zeigt unsere Abb., dass auch das Gold (orange Linie) davon per Saldo profitiert hat. Allerdings steht es damit nicht nur im Schatten der Aktienmärkte, sondern ganz besonders in dem des Bitcoin, der in nicht einmal zwei Jahren um mehr als 400% zulegen konnte, und zwar sogar noch nach der kräftigen Korrektur der letzten Monate. In der Spitze lag der Krypto-Methusalem sogar um mehr als 650% vorne. Das ist so gesehen, ein gewaltiges Misstrauensvotum gegenüber den etablierten Notenbanken und ihrer Geldpolitik. Denn während Powell, Lagarde & Co. sich mit gigantischen Apparaten als offiziell als die einzig wahren Hüter der Geldwertstabilität betätigen (sollen), fliehen Anleger und Spekulanten in Scharen in einen „Hauch von nichts“ namens Bitcoin, von dem man bis heute noch nicht einmal weiß, wer dahinter steckt. Angesichts der inzwischen erreichten Niveaus würden wir Gold allerdings für weniger rückschlaggefährdet halten. Mag sein, dass man hier auch künftig nicht die Traumrenditen der Kryptowelt erzielen wird, ruhiger schlafen sollte man allemal.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Wer sich heute von inflationären Tendenzen überrascht zeigt, der verkennt, dass sie auf lange Sicht eine praktisch unvermeidbare Konsequenz der ultralockeren Geldpolitik sind. Lange Zeit konnte man sich über die dadurch angeschobene Asset-Preisinflation reich rechnen, nun drücken steigende Konsumgüterpreise aber auf die Stimmung.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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