Totalschaden mit Ansage

Titelbild: © djumandji – stock.adobe.com

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Wie der lange Arm von Evergrande die Märkte doch noch einholte

Augen zu und weg?

Eigentlich pfiffen es die Spatzen schon seit Wochen von den Dächern. Beim chinesischen Immobiliengiganten Evergrande Real Estate Group, immerhin der zweitgrößte Chinas, lief es – milde ausgedrückt – nicht rund. Allerdings durften die Spatzen, wie die Financial Times berichtete, in China schon seit einiger Zeit nicht mehr pfeifen. Den Razzien gegen kritische Finanzblogger fiel auch Huang Sheng zum Opfer, denn das Regime ließ den bekannten Finanzanalysten mit 5 Millionen Abonnenten kurzerhand verhaften – ein Vorwurf findet sich immer. Andere reichweitenstarke und (!) kritische Kanäle wurden schon seit Wochen nicht mehr aktualisiert, was ebenfalls darauf schließen lässt, dass der Betrieb auf Druck von oben eingestellt wurde. Die chinesischen Kommunisten scheinen zu glauben, dass Probleme verschwinden, sobald nicht mehr über sie berichtet wird. Kleine Kinder praktizieren eine ähnlich erfolgreiche Strategie, indem sie sich die Augen zu halten, was sie im Handumdrehen unsichtbar werden lässt. Nur leider lieferte der Chart des Unternehmens weiter ein täglich aktualisiertes Bild des Grauens (vgl. Abb. 1).

Möglicher Pleitefall

Von der Spitze verlor die Aktie des Konzerns mehr als 90%. Die Geschwindigkeit, mit der das zuletzt geschah, deutet ziemlich klar auf einen möglichen Pleitefall. Soweit ist es allerdings noch nicht. Denn eine fällige Zinszahlung konnte nun doch in letzter Minute gesichert werden. Entsprechend schoss die Aktie heute zwischenzeitlich erst einmal wieder nach oben. Mehr als ein erleichtertes Aufatmen ist dies allerdings noch nicht, denn der Konzern hat über die nächsten Monate noch mehrere Hundert Millionen an Zins- und Tilgungszahlungen zu leisten. Das Erstaunlichste an dieser Episode ist, dass die Märkte weltweit erst an diesem Wochenende so richtig auf das Problem aufmerksam geworden sind, obwohl es bereits so lange vor sich hin schwelte. Und genau an dieser Stelle zwischen Istzustand, Erwartung und Kursfindung passieren immer wieder die größten Überraschungen.


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Grundsatz und Ausnahmen

Denn vom Grundsatz her ist die Börse ein Totalisator, der die unterschiedlichsten Zukunftserwartungen zum Ausgleich bringt. Die Märkte versuchen also zu antizipieren, was kommen könnte. Wenn eine Nachricht bereits bekannt ist, die Kurse aber nicht reagieren, kann dies zu dem sehr naheliegenden Schluss verleiten, dass diese Nachricht bereits im Kurs enthalten sei und damit für die weitere Entwicklung irrelevant wäre. Falls dem nicht so ist, erfolgt die Korrektur dann umso heftiger. Die Märkte antizipieren also nicht nur, sie können einer Entwicklung auch hinterherhängen. Zur Ehrenrettung des Marktmechanismus muss allerdings gesagt werden, dass die Börse in Hongkong sehr wohl das kommende Desaster erahnte (s.o.). Lediglich auf die Weltbörsen ist der Funke vergleichsweise spät übersprungen, als im Zuge der sozialen Ansteckung schlagartig realisiert wurde, dass dieses Problem nicht nur China betreffen könnte. Sofort waren die Erinnerungen an die Lehman-Pleite wieder da, wobei der Fall dort anders lag. Als eng vernetztes Finanzunternehmen hatten die Lehmänner eine ganz unmittelbare Sprengkraft für das Finanzsystem. Bei Evergrande besteht der Hebel in den gigantischen Schulden, die zahlreiche Kreditgeber wohl zu umfangreichen Abschreibungen nötigen werden.

Grundsätzlicher Strategiewechsel?

Auch scheint die Führung Chinas in letzter Zeit fast auf dem Kriegspfad gegen einige der heimischen Erfolgsbranchen zu sein. So ließ man gewinnorientierte Bildungsunternehmen kalt lächelnd über die Klinge springen, oder stellt missliebige Unternehmen bzw. Unternehmer auch schon einmal kurzerhand kalt. Ob es sich bei diesem Großreinemachen eher um eine Nachjustierung, eine Machtdemonstration oder um einen grundsätzlichen Strategiewechsel handelt, ist derzeit noch nicht klar zu erkennen. Auch ob, und in welcher Form eine Rettung von Evergrande erfolgen wird, ist – unabhängig vom positiven Tagesereignis – im Moment noch völlig offen.


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Wohl und Wehe des Immobilienmarkts

Der Fall Evergrande und das dadurch ausgelöste Börsenbeben zeigen aber ein weiteres Mal, warum es ausgerechnet die gerne als Hort der Stabilität angepriesenen Immobilien sind, die häufig Ausgangspunkt und Zentrum von Finanzkrisen darstellen. Denn unabhängig von chinesischen Besonderheiten weisen Immobilienmärkte weltweit ähnliche Charakteristika auf: Sie sind illiquide, intransparent und viele Eigentümer arbeiten mit hohen Kredithebeln. Zudem gehört der Immobiliensektor praktisch in jeder Volkswirtschaft zu den bedeutenden realwirtschaftlichen Segmenten. Falls hier etwas schiefgeht, kann es rasch zu negativen Rückkopplungen für die Gesamtwirtschaft kommen. Umso wichtiger ist es daher zu wissen, wo man steht, gerade nach einer Reihe von Erfolgsjahren. In der Titelstory „Immobilien – Blase bei Betongold?“ des brandneuen Smart Investor 10/2021 haben wir uns daher intensiv mit dem aktuellen Stand auf dem Immobilienmarkt auseinandergesetzt. Dabei haben wir nicht nur die aussichtsreichsten internationalen Blue Chips und Small Caps angesehen, im großen Tabellenteil finden Sie auch die aktuellen Kennzahlen der in Deutschland notierten Immobilienunternehmen, immerhin rund 50 Titel . Abgerundet wird das Ganze durch Interviews mit dem CEO der Deutsche Grundstücksauktionen AG, Michael Plettner und mit dem Mitglied des Rats der Immobilienweisen, Prof. Dr. Harald Simons. Das neue Heft erscheint rechtzeitig zum Wochenende.

Zu den Märkten

Die über das Wochenende hochgekochten Ängste vor einer Evergrande-Pleite erreichten am Montag auch endgültig die Weltbörsen. Exemplarisch ist der Kursverlauf des DAX, den Sie in Abb. 2 sehen. Nachdem der Markt am Montag bereits mit einem Abwärts-Gap eröffnet hatte, fand er erst bei knapp über 15.000 Punkten seinen Boden und konnte leicht oberhalb der Tagestiefs mit einem Minus von -2,3% schließen. Schon der vorangegangene Freitag zeichnete sich durch eine äußerst schwache, große schwarze Tageskerze aus. Das erwähnte Abwärts-Gap ist nun bereits das zweite innerhalb nur weniger Wochen (vgl. rote Rechtecke). Im Gegensatz zum Gap vom 8.9. Konnte das Gap von diesem Montag aber heute bereits wieder geschlossen werden. Das ist auf der einen Seite eine positive Nachricht, da so ein zweites Breakaway-Gap, das für eine dynamische Kursentwicklung in Richtung des Gaps steht, vermieden werden konnte. Auf der anderen Seite ist die Schließung eines solchen Gaps aber auch bereits die erste charttechnische Zielmarke einer Erholungsbewegung, der nun erneut die Puste ausgehen könnte. Während der Markt aus der Keilformation nun kraftvoll nach unten ausgebrochen ist (rote Linien), bleibt die Rückeroberung des kleinen Trendkanals (blaue Linien) ein weiterer, wenn auch kleiner positiver Aspekt. Überbewerten sollte man diesen im Moment aber schon deshalb nicht, da die rückläufige Umsatzentwicklung – der heutige Umsatzbalken war zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht abgeschlossen – auf den Korrekturcharakter dieser Gegenbewegung hindeutet. Es ist wieder einmal frappierend, wie sich die Charakteristik des Marktes pünktlich mit dem 1.9. komplett geändert hat (grüne, vertikale Linie). Natürlich ist hier nicht nur eine Art „saisonaler Magie“ am Werk, auf dem Markt lasteten neben den Evergrande-Turbulenzen auch Umfragen, wonach ein rot-grün-rotes Bündnis, bei den anstehenden Bundestagswahlen am kommenden Sonntag eine reale Option sein könnte. Sollte sich dies realisieren, müssten sich Aktionäre wohl erst einmal warm anziehen, und das bestimmt nicht, weil es durch die Erhebung von CO2-Steuern plötzlich so kalt geworden wäre.

Anlegermessen und Zeitmesser:

Am 23.10. findet die World of Value Investmentkonferenz im Steigenberger Airport Hotel in Frankfurt am Main in echter Starbesetzung statt: Dort können sie neben Dr. Markus Krall auch Prof. Dr. Christian Rieck und Marc Friedrich live oder im Digitalstream erleben. Nähere Informationen zu den Tickets gibt es auch hier auf der Website des Veranstalters www.worldofvalue.de oder im Smart Investor 10/2021 auf Seite 67.

Auch bei der diesjährigen Watchtime ist Smart Investor Medienpartner. Die Messe findet vom 29. bis 31. Oktober in der Rheinterrasse Düsseldorf statt und hat wiederum einiges für die Liebhaber hochwertiger Uhren zu bieten. Und es lohnt sich, schnell zu sein. Denn die ersten 25 Leser können sich mit dem Code „WTD21SmartInvestor“ ein kostenloses Tagesticket auf der Website der Watchtime Düsseldorf oder über den Shop von Eventbrite sichern.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über zwei Transaktionen in unserem Aktien-Musterdepot und über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website https://www.smartinvestor.de einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

In einer von nicht nur punktuellen Exzessen gekennzeichneten Ökonomie warten Unfälle vom Kaliber Evergrande darauf, einzutreten. Dies ist kein rein chinesisches Phänomen, sondern kann grundsätzlich jede Blasenökonomie betreffen. Ob auch die Bundestagswahl 2021 zu einem solchen Unfall wird, wissen wir in weniger als einer Woche.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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