„… und plötzlich wird es kein Gold mehr geben!“

Antal E. Fekete wurde 1932 in Budapest geboren. Er studierte Mathematik an der Loránd-Eötvös-Universität. Im Zuge des Ungarnaufstands und dessen Nieder-schlagung 1956 floh er nach Kanada und wurde 1958 Professor an der Memoria University in Neufundland. 1993 emeritierte er als ordentlicher Professor. Er hatte mehrere Gastprofessuren inne, unter anderem an der Columbia University und in Princeton. 1996 gewann er den Währungspreis der Lips Bank AG für seinen Artikel „Wither Gold?“.

Smart Investor: Prof. Fekete, Sie sind ein Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Dennoch platzieren Sie sich eher im Lager der Deflationisten, während hingegen die meisten „Austrians“ eine Hyperinflation herannahen sehen. Können Sie uns dies erklären?
Fekete: Vielleicht sollte ich Ihnen zuerst erklären, was ich unter den Begriffen Inflation und Deflation verstehe …

Smart Investor: Wir bitten darum!
Fekete: Nun, natürlich kann man Inflation als Ausweitung und Deflation als Kontraktion der Geldmenge auffassen, und das ist natürlich auch richtig. In der gegenwärtigen Situation ist dies jedoch nicht unbedingt zielführend, da damit noch gar nichts über die Konsequenzen ausgesagt wird. Meiner Auffassung nach handelt es sich bei Deflation ebenso wie bei Inflation – und somit natürlich auch bei der gefürchteten Hyperinflation – um die Zerstörung von Werten. Im Falle der Inflation durch Ab- bzw. Entwertung der jeweiligen Währungen, im Falle der Deflation durch Ausfall der Schuldner.

Smart Investor: So weit, so gut, aber im Augenblick versuchen doch die Regierungen, allen voran die der USA, sich über die Ausweitung der Geldmengen dem direkten Bankrott, d.h. Schuldnerausfall, zu entziehen.
Fekete: Ja, das versuchen sie. Aber ich bin sehr skeptisch, ob es ihnen gelingen wird. Sehen Sie, unbestreitbar haben wir derzeit inflationäre Tendenzen. Der Goldpreis steigt und er wird wohl noch einen Weile weiter steigen, ebenso wie viele andere Vermögenswerte. Die Regierungen weltweit drucken Geld, um die Vermögenspreise weiterhin oben zu halten. Der Markt hingegen versucht die Vermögenswerte zu zerstören, da ihre Bewertung eigentlich weit übertrieben ist und die meisten Schuldner eigentlich zahlungsunfähig sind. Es findet also quasi ein Kampf zwischen dem Markt und der Druckerpresse statt. Und ich denke, dass diesen Kampf der Markt gewinnen wird, da der Druckerpresse physische Limits gesetzt sind.

Smart Investor: Können Sie das näher erklären?
Fekete: Gelddrucken kostet Zeit, und dann müssen Sie das Geld ja auch noch irgendwie unter die Leute bringen, damit die es wiederum ausgeben können. Der Markt hingegen kann sozusagen über Nacht jeden Wert auf null fallen lassen …

Smart Investor: Aber heutzutage wird Geld doch vor allem virtuell geschaffen, und die meisten Menschen im Westen verfügen über Kreditkarten und Ähnliches, d.h. physisch vorhandenes Geld ist doch kaum mehr notwendig.
Fekete: Doch! Denn dann wird die Situation bestehen, dass Sie nicht mehr einfach bequem in den Supermarkt gehen und dort mit ihrer Kreditkarte zahlen, sondern Sie werden direkt mit anderen Menschen handeln müssen. Diese werden Ihre Karte nicht akzeptieren, sondern eben Cash haben wollen. Absurderweise war sogar während der Hyperinflation in Weimar das Bargeld knapp.

Smart Investor: Schön, dass Sie Weimar erwähnen. Eine Situation wie die, die Sie beschreiben, klingt für meine Ohren nämlich eher wie ein hyperinflationäres Szenario …
Fekete: Ich hatte Sie ja darauf hingewiesen, dass ein Kampf stattfindet zwischen den inflationären und den deflationären Kräften. Natürlich erleben wir viele inflationäre oder gar hyperinflationäre Aspekte – vergessen Sie nicht: Alle westlichen Länder drucken Geld, als gäbe es kein Morgen mehr! Aber die derzeitige Situation ist anderes als alles Vorherige. Wir können keine historischen Vergleiche anstellen, schon gar nicht mit der Situation 1923, die jetzige Situation ist völlig neu.

Smart Investor: Können Sie erklären, inwiefern wir eine historisch völlig neue Situation erleben?
Fekete: Alle Hyperinflationen waren in ihrem Umfang geographisch begrenzt. Während der Weimarer Republik beispielsweise hyperinflationierte die Mark, 1946 in Ungarn der Forint, aber der Dollar oder der Schweizer Franken blieben stabil. Heute fehlt dieser Wertmaßstab.

Smart Investor: Blieben immer noch die Edelmetalle, allen voran Gold …
Fekete: Nein, denn in dieser Situation wird Gold in eine dauerhafte Backwardation1 übergehen …

Smart Investor: Und dies bedeutet was?
Fekete: Es wird plötzlich, sozusagen über Nacht, kein Gold mehr zu kaufen geben! Zu keinem Preis, und genau das ist der Unterschied: Es gibt dann keinen objektiven Maßstab für den Wert der Währungen mehr. Denn Gold ist erst der Anfang, danach wird Silber vom Markt verschwinden und dann viele weitere Rohstoffe. Da dem Markt damit der Maßstab fehlt und zeitgleich die bereits erwähnte physische Barriere der Druckerpressen besteht, werden die Schuldnerausfälle immer schneller vonstatten gehen und die Deflation schließlich die Oberhand behalten.

Smart Investor: Wie würde sich denn die gesellschaftliche, wirtschaftliche Situation nach einer solchen Entwicklung darstellen?
Fekete: Fürchterlich, geradezu katastrophal! Die Arbeitslosigkeit wird enorm ansteigen, und sehr viele Firmen werden bankrott gehen. Gerade die Banken und eigentlich alle Finanzinstitutionen dürften massiv betroffen sein. Die Menschen werden in dieser Zeit wieder zurück zum Tauschhandel finden. Für jede Art von Gütern, insbesondere für physisches Gold und Silber, wird man natürlich weiterhin andere Güter erhalten. Aber der große, weltweite Handel oder auch der anonyme Supermarkthandel wird dann nicht mehr stattfinden können. Am besten verbringt man diese Zeit mit Vorräten irgendwo auf dem Land.

Smart Investor: Ein solcher Zustand wird ja nicht ewig andauern. Was käme danach?
Fekete: Welches System sich danach etabliert, ist noch fraglich und davon abhängig, ob sich eine kompetente Führung etablieren kann. Sollte es beispielsweise Ron Paul oder einem seiner geistigen Ziehsöhne gelingen, sich als Führung zu etablieren, könnte die Welt zurück zu einem gesunden Geldsystem finden, und damit wäre natürlich auch wieder ein stabiles und gerechtes Wirtschaften möglich. Das andere Szenario wäre die Errichtung eines totalitären Systems. Ich hoffe das erste und fürchte das zweite.

Smart Investor:
Prof. Fekete, was Sie beschreiben, klingt irgendwie nach dem Crack-up-Boom-Szenario des Smart Investor. Ich glaube, im Kern sind wir nicht weit auseinander – vielleicht nur in der technischen Ausformulierung. Haben Sie vielen Dank für das interessante Gespräch.

1 Ist der Spotpreis höher als der Futurepreis, spricht man von Backwardation, im anderen Fall von Contango. In Falle von Gold ist der Contango der Normalzustand.