Relative Stärke in unsicheren Zeiten

Wer mit dem grundlegenden Konzept der Relativen Stärke noch nicht vertraut ist, der sei auf unsere Titelgeschichte in Smart Investor 12/2007 „Relative Stärke – Das universelle Prinzip am Aktienmarkt“ verwiesen.
Basis für die Sortierung einzelner Titel eines Anlageuniversums nach „Relativer Stärke“ ist die sogenannte RSL-Kennziffer (RSL = Relative Stärke nach Levy), die ein Maß für das Momentum eines Titels darstellt. Klassischerweise wird sie wie folgt berechnet:

Reibungsverluste
In der Tabelle unserer regelmäßigen Rubrik „Relative Stärke“ (S. 54) erscheinen die RSL-Kennziffern allerdings nicht direkt, sondern werden – der Methode Levys folgend – in RSL-Rangziffern übersetzt. Für die höchste RSL-Kennziffer im Anlageuniversum wird „Rang 1“ vergeben, für die zweithöchste „Rang 2“ usw. Die RSL-Rangziffern sind anschaulich und erlauben einen schnellen Vergleich der Rangänderungen im Zeitablauf. Entscheidender Nachteil dieser Umformung von RSL-Kennziffer in RSL-Rangziffer ist aber ein zweifacher Informationsverlust. Die Sache mit dem „U“ Die erste Information, die durch die Umformung verloren geht, ist die Abstandsinformation zwischen den Rängen. Die RSL-Rangziffer suggeriert, dass die Abstände zwischen den Titeln gleich groß seien, also jeweils ein Rang. Tatsächlich unterliegen die Abstände der RSL-Kennziffern jedoch einer charakteristischen, U-förmigen Verteilung (Vgl. Abb. 1). Während in der Mitte das Feld eng zusammen liegt, also ein ähnliches Momentum aufweist, werden sich an den Rändern, bei den besonders starken und bei den besonders schwachen Titeln, regelmäßig deutlich größere Momentumsunterschiede zwischen benachbarten Rängen zeigen. An den Rändern spreizt sich das Momentum also auf. Diese Spreizung hat zur Folge, dass gleich große Bewegungen verschiedener Titel zu unterschiedlichen Rangänderungen führen können: In der Mitte werden tendenziell mehr der eng beieinander liegenden Ränge überwunden, während es an den Rändern möglicherweise zu gar keiner Rangänderung kommt. Die Anzahl der überwundenen Ränge ist also eine Information, die hinsichtlich des Ausmaßes einer Bewegung in die Irre führen kann: Bewegungen durch die Mitte des Universums werden überschätzt, während solche an den Rändern unterschätzt werden. Diese Zusammenhänge sind tendenziell umso ausgeprägter, je größer das betrachtete Universum ist, weil dadurch einerseits die Wahrscheinlichkeit für Ausreißer zunimmt, während sich andererseits mehr unauffällige Titel in der Mitte zusammenklumpen.

Verlust des Absoluten
Die zweite Information, die durch die Transformation in Rangziffern verloren geht, ist diejenige über die absolute Höhe der RSL-Kennziffer. Ob ein Momentum überhaupt positiv ist (RSL-Kennziffer> 1) und falls ja, wie hoch der Wert ausfällt, ist neben der Ranginformation der entscheidende Hinweis auf die Trendstärke. In einer übergeordneten Baisse kann beispielsweise selbst die Spitzengruppe eines Universums ein negatives Momentum aufweisen. Eine Situation, der man jedoch zu einem gewissen Grad durch ein möglichst großes und breit diversifiziertes Universum entgegen wirken kann. Wer aber beispielsweise ein Universum allein aus europäischen Bankaktien konstruiert, dürfte das eben beschriebene Phänomen jüngst häufiger beobachtet haben. Durchschnitt als Taktgeber? Wann also sollte man überhaupt in den Titeln seines Anlageuniversums engagiert sein? Fragen des absoluten Trends und des Timings kann die Relative(!) Stärke allein nicht beantworten. Ralf Goerke schlägt in seinem Buch „Zur richtigen Zeit im richtigen Markt“ (FinanzBuch Verlag, 2009) daher einen Aktienklima-Indikator vor, der sich – vereinfacht gesagt – immer dann generell aus Aktien verabschiedet, wenn die betrachteten Märkte im Durchschnitt kein positives Momentum aufweisen. Der Charme dieser Idee besteht in der vorhandenen Basiswahrscheinlichkeit: In überwiegend fallenden Märkten ist es einfach unwahrscheinlich, die wenigen Titel zu finden, die gegen den Markttrend nennenswert und nachhaltig steigen. Dennoch kann man sich fragen, warum man den Durchschnitt aller Aktien entscheiden lassen soll, ob man sich in den Spitzenreitern engagieren will. Eine alternative Vorgehensweise bestünde darin, direkt in der eigentlich interessierenden Spitzengruppe abzuprüfen, ob dort positives Momentum vorhanden ist (RSL-Kennziffer>1).

Immer im Spiel
Angesichts der aktuellen Börsensituation ist diese Frage aus zwei Gründen keine rein akademische: Auch in Phasen massiv einstürzender Kurse kann es einzelne Titel(-gruppen) geben, die steigen, manchmal sogar gerade deshalb. Goldminenaktien sind in dieser Hinsicht geradezu klassische Fluchtpunkte mit einer phasenweise konträren Entwicklung, die man über das Durchschnittsverfahren aber wohl vorschnell ausschließen würde. Der zweite Grund, der den Anlegern immer deutlicher bewusst wird: Es gibt keine absolut sicheren Anlagen, in denen man sein Kapital risikolos parken könnte. Nominal würde alleine Bargeld diese Rolle übernehmen, denn bereits Bankeinlagen und Staatsanleihen sind trotz Absichtserklärungen und „Hilfspaketen“ risikobehaftet. Nominale Kapitalerhaltung entspricht in einer realen Welt aber ohnehin nicht der Aufgabenstellung des Anlegers.

Relativ wozu?
Wenn also die Spitzengruppe eines breiten Universums unser Spielfeld darstellen soll, dann stellt sich die Frage, wie wir spielen wollen. Levy empfahl den Kauf jeweils gleicher Anteile der Spitzenreiter und den Verkauf, sobald diese Titel auf die sogenannten „Cast out“-Ränge fielen. In diesem Zusammenhang scheint uns das Konzept der Relativcharts sinnvoll. Üblicherweise werden derartige Charts zwischen einem Einzeltitel und dem entsprechenden Index gebildet. Gerade für die unter dem Blickwinkel der Relativen Stärke interessierenden Spitzenreiter ist das dann eine mehr oder weniger steil aufwärts gerichtete Linie. Da Spitzenreiter überdurchschnittlich stark und beweglich sind, wird die Relativbewegung in erster Linie von ihnen und nicht vom vergleichsweise trägen Index geprägt sein. Im Ergebnis ähneln sich der eigentliche Chart und der Relativchart des Spitzenreiters oft so sehr, dass man durch die Betrachtung des Letztgenannten kaum einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn erhält. Wesentlich aufschlussreicher ist da die Relativbewegung zwischen den Spitzenreitern. Erst in einem solchen Vergleich der jeweils aktuellen Spitzenreiter kann der Relativchart seine Stärke ausspielen, da hier jene Bewegungen herausgearbeitet werden, die Favoritenwechsel ankündigen. Dies kann entweder durch den direkten Vergleich mit einem anderen Spitzenreiter passieren (vgl. Abb. 2) oder aber durch einen Index, der die jeweils aktuellen Spitzenreiter des Universums zusammenfasst. Das gleiche Prinzip des Vergleichs mit Ähnlichem gilt auch für die „Kellerkinder“ eines Universums. In unserer Rubrik „Relative Stärke“ (Seite 54) finden Sie dazu aktuell den Relativchart zwischen RWE und E.on (IK; in „Aktie im Blickpunkt“ auf S. 60 werden beide Titel fundamental miteinander verglichen).

Fazit
Das Konzept der Relativen Stärke eignet sich auch für Fragen des Timings, falls als Nebenbedingung die absolute Trendstärke berücksichtigt wird. Für die konkrete Auswahl von Titeln aus dem Bereich der Spitzenreiter ist ein Relativchart hilfreich, der die Entwicklung der Spitzentitel untereinander aufzeigt.