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Realitätsverweigerung?

Aus der Kursentwicklung der Aktienmärkte lässt sich aktuell nicht ablesen, dass sich eine Vielzahl von Ländern an der Schwelle zur Rezession oder bereits mitten darin befindet. Für die Eurozone insgesamt verdeckte die deutsche Sonderkonjunktur lange die teilweise nur als desolat zu bezeichnende Wirtschaftslage in den Krisenländern der südlichen Peripherie. Doch jetzt, wo auch die deutsche Wirtschaft – als größte Volkswirtschaft – spürbar abkühlt, geht die Eurozone insgesamt auf Tauchstation. Im 2. Quartal wurde hier eine Schrumpfung von 0,2% verzeichnet. Insbesondere die Stimmung der Verbraucher ist schlecht. Das ist nicht weiter verwunderlich: Zum einen wirkt sich die erzwungene fiskalische Bremsung in den betroffenen Ländern direkt in ihren Taschen aus. Zum anderen macht sich hinsichtlich der Dauerkrise des eigenen Währungsraums Verunsicherung breit. Wer aber verunsichert ist, der ist kein fröhlicher Konsument. Eine natürliche Reaktion.

Gemanagter Markt

Eher unnatürlich erscheint vor diesem Hintergrund das erwähnte Verhalten der Aktienmärkte. Warum weigern sich die Börsen so beharrlich, den laufenden Konjunktureinbruch einzupreisen? Trotz der aktuellen Schreckensmeldungen, etwa aus zentralen volkswirtschaftlichen Bereichen wie der Automobilindustrie, wird derzeit allenfalls eine kurze und/oder seichte Rezession erwartet, wenn es nicht überhaupt bei einer bloßen Konjunkturdelle bleiben soll. Ursächlich dafür ist die Politik der Zentralbanken dieser Welt, allen voran die der tonangebenden Fed. Vorbei sind die Zeiten, als sich Notenbankchefs vage und interpretierbar äußerten. Bernanke stellt in aller Klarheit fest: Die Fed steht Gewehr bei Fuß, um ein erneutes Einbrechen der Immobilien- oder Aktienmärkte zu verhindern. Auch werde man „einen Einbruch der Konjunktur unter allen Umständen vermeiden“, so Bernanke in der Pressekonferenz vom 13.9.2012. Die Worte fallen deshalb so markig aus, weil er offenbar keine Alternative sieht, als die verunsicherten Märkte zunächst einmal massiv verbal zu stützen. Ein tiefgehender oder langanhaltender Markteinbruch hätte nicht nur verheerende Folgen für die Altersvorsorge der Amerikaner – so weit denkt man derzeit ohnehin nicht mehr –, sondern würde über die Vermögenseffekte auch Konsum und Investitionen abwürgen. Eine Abwärtsspirale. Man darf nicht vergessen, dass die überschuldeten Volkswirtschaften des Westens und Japans alleine durch die Finanzielle Repression eines künstlich tief gehaltenen Zinsniveaus überhaupt noch auf der Spur gehalten werden. Zwar ist das Mandat der EZB in dieser Hinsicht enger gehalten, deren Chef Mario Draghi zeigte durch seine kürzlich erfolgte Ankündigung unbegrenzter Staatsanleihekäufe jedoch, dass er bereit ist, es weit auszulegen.

Die Fed sitzt mit am Tisch

Das von der Fed unter den Aktienmärkten gespannte Sicherheitsnetz betrifft direkt nur die USA. Neben der tendenziell besseren Konjunktur und der übersichtlicheren politischen Verhältnisse – auch der Ausgang des US-Präsidentschaftswahlen spielt nur eine untergeordnete Rolle – ist das ein weiterer Faktor für die relative Attraktivität der US-Märkte. Dieses Netz bedeutet nun allerdings nicht, dass Aktien gar nicht mehr fallen könnten, wie die Papiere des Suchmaschinengiganten Google gerade eindrucksvoll demonstrierten. Gerät der Gesamtmarkt aber in eine kritische Phase, wird künftig „Mr. Market“ Ben Bernanke mit seiner gar nicht mehr so „unsichtbaren Hand“ in die unendlich tiefen Taschen der Fed greifen, um den Markt zu stützen – und das eher früher als später. Das Interessante an solchen öffentlichen Ankündigungen ist zudem, dass die Marktteilnehmer selbst beim Versuch, das Verhalten der Notenbank zu antizipieren, zum Teil deren Geschäft besorgen. Unter diesen Rahmenbedingungen erscheint die Strategie „Buy on Dips“, also der Kauf bei kleineren Rückschlägen, attraktiv zu sein, weil genau diese Rückschläge tendenziell auch Bernanke & Co. auf den Plan rufen. Für solche Rückschläge wird es auch künftig reichlich Anlässe geben.

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Den ganzen Artikel finden Sie im Heft 11/2012 ab Seite 46. Viel Vergnügen bei der Lektüre!