Österreichische Schule Smart Investor 9/2013 – Rational ist, was funktioniert

Nachhaltiger Erfolg
Betrachtet man die langfristige Kursentwicklung der Rational AG (Abb. 1, obere Linie), dann liegt der Schluss nahe, dass in diesem Unternehmen offenbar einiges richtig gemacht wird. Ein Eindruck, der sich bereits bei unserer Ankunft am Firmensitz in Landsberg am Lech verfestigte. Das Unternehmen wirkt aufgeräumt, genauso aufgeräumt wie Vorstandschef Dr. Günter Blaschke, Finanzvorstand Erich Baumgärtner und Produktionsvorstand Peter Wiedemann, die sich Zeit für unsere Fragen nahmen und die Philosophie hinter der Erfolgsgeschichte erläuterten. Investor Relations, so das Credo von Blaschke, ist Vorstandssache, weshalb man bei Rational einen eigenen IR-Beauftragten auch vergeblich sucht. Beim Börsenstart der Rational AG am 03.03.2000 – in der Nähe des damaligen Börsenhochs – war für außenstehende Beobachter allerdings nicht abzusehen, welch stiller Star da das Parkett betrat – echte Unternehmer im „österreichischen“ Sinne. „So sexy wie ein Pichelsteiner Eintopf“ war seinerzeit ein Beitrag über den Börsenneuling in der Süddeutschen Zeitung überschrieben. Das Unternehmen war schwer einzuordnen, nicht einmal eine Vergleichsgruppe ließ sich ohne weiteres definieren. In Zeiten des Hypes um den Neuen Markt blieb das auf den ersten Blick unspektakuläre Geschäft der Landsberger daher von Banken und Analysten weitgehend unbeachtet, während der fast zeitgleich an die Börse strebende Chiphersteller Infineon in aller Munde war (vgl. Abb. 1, untere Linie).


Der einstige „Glamourwert“ Infineon (grün) und das Mauerblümchen Rational starteten fast gleichzeitig an der Börse. Eine Geschichte über innere Werte, die das Leben schrieb.

Anders und besser
Leitgedanke bei Rational ist ein Aphorismus des deutschen Physikers und Schriftstellers Georg Christoph Lichtenberg: „Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird, wenn es aber besser werden soll, muss es anders werden.“ Auf das Unternehmen gemünzt bedeutet dies, dass man durchgehend – und zwar in der richtigen Weise – anders sein muss, wenn man nachhaltig besser sein will. Nicht nur der eingangs erwähnte Aktienkurs zeigt, dass dies offensichtlich ganz gut gelingt. Nach einer Infratest-Umfrage aus dem Mai 2013 sind 83% der Rational-Kunden sogenannte „Apostel“, zeigen also eine hohe Loyalität und eine hohe Zufriedenheit gegenüber der Marke – im Industriedurchschnitt fallen gerade einmal 47% der Kunden eines Unternehmens in diese Spitzengruppe.

Ein Leitbild, das leitet
Das „Anderssein“ fängt bei Rational schon beim Unternehmensleitbild an. Abweichend von vielen anderen Betrieben besteht es nicht aus gedrechselten Sätzen für Festreden, sondern wird im Betriebsalltag tatsächlich auch gelebt. Damit das Leitbild seine Wirkung entfalten kann, ist es in einer für alle Mitarbeiter verständlichen Sprache abgefasst. Die Führungskräfte werden zudem regelmäßig hinsichtlich des Leitbilds geschult und wirken innerhalb des Unternehmens als Multiplikatoren. Es ist das zentrale Dokument, eine Art „Verfassung des Unternehmens“. Die dort festgeschriebene Philosophie gilt als Basis des Unternehmenserfolges und ist daher auch langfristig nicht änderbar. Eine Einsicht, die man manchem Politiker in Bezug auf das Grundgesetz wünschen würde. Ein (Betriebs-)Geheimnis ist das Leitbild dennoch nicht: www.rational-online.com/de/company/philosophy/rational_philosophy/index.html


„Das große 1×1 der Erfolgsstrategie“ von Kerstin
Friedrich, Fredmund Malik und Lothar Seiwert,
Gabal Verlag, 264 Seiten, 24,90 EUR

Konzentration auf den Engpass
Was aber macht Rational konkret anders – und besser! – als andere, so dass daraus per Saldo eine bislang 40jährige Erfolgsgeschichte wurde? Das Zauberwort heißt „Engpasskonzentrierte Strategie“ (EKS®). Diese von Wolfgang Mewes bereits 1970 begründete Philosophie der Unternehmensführung wird konsequent umgesetzt. Es könnte mehr als bloßer Zufall sein, dass die Anfänge der Rational AG und die Publizierung dieser Strategie in relativ engem zeitlichen Zusammenhang stehen. Offenbar sind die Gründer frühzeitig mit Mewes Gedanken in Berührung gekommen und haben den Mehrwert dieser Lehre für den eigenen Betrieb erkannt. Entscheidend ist, durch kontinuierliche Analyse herauszufinden, wie die verfügbaren Mittel und Kräfte mit dem größtmöglichen Effekt eingesetzt werden können. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Identifizierung von Engpässen, also jener Knappheiten, die das Wachstum behindern. Das Konzept solcher Engpassfaktoren geht übrigens auf den Agrarwissenschaftler Carl Sprengel zurück, der bereits 1828 das sogenannte Minimumgesetz beschrieb, welches später vom Chemiker Justus Liebig und anderen erweitert und popularisiert wurde: Danach wird das Wachstum von Pflanzen durch die jeweils knappste Ressource („Minimumfaktor“) eingeschränkt. Ein Prinzip, das auch auf Unternehmen übertragbar ist. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass uns die Metapher vom Unternehmer als Gärtner („Gärtnerprinzip“), der optimale Bedingungen für das Wachstum schafft, hier in vielen Facetten begegnet. Denn Wachstum meint bei Rational nicht nur das Unternehmenswachstum, sondern auch das der Mitarbeiter und Kunden. Ein solcher Ansatz hat viel mit gesundem Menschenverstand zu tun und liegt quer zur kurzfristig orientierten Kennzahlenfixierung der angloamerikanischen Managementphilosophie.

Oberster „Gärtner“ bei Rational –
Vorstandschef Dr. Günter Blaschke

Zielgröße Zielgruppennutzen
Die wesentlichste Frage ist allerdings, …

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