Österreichische Schule – „Aktuell wäre eine Vermögensabgabe politischer Selbstmord“

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlicht er in internationalen Fachzeitschriften wie dem Journal of Business Ethics, der Independent Review, dem American Journal of Economics and Sociology u.a. Er ist u.a. Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps („Deep Freeze: Iceland’s Economic Collapse“, mit David Howden). Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ erschien in zwölf Sprachen. Weitere Publikationen unter www.philippbagus.com

Smart Investor: Herr Prof. Bagus, vor Kurzem hat der Internationale Währungsfonds IWF eine 10%ige Vermögensabgabe für die Bürger vorgeschlagen, um die Staatsverschuldung in Europa zurückzuführen. Was an der heutigen Situation ist mit der Währungsreform von 1948 vergleichbar?

Bagus: Vergleichbar ist, dass der Staat insolvent war und es genau wie heute keine Chance gab, die Schulden real zurückzuzahlen. Damals wollte man aber nicht den Weg von Weimar gehen und die Schulden einfach weginflationieren. Man entschied sich für einen Währungsschnitt, um dann sozusagen wieder von null zu starten. Grundsätzlich wurde dabei folgendermaßen vorgegangen: 60 DM konnte man eintauschen, ab da wurde das restliche Sparvermögen 1:10 umgetauscht und die Schulden wurden durch zehn geteilt. Zusätzlich gab es eine Vermögensabgabe von 50%. Die Staatsschulden wurden komplett gestrichen, lediglich die Banken erhielten eine Ausgleichsforderung, so dass sie keine Verluste hatten. Auch alle Umstellungsgewinne, die sich durch die Währungsreform ergeben hatten, wurden gnadenlos wegbesteuert. Wer ein Haus hatte, das 100.000 Reichsmark wert war, und dafür einen entsprechenden Kredit aufgenommen hatte, war nach der Reform mit nur 10.000 DM und nicht mit 100.000 Reichsmark verschuldet. Den Differenzbetrag musste man jedoch über die Jahre hinweg versteuern. Als Ergebnis all dieser Maßnahmen waren die Banken rekapitalisiert, der Staat komplett entschuldet und die Sparer ruiniert.

Smart Investor: Gab es damals überhaupt eine Chance, diesen Maßnahmen zu entgehen? Anders gefragt, wer waren rückblickend die relativ „Glücklichen“ unter den Sparern?
Bagus: Wer Realbesitz oder Vermögenswerte hatte, die nicht erfasst wurden, also zum Beispiel Immobilien oder Gold, gehörte zu den Glücklicheren.

Smart Investor: Wenn jetzt eine Vermögensabgabe von 10% auf Sparkonten eingeführt würde, was wären die Folgen für den Außenwert des Euros?
Bagus: Die Überschuldung im Euro-Raum ist enorm groß. Niemand nimmt den Staaten mehr ab, dass sie diese Verschuldung real abbauen werden. Deshalb sieht der Markt das Risiko, dass diese Schulden weginflationiert werden, was natürlich schädlich wäre. Die Gefahr der Inflation belastet den Wechselkurs. Wenn man die Überschuldung nun durch eine einmalige Vermögensabgabe abbauen will, reduziert sich das Inflationsrisiko, was wiederum dem Wechselkurs zugute kommt. In meinen Augen würde der Euro dann stärker werden, vor allem wenn man davon ausgeht, dass es eine einmalige Abgabe wäre. Wenn Investoren öfters mit einer solchen Abgabe rechnen müssten, möchte natürlich auch niemand mehr im Euro-Raum investieren. Durch eine einmalige Abgabe würde man das System jedoch wieder auf eine stabile Basis stellen und wäre nicht ständig von einer weiteren Inflation abhängig.

Smart Investor: Der Vorschlag des IWF bezieht sich explizit nur auf den Euroraum. Die USA, Japan und andere Volkswirtschaften wurden ausgespart. Wie würde sich die europäische Wirtschaft nach einer solchen Vermögensabgabe der Weltwirtschaft darstellen?
Bagus: Wie gesagt, der Wechselkurs würde wahrscheinlich aufwerten, und das wäre für Großexporteure kurzfristig weniger gut. Generell könnte aber das Vertrauen in den Euroraum gestärkt werden, was auch den Investitionen zugute käme. Im Gegensatz zu den USA oder Japan, wo die Staatsverschuldung weiterhin wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft hängt und man nicht weiß, was passiert.

Smart Investor: In den USA oder Japan denkt man ja gar nicht an eine solche Vermögensabgabe, sondern geht genau den anderen Weg, nämlich den der Inflationierung. Warum schlägt der IWF ausgerechnet für Europa eine Vermögensabgabe vor?
Bagus: Gute Frage. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die USA einen Teil der negativen Inflationseffekte exportieren können, indem Staaten wie China, Saudi-Arabien und Japan die Staatsschulden aufkaufen. Darüber hinaus ist es für die USA mit ihrer Weltreservewährung einfacher zu inflationieren als eine Vermögensabgabe umzusetzen.

Smart Investor: Dann müsste die Inflationsgefahr in Japan doch am größten sein, oder? Dort geht man den gleichen Weg wie in den USA, der Yen ist aber keine Reservewährung.
Bagus: Ja. Die Japaner scheinen es in den Genen zu haben, ihrer Währung und dem Staat sehr viel Vertrauen zu schenken. Sie kaufen selbst die Staatsanleihen. Bei so einer staatsgläubigen Bevölkerung tendiert man vielleicht automatisch eher zur Inflationierung. In Europa wäre das schon schwieriger: Dort haben Sie den Euro und eine Zentralbank mit mehreren unabhängigen Regierungen. Sich in diesem Umfeld zu einigen und zu inflationieren ist deutlich schwieriger als in den USA oder Japan – vor allem, wenn so ein Staat wie Deutschland mit im Boot sitzt. Der IWF weiß natürlich, dass die Inflationslösung dort nicht besonders beliebt ist. Vielleicht schlägt er deshalb diese Alternative vor.

Smart Investor: Diese Alternative würde ja insofern vor allem die deutsche Bevölkerung treffen, als wir – absolut und nominal – die größten Sparer in Nominalanlagen sind, oder?
Bagus: Ja, wenn man eine Vermögensabgabe auf das Geldvermögen plant. Italiener und Spanier haben beispielsweise mehr Immobilienbesitz. Deswegen halte ich eine Vermögensabgabe in Deutschland derzeit politisch für nicht durchsetzbar, da müssten wir schon wieder am Abgrund stehen wie im Oktober 2008. Alles andere wäre politischer Selbstmord.

Smart Investor: Angenommen, wir würden eine Vermögensabgabe einführen, könnte man dann von diesem Niveau aus nicht wieder gesund wirtschaften?
Bagus: Ja, das wäre ja der Grund, weshalb der Wechselkurs des Euro wieder steigen würde. Das Problem ist natürlich, dass die Strukturprobleme dadurch nicht gelöst wären, vor allem bei den Staatsdefiziten. Die meisten Länder haben zu große Wohlfahrtsstaaten aufgebaut, und das kann man bei so sozialistisch geprägten Bevölkerungen nicht so einfach ändern. Solange das der Fall ist, geht das Spiel einfach wieder von vorne los. Mit einer 10%igen Vermögensabgabe hat man vielleicht fünf Jahre Zeit gewonnen, bevor die Staatsverschuldung wieder auf dem Niveau von heute angekommen ist.

Smart Investor: Sie leben in Spanien, einem der Problemländer der EU. Hierzulande gibt es ein paar Optimisten, die meinen, in Griechenland und Spanien bessere sich die Lage langsam. Wie ist die Situation vor Ort?
Bagus: Die Situation wird durch die leicht positive Entwicklung in der Privatwirtschaft übertüncht. Die Arbeitslosigkeit steigt nicht mehr, sondern geht sogar ganz leicht zurück, so dass die Leute weniger Angst haben und wieder etwas mehr konsumieren. Das grundlegende Problem bleibt jedoch die Staatsblase, die während der Boom-Jahre aufgebaut wurde. Die Staatsausgaben werden einfach nicht zurückgefahren, sondern sind immer noch auf dem Niveau von 2007, dem letzten Boom-Jahr. Das Staatsdefizit wird auf absehbare Zeit weiterhin mehr als 5% betragen. Diese Situation ist nicht aufrechtzuerhalten. Irgendwann wird es wohl zu einem Knall bei den Staatsanleihen kommen.

Smart Investor: Ist in Spanien nicht auch der Bankensektor besonders gefährdet?
Bagus: Das ist ein weiteres Problem, das aber damit zusammenhängt, dass spanische Banken viele Staatsanleihen besitzen. Sie haben auch noch nicht alle Verluste abgeschrieben. Deswegen ist die spanische Regierung ja auch so interessiert daran, dass bald die Bankenunion kommt, da dann auch Banken direkt aus dem ESM-Fonds kapitalisiert werden können.

Smart Investor: Herr Professor Bagus, vielen Dank für das Gespräch.