Löcher in der Matrix – Alle Jahre wieder …

„Shopping-Boom im Advent“ (bild.de, 27.11.2013)

Rechtzeitig vor dem ersten Adventswochenende meldet er sich mit Riesenlettern zurück – der Shopping-Boom! Woher das die BILD-Zeitung schon vor zwei Tagen so genau wissen wollte, erfahren wir ebenfalls im Titel – allerdings in deutlich kleinerer Schrift: „Rekord-Ansturm erwartet“. Wissen tun wir also – wie in den Vorjahren – auch diesmal nichts Genaues. „Erwartet“ ist das wichtige Wort. Traditionell stimmt uns der Einzelhandel im Vorfeld des Weihnachtsgeschäfts auf ein wahres Hochamt des Konsums ein: „Rekord! Rekord!“ Anfang Januar, wenn die Weihnachtssause gelaufen ist, klingt das Ganze dann regelmäßig etwas kleinlauter. Der Sinn solcher Meldungen liegt auf der Hand:

Botschaft Nummer 1: Die lieben Verbraucher werden sich schon beeilen müssen, wenn sie für ihre Euros noch ein paar ordentliche Geschenke ergattern wollen. Am besten tun sie das gleich morgen. Dann kann der Einzelhandel nämlich spätestens am Montag die frohe Botschaft eines veritablen Kaufrauschs verkünden und den Rausch weiter anheizen.

Botschaft Nummer 2: Niemand soll sich bei den Geschenken für die Lieben und weniger Lieben lumpen lassen. Im integrierten „Voting: Wie viel geben Sie für Weihnachtsgeschenke aus?“ dürfen sich die Leser irgendwo zwischen null und tausend Euro positionieren. Praktischerweise wird da gleich ein Ankerwert als kleine Ausfüllhilfe mitgeliefert: „Im Schnitt wollen die Deutschen dieses Jahr 288 Euro für Geschenke ausgeben und damit drei Euro mehr als im vorigen Jahr.“

Ah ja. Prozentual entspricht dieses Wollen einer Steigerung von 1,05%. Eine Steigerung, aus der vor dem Hintergrund einer Geldentwertung von aktuell 1,3% p.a. (Stand November) schnell ein reales Minus werden kann. Unter einem „Weihnachts-Shopping-Boom“ dürften sich viele jedenfalls etwas Anderes vorstellen. Wie der Einzelhandel mit solchen Zahlen auf „ein Plus von zwei Prozent“ bei den Weihnachtsgeschenken kommen will – wie wir zwei Sätze weiter erfahren – erschließt sich auch nicht recht. Mit der Feststellung „Sparen lohnt sich nicht“ werden die Leser dann an die Konsumfront entlassen. Gegenüber den US-Verbrauchern haben sie damit immerhin einen Tag länger Schonfrist – die müssen nämlich schon heute, am „Black Friday“, ran: „Rekord! Rekord!“

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