SIW 13/2014: Licht und Schatten

Rational ist …
… was funktioniert. So war unsere Geschichte über das Landsberger Vorzeigeunternehmen Rational AG in der Smart Investor Ausgabe 9/2013 überschrieben. Der Hersteller von „SelfCookingCentern“ und „VarioCookingCentern“ sieht sich als genau das nicht – als Hersteller von Geräten, in diesem Fall für Groß- und Gewerbeküchen. Nach der Rational-Philosophie ist oberstes Ziel, für die Kunden den höchstmöglichen Nutzen zu stiften. Dass dies über technische Geräte mit den oben genannten Bezeichnungen geschieht, ist fast schon nebensächlich. Selbst Umsatz- oder Ertragsziele stehen nicht im Fokus des Unternehmens, sie sind sozusagen ein Kuppelprodukt des Kundennutzens, der einen regelrechen Sog nach den Lösungen der Rational AG erzeugt. Da man das Ohr ständig am Kunden hat, erhöht sich die Chance dramatisch, dass genau die Lösungen entwickelt werden, die den Kunden dann auch tatsächlich nutzen werden, was sich letztlich als Nachfrage und bei Rational als Umsatz und Gewinn niederschlägt. Zudem hat Rational mit dem Thema „Kochen“ ein Geschäftsfeld besetzt, das sich mit dem menschlichen Grundbedürfnis der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Geschäftsfelder, die nahe an solchen Grundbedürfnissen angesiedelt sind, gelten als eher krisenresistent. Zur sharewise Community

RationalKonzentration auf den Engpass
Wesentliche Leitschnur des Handelns ist die sogenannte Engpasskonzentrierte Strategie (EKS), bei der es einfach ausgedrückt darum geht, die knappen Ressourcen dort einzusetzen, wo sie am nötigsten gebraucht werden, wo also ein Engpass besteht. Das Konzept solcher Engpassfaktoren geht auf den Agrarwissenschaftler Carl Sprengel zurück und wurde vom Chemiker Justus Liebig erweitert und popularisiert: Danach wird das Wachstum von Pflanzen durch die jeweils knappste Ressource („Minimumfaktor“) eingeschränkt. Fehlt es also an Sonne, ist mit einem Mehr an Wasser nicht geholfen. Ist die Limitierung des Wachstums durch einen Faktor dagegen behoben, kann das Wachstum weitergehen, bis man an die nächste Limitierung stößt. Das kann und wird durchaus ein anderer Minimumfaktor sein. Es ist Wolfgang Mewes zu verdanken, dass er die Gültigkeit dieses Prinzips auch für das Wachstum von Unternehmen nachweisen konnte und in Form der EKS ausformuliert hat. Das entsprechende Buch „Das 1 x 1 der Erfolgsstrategie“ ist mittlerweile in der 20. Auflage verfügbar. Mitherausgeber ist der angesehene St. Gallener Management-Professor Fredmund Malik. Und genau da schließt sich der Kreis zu Rational. Nachfolger des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Dr. Günter Blaschke wurde der bisherige Personalvorstand Dr. Peter Stadelmann. Stadelmann bekleidete zuvor mehrere führende Positionen innerhalb des Malik Management Zentrums in St. Gallen, für das er insgesamt über 20 Jahre tätig war. Für die Kontinuität der Erfolgsphilosophie von Rational ist also bestens vorgesorgt. So konnte es nicht überraschen, dass das Unternehmen auch in der vergangenen Woche wieder einmal äußerst solide Zahlen ablieferte. Eine Eigenkapitalquote von mehr als 71% und ein Kassenbestand bzw. Bankguthaben von 200 Mio. EUR sind zwar komfortabel, aber sicher kein Polster, auf dem man sich ausruhen wird. Obwohl Rational in seiner Nische längst Marktführer ist, sieht man großes Potenzial für weiteres Wachstum. Russland ist einer jener hochinteressanten Märkte, die im abgelaufenen Jahr für 20% des Wachstums verantwortlich waren. Die jüngsten Spannungen um eine Verschärfung von Sanktionen nahm der Markt den Landsbergern dennoch nicht übel. Aber natürlich hat ein solches Ausnahmeunternehmen mittlerweile seinen Preis: Rational wird mit dem rund sechsfachen eines Jahresumsatzes bewertet, das Kursgewinnverhältnis (KGV) beträgt für das Jahr 2014 geschätzt 27 und für 2015 noch immer gut 24. Unterstützung für den Kurs bietet aber die Dividendenrendite von rund 3%. Rational ist ein exzellentes Unternehmen, das man aber vor allem in eine größere allgemeine Marktschwäche hinein kaufen sollte. Zur sharewise Community

GigasetAuf der Suche nach neuen Nischen
In einer völlig anderen Welt befindet sich dagegen die Düsseldorfer Gigaset AG, die heute am Sitz der Münchner Hauptverwaltung ihre Zahlen präsentierte. Das Unternehmen ist mit einem schrumpfenden Markt im Bereich seines langjährigen Hauptprodukts, der DECT-Telefone, konfrontiert. Es liegen schwere Jahre hinter dem Team um Charles Fränkl. Die wesentliche Nachricht war denn auch, dass im abgelaufenen Jahr die Finanzlage stabilisiert werden konnte. Die Eigenkapitalquote erhöhte sich auf 14,5%, nach mageren 8% im Vorjahr. Wie bemerkt, eine andere Welt. Wesentliches Stabilisierungsmoment – nicht nur für das Eigenkapital – war der Einstieg des in Singapur domizilierten Goldin Fund. Zudem konnte ein Sparprogramm i. H. v. 30 Mio. EUR erfolgreich abgeschlossen werden. Für das laufende Jahr wurde ein neues Effizienzprogramm mit einem Volumen von 17,5 Mio. EUR beschlossen. Man sieht mit welchen Themen sich der Vorstand herumschlagen muss, um eine für die Zukunft tragfähige Basis zu erarbeiten. Und für diese Zukunft hat man sich einiges vorgenommen. So wurde die Vision „Gigaset Ecosystem“ zur wichtigsten Folie der ganzen Präsentation. Viel traut man etwa dem Thema „Gigaset elements“ zu, mit dem grob gesagt, verschiedene Parameter eines Hauses auch von unterwegs per App überwacht bzw. gesteuert werden können. Im Gegensatz zur Rational-Philosophie der Konzentration auf das, was man am besten kann, was vor allem auch eine Reduktion der Komplexität bedeutet, treibt man bei Gigaset rund um die „Gigaset Cloud“ neue Produktlinien voran. Neu auf dem Markt sind eigene Tablets, Smartphones sollen noch im laufenden Jahr dazukommen. Zwar ist es richtig, dass sich Gigaset im Bereich der Festnetztelefonie einen hervorragenden Ruf als Qualitäts- und Premiumanbieter erarbeitet hat, wie weit dieser auf die neuen Produkte übertragbar ist, muss sich aber erst noch zeigen. In den genannten Nischen sitzen bereits hippe Lifestyle-Konzerne wie Apple oder Google, die nebenbei bemerkt hunderte von Milliarden schwer sind. Über eine weitere Kapitalmaßnahme wird man bei Gigaset laut Aussage von CEO Fränkl wohl „nachdenken müssen“. Ein positives Ergebnis je Aktie ist für dieses und nächstes Jahr noch nicht geplant.

Warum sind nicht alle „rational“?
Angesichts zweier so unterschiedlicher Geschichten stellt sich die Frage, warum nicht alle Unternehmen ein wenig mehr wie Rational sein können? Wie schon bemerkt sind die Landsberger Küchenprofis eine Ausnahmeerscheinung, die sich offenbar schon früh und konsequent nach der EKS-Philosophie ausgerichtet haben. Diese Gemeinsamkeit teilen sie mit einigen anderen Marktführern, etwa der Würth-Schraubengruppe. Dagegen ist Gigaset ein typischerer Fall eines Unternehmens. Von der Siemens-Konzerntochter wanderte das Unternehmen in das Portfolio eines Finanzinvestors und ist nun selbständig. Mehrere Strategiewechsel liegen hinter Gigaset, was für die Entwicklung einer langfristigen Wachstumsstrategie nicht gerade ein Pluspunkt ist. Zudem ist man durch das Aufkommen neuer Technologien mit dem eigenen Hauptprodukt in der Defensive. Das alles ist ein sehr herausforderndes Umfeld, in dem einer der limitierenden Faktoren schlicht auch die zur Verfügung stehenden Mittel sind. In einer solchen Situation dürfte ein radikales Umschwenken gar nicht möglich sein. Dass eine Unternehmenskultur – und das ist nichts anderes als die Summe der Mitarbeiter – mit radikalen Schritten auch bei einem normalen Geschäftsgang stark gefordert wäre, kommt noch erschwerend hinzu. Dass sich eine Philosophie wie EKS nicht häufiger durchsetzt, dürfte auch viel damit zu tun haben, dass diejenigen, die vielleicht sogar am stärksten davon profitieren würden, erst einmal schnelle Erfolge benötigen. Organisches Wachstum braucht dagegen Zeit.

Musterdepot Aktien & Fonds
Die Transaktionen für unsere Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

„Smart Investor“-Reise nach Nova Scotia (Kanada)
Nochmals sei an dieser Stelle auf die Smart Investor Reise vom 5.6. bis 10.6.2014 nach Nova Scotia (Neuschottland) im Osten Kanadas hingewiesen. Sie können direkt vor Ort Grundstücke besichtigen und sich über das Leben in Kanada informieren. Übrigens wird Chefredakteur Ralf Flierl mit von der Partie sein. Einige Informationen und Bilder dazu finden Sie auch auf S. 23 im aktuellen Heft. Anfragen zur Teilnahme bitte per Email an Smart Investor, Betreff: „Kanada-Reise 2014“ unter info(at)smartinvestor.de

Hinweise in eigener Sache – Invest 2014 & Münchner Börsentag
Das Smart Investor-Team ist auch dieses Jahr wieder mit einem Stand auf der Invest in Stuttgart vertreten. Am 4. und 5. April treffen Sie uns dort in Halle 4 am Stand 4C15. Kostenlose Eintrittskarten konnten Leser des Smart Investor Weekly mit einem Aktionscode bestellen.

Auch auf dem Börsentag München am 29.3.2014 werden wir wieder mit einem eigenen Stand vertreten sein. Der Eintritt ist kostenlos.

Fazit
Die Berichtssaison eröffnet über die bloßen Zahlen hinaus immer wieder interessante Einblicke in die Philosophie, nach der Unternehmen geführt werden. Die Landsberger Rational AG ist zwar untypisch, in vielerlei Hinsicht aber auch vorbildhaft.