SIW 14/2014: Von Trendlinien und Kipppunkten

Alles fließt und hängt doch zusammen
Das Börsengeschäft ist deshalb so schwierig, weil es keine absoluten Gesetze gibt. Gesetzmäßigkeiten, Zusammenhänge und Daumenregeln gibt es dagegen zuhauf. Die Krux an der Sache ist, dass man regelmäßig erst in der Rückschau sagen kann, welche Gesetzmäßigkeit da wohl gerade gewirkt habe. Mit derartigen Erklärungen aus dem Rückspiegel redet man sich nur schön, dass in Fahrtrichtung dichter Nebel liegt. Wer also an der Börse auf der Suche nach einem fixen Bezugspunkt oder allgemeingültigen Gesetz ist, der wird lange suchen. Das hat weniger mit einer mangelnden Spürnase zu tun – es handelt sich um ein prinzipielles Problem. Zudem hängt alles mit allem zusammen und ist auch noch in ständigem Fluss. Mittel, die in eine Anlage hineinfließen, werden anderswo herausgeflossen sein bzw. stehen dort nicht zur Verfügung. Dieser Fluss der Anlagemittel löst wiederum Reaktionen anderer Marktteilnehmer aus, die ihrerseits ihre Anlagen an die sich ständig verändernden Verhältnisse anpassen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, auf Wechselwirkungen zwischen einzelnen Assetklassen und auf relative Bewegungen zu achten. Selbst der „reine“ Kursverlauf ist nichts anderes als eine relative Bewegung gegen Geld – und dessen Kaufkraft kann im Zeitablauf erheblichen Veränderungen unterliegen. Zur sharewise Community

Fehler inklusive
Dabei sollte jeder realitätstaugliche Ansatz die prinzipielle Möglichkeit einer unzutreffenden Prognose bzw. des Irrtums berücksichtigen. In dieser Hinsicht haben Trendlinien einen besonderen Charme – vor allem dann, wenn man sie sachgerecht einsetzt. Sie schreiben keine zwingenden Kursverläufe vor, sondern sind Arbeitshypothesen über die weitere Entwicklung. Werden sie nachhaltig gebrochen, dann ist die Arbeitshypothese zugunsten einer anderen zu verwerfen, weshalb an solchen Kipppunkten häufig Beschleunigungen des Kursgeschehens zu beobachten sind. In der Praxis macht dabei allerdings bereits das Wort „nachhaltig“ Schwierigkeiten.

DE_DAXDeutsche Aktien – alles wieder gut?!
Beginnen wir mit dem DAX, der im Gefolge der Krise um Krim und Ukraine zunächst kräftig in die Knie ging. Im aktuellen – gerade erschienenen – Smart Investor 4/2014 sehen Sie auf S. 53 das Ergebnis: Der DAX durchschlug die seit 2011 gültige aufwärtsgerichtete Trendlinie. Sofern dieser Durchbruch sich als nachhaltig erweisen sollte, wäre die Arbeitshypothese des Aufwärtstrends nicht weiter haltbar. Hieße „Nicht-Aufwärtstrend“ zwangsläufig Abwärtstrend, wäre die Sache einfach – ist sie aber nicht. Statt des bisherigen Aufwärtstrends könnte sich auch eine Seitwärtsphase oder ein flacherer Aufwärtstrend anschließen. Schließlich könnte sich der Durchbruch auch als Fehlsignal und damit als nicht nachhaltig erweisen. Im DAX zeichnete sich in den letzten beiden Wochen genau so eine Bewegung ab. Der DAX stieg kräftig an und befindet sich nun wieder komfortabel oberhalb der Trendlinie. Ist damit alles wieder gut?! Nein, denn über die letzten Gipfel lässt sich eine fallende Widerstandslinie (Abb. 1, rote Linie) – wiederum als Arbeitshypothese – einzeichnen. Genau vor dieser Linie entwickelte der DAX in diesen Tagen eine ziemliche Scheu. Das Bild zwischen den beiden Linien ist momentan also indifferent. Ein Ausbruch über die Widerstandslinie wäre dann aber eine klare Botschaft für weiter steigende Kurse, zumal eine solche Kursbewegung auch als Ausbruch aus einer Flagge bewertet werden könnte – also als Abschluss einer Konsolidierungsformation innerhalb eines intakten Aufwärtstrends.

GoldGold als Ukraine-Indikator
Der DAX läuft insbesondere dann gut, wenn die weiteren positiven Aussichten der DAX-Unternehmen nicht angemessen in den aktuellen Kursen berücksichtigt sind und daher noch eingepreist werden müssen. Aktuell scheint das Kursniveau aber sogar eine rosige Zukunft vorherzusehen, die nach Datenkranz und Nachrichtenlage möglicherweise nie eintreten wird. Wenn die Chefs großer DAX-Unternehmen vor einem scharfen Anti-Russland-Kurs des Westens warnen, dann natürlich auch, weil eine Sanktionsspirale die Geschäfte mit einem der wichtigen Handelspartner empfindlich stören könnte. Nachdem es nun eine Weile so aussah, als ob sich die Krisenlage rund um die Ukraine etwas beruhigen würde, was sowohl dem DAX nützte als auch dem Goldpreis schadete, sind seit heute wieder schrille Töne zu vernehmen. Da geistern Planspiele durch den Blätterwald, wonach sich Russland die komplette Ukraine innerhalb von rund einer Woche einverleiben könnte. Nebenbei bemerkt könnte Russland Europa auch in eine Strahlenwüste verwandeln. Die entscheidende Frage ist aber doch nicht, was Russland kann, sondern was es realistischer Weise tun wird. Ginge es um eine solche Option, hätte Putin vermutlich viel früher gehandelt und das Überraschungsmoment genutzt. Auch halten wir einen russischen Einmarsch in Finnland oder Georgien für ausgemachten Käse. Solche Szenarien werden offenbar bemüht, um den an den Haaren herbeigezogenen Putin-Hitler-Vergleich mit etwas Leben auszuschmücken. Ach ja, und Putins Scheidung ist jetzt offenbar perfekt, was ihm auch irgendwie zum Nachteil gereichen soll, während Patchwork-Familien bei Ex-Kanzler Schröder oder Ex-Außenminister Fischer ja noch als unheimlich modern galten.

Dennoch darf in diesem Szenario sogar der Goldpreis wieder etwas steigen. Plötzlich gilt Gold wieder als Krisenindikator, weil sich darin wohl die russischen „Expansionsgelüste“ wiederspiegeln. Könnte es nicht vielmehr sein, dass Gold nach dem Rücksetzer wieder attraktiv für Neuanlagen ist, denn Anlagebedarf gibt es auch ohne Putin reichlich. Zumindest hat man jetzt einmal eine Erklärung für einen anziehenden Goldpreis, die ohne Verweis auf die maroden Fiat-Money-Systeme des Westens auskommt – wie praktisch. Auch beim Gold wurde mit dem heutigen Tag die kurzfristige Abwärtslinie gebrochen. (Abb. 2, rote Linie). Das Ganze geschah, nachdem der Kurs zuvor auf die blaue Unterstützungslinie gefallen war, die im Januar noch als Widerstandsniveau gewirkt hatte – und welche in etwa die 50%-Korrektur auf den vorangegangenen Anstieg darstellt. Mit der Abwärtsbewegung der vergangenen Wochen wurde aber nicht nur eine Entspannung in der Ukraine quittiert, vor allem wurden die euphorischen Tendenzen am Goldmarkt abgebaut, was positiv zu werten ist. Von hier aus, wäre ein erneuter Test der Marke von 1.390 USD/Feinunze zwar möglich, was aber bei einem raschen Kursaufschwung die Gefahr eines erneuten Totlaufens der Bewegung beinhalten würde. Aus Sicht der Goldanleger wäre eine Weile im Korrekturmodus die bessere Entwicklung, weil dadurch eher Kraft für eine neue Aufwärtsbewegung gesammelt würde. Zur sharewise Community

Musterdepot Aktien & Fonds
Die Transaktionen für unsere Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

„Smart Investor“-Reise nach Nova Scotia (Kanada)
Nochmals sei an dieser Stelle auf die Smart Investor Reise vom 5.6. bis 10.6.2014 nach Nova Scotia (Neuschottland) im Osten Kanadas hingewiesen. Sie können direkt vor Ort Grundstücke besichtigen und sich über das Leben in Kanada informieren. Übrigens wird Chefredakteur Ralf Flierl mit von der Partie sein. Einige Informationen und Bilder dazu finden Sie auch auf S. 23 im aktuellen Heft. Anfragen zur Teilnahme bitte per Email an Smart Investor, Betreff: „Kanada-Reise 2014“ unter info(at)smartinvestor.de

Hinweis in eigener Sache – Invest 2014
Das Smart Investor-Team ist auch dieses Jahr wieder mit einem Stand auf der Invest in Stuttgart vertreten. Am 4. und 5. April treffen Sie uns dort in Halle 4 am Stand 4C15. Kostenlose Eintrittskarten konnten Leser des Smart Investor Weekly mit einem Aktionscode bestellen.

Hinweis in eigener Sache – Smart Investor 4/2014
Am Wochenende ist der neue Smart Investor 4/2014 erschienen. In der Titelgeschichte beschäftigen wir uns mit der „Goldenen Versuchung“ und der Frage, ob Metalle jetzt ein Kauf sind. Dabei geht es neben Edel- und Industriemetallen auch um Technologiemetalle und Seltene Erden. Natürlich kommen auch die Aktien aus diesem Sektor nicht zu kurz. Apropos Aktien: Italien ist ein Land, in dem es zwar derzeit nur wenige positive Impulse gibt, dafür sind die Bewertungen vieler Aktien attraktiv. Impulse gibt es dagegen reichlich in der Ukraine, wo wir der Frage nachspüren, ob es hier wieder eine „Revolutionshausse“ geben wird. Das Editorial 4/2014 finden Sie hier. Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre.

Fazit
Betrachtungen über Zusammenhänge zwischen einzelnen Märkten liefern den Anlegern wertvolle Hinweise über die weiteren Kursverläufe. Dabei sollte man sich allerdings davor hüten, dem Markt zu diktieren, wie es weitergehen wird. Der Realität angemessener ist die Verwendung von Arbeitshypothesen (z.B. in Form von Trendlinien), die man gegebenenfalls anpassen muss.