SIW 15/2014: Ausrutscher oder Vorentscheidung?

Bilder sagen mehr …
… treffen aber keine Entscheidungen. Bei Betrachtung des DAX-Performanceindex zeigt sich weiter ein unentschiedenes Bild: Seit dem letzten Smart Investor Weekly Ausgabe 14/2014 wurde die fallende obere Begrenzungslinie (rot), die über die Kursgipfel aus dem Januar und Februar dieses Jahres gezogen werden kann, einigermaßen überraschend nach oben durchbrochen (vgl. Abb. 1). Dynamisch war der Durchbruch nicht, die Bewegung vom Folgetag, dem vergangenen Montag, allerdings schon – diese ging jedoch nach unten. Zwar stiegen die Umsätze nur leicht, aber an diesem einen Tag wurde das Territorium, das sich die Kurse über die sechs vorhergehenden Sitzungen erobert hatten, verloren.

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Gestern rutschte der Kurs zunächst weiter bis unter 9.400 Punkte ab, konnte aber im Verlauf einen Großteil dieser Verluste wieder aufholen. Im Ergebnis ist der DAX damit unter der erwähnten, abwärts gerichteten Verbindungslinie zwischen den letzten Hochpunkten, was negativ ist, andererseits – und das ist positiv – oberhalb der blauen Aufwärtstrendlinie, deren Anfänge bis in den September 2011 zurückreichen und die aktuell bei ca. 9.300 Punkten verläuft. Im Moment könnte die reine Kursentwicklung – also unabhängig von Bewertungsfragen und Fragen der Rahmenbedingungen – einigermaßen stimmig auf zwei Arten interpretiert werden: Flaggenbildung mit der Implikation einer anschließenden Fortsetzung des bisherigen Aufwärtstrends oder Toppbildung mit anschließendem – und dann nachhaltigem – Trendbruch. Nicht einmal die Umsatzentwicklung liefert aktuell eindeutige Hinweise wie das Kursgeschehen zu deuten ist. Weder ist sie deutlich rückläufig, wie dies innerhalb einer Flagge zu erwarten wäre, noch kam es bisher zu jenem massiven Anschwellen der Umsätze, das für den Distributionsprozess in einer Toppbildung typisch wäre. Wie unsicher sich die Marktteilnehmer aktuell sind, sieht man auch daran, dass sich sowohl der Bruch des Aufwärtstrends als auch der Bruch der Abwärtslinie als Fehlsignale mit anschließender Kursbeschleunigung in die Gegenrichtung erwiesen. Zur sharewise Community

Blick über den Großen Teich
Wenn sich die Marktteilnehmer in Deutschland unsicher sind, dann machen sie gerne das, was auch wir jetzt machen – sie blicken an die „Weltleitbörse“ nach New York. Wie an dieser Stelle schon mehrfach erwähnt, erwies sich der Dow-Jones-Index gegenüber dem DAX als der bessere Performer. Während der Dow als reiner Kursindex in den letzten Monaten immer wieder neue Allzeithochs erreichte, war dies nur dem DAX-Performanceindex möglich, der 2014-04-09_DOWdurch die Hinzurechnung der Dividenden ebenfalls den Allzeithoch-Turbo zündete. Beim DAX-Kursindex, der mit dem Dow Jones vergleichbar wäre, stammen die Allzeithochs dagegen aus dem Jahr 2000 und liegen noch immer gut 1.000 Punkte über dem aktuellen Kursstand. Aber auch beim Dow ist die Luft jüngst dünner geworden. Zwar konnte der US-Leitindex noch am vergangenen Freitag mit 16.631,63 Punkten im Verlauf ein neues Allzeithoch erzielen, sackte aber noch in dieser Sitzung unter das markante Ausbruchsniveau des letzten Allzeithochs (Abb. 2, rote Linie) ab. Am Montag bewegte er sich weiter dynamisch nach unten. Nach kurzfristigem Unterschreiten des Niveaus von 16.200 Punkten, konnte sich der Index gestern zunächst stabilisieren. Insgesamt ist auch dieses Kursgeschehen damit als klassisches Fehlsignal zu interpretieren, was in der gegebenen Situation eines gescheiterten Allzeithochs als negativ anzusehen ist. Andererseits ist selbst der seit 2009 laufende steile Aufwärtstrend (blaue Linie), der bei knapp unter 16.000 Punkten verläuft, bislang nicht angekratzt worden. Also auch hier: Gefährdung ja, akute Bedrohungslage noch nicht. Zumal beim Kursgeschehen in der Nähe von Höchstkursen die Höchstkurse selbst immer wieder für eine gewisse Kauflaune sorgen – zumindest, solange nicht wesentliche Dinge plötzlich vollkommen anders wahrgenommen werden.

Einzelne Patienten
Bevor wir uns nun weiter mit den Fieberkurven ganzer Krankenhäuser, also mit den Indizes auseinandersetzen, wollen wir uns aus technischer Sicht abschließend mit dem Chart eines einzelnen Patienten beschäftigen. Genau genommen ist Amazon.com aber gar kein Patient, sondern ein Unternehmen, das – glaubt man der Kursentwicklung – geradezu vor Kraft strotzt. Immerhin gehörte der Online-Händler zu den führenden Aktien der laufenden Aufwärtsbewegung. Seit den Tiefs im November 2008 konnte sich die Aktie in der Spitze sogar rund verzwölffachen. Im 2014-04-09_AmazonJahr 2014 läuft es allerdings nicht mehr ganz rund. Nach dem Allzeithoch bei 408 USD kam es zu ersten Ermüdungserscheinungen (Abb. 3). Im Bereich zwischen 375 und 380 USD öffnete sich ein Abwärts-Gap, das zwar geschlossen werden konnte, danach kannte der Kurs aber erst einmal kein Halten mehr. Aktuell notiert die Aktie im Bereich von 327 USD. Zuletzt wurde auch noch die seit 2010 intakte Aufwärtstrendlinie angekratzt. Zwar ließe sich das Kurgeschehen des Jahres 2014 in der Folge des enormen Anstiegs der Vorjahre prinzipiell noch als eine atypisch steile Flagge interpretieren (Abb. 3, oberer Chart, blaue Linien), die dann lediglich eine Korrektur im Aufwärtstrend wäre, aber auch bei Amazon drängen sich Gedanken an eine Toppbildung auf. Die beiden Abwärtsschübe des laufenden Jahres fanden unter enormen Umsätzen statt, was ein Hinweis auf ein Ende des Aufwärtstrends sein könnte. Auch zeigt die Relativbewegung zum NASDAQ100 (Abb. 3, unterer Chart blaue Linie) im laufenden Jahr deutliche Schwächezeichen. Derartige Rotationsbewegungen im Bereich der Favoritenaktien einer langjährigen Aufwärtsbewegung sind ein Warnsignal. Das Ganze spielt sich vor dem Hintergrund ab, dass die Amazon.com-Aktie keineswegs preiswert ist. Das 2013er Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) lag bei über 600 und soll im laufenden Jahr auf immer noch stolze 140 sinken – sofern sich der Gewinn je Aktie tatsächlich wie geplant mehr als verdreifacht. Zur sharewise Community

Makrofaktoren
Verlassen wir die technischen Betrachtungen, dann sind die Märkte derzeit im Wesentlichen von zwei großen Entwicklungen beeinflusst. Auf der Negativseite dieses massiven Spannungsfelds steht noch immer die Entwicklung rund um die Ukraine. Genau genommen befürchten die Marktteilnehmer ein Wiederaufflammen des Ost-West-Konflikts. Eine Befürchtung, die auf verrückte Weise unbegründet erscheint, denn der Konflikt ist eigentlich schon längst wieder aktiv. Jetzt aber wird er offiziell und rückt damit in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Wann immer sich eine Verschärfung der Gangart andeutet, verschreckt dies erst einmal die Märkte – so wie auch gegen Ende der letzten Woche.

Auf der „positiven“ Seite stehen die Notenbanken, die mit ihrer unermüdlichen Geldschöpfung jede auch noch so gut begründete krisenhafte Entwicklung einfach „wegdrucken“. Nach Japan und den USA – wo zuletzt der Fuß zwar ein wenig vom Gas genommen, aber noch lange nicht auf die Bremse getreten wurde – gesellte sich nun EZB-Chef Draghi in der letzten Woche etwas verschämt zur Druckerkolonne – zumindest verbal. „Unkonventionelle Maßnahmen“ selbstverständlich nur „im Rahmen des Mandats“ stellte er in Aussicht, wobei dieser Rahmen des Mandats ohnehin von keinem Gericht ernsthaft überprüft werden wird. Man darf gespannt sein, ob auch diesmal die Ankündigung genügt, oder ob Draghi tatsächlich aktiv werden muss. Der Umstand, dass der EZB-Chef das Thema überhaupt auf den Tisch bringt, sollte alle Alarmglocken schrillen lassen, denn das passt so gar nicht zum Gerede vom Ende der Krise, das allenthalben offiziell ertönt. Falls auch die EZB aktiv werden muss, braucht man sich über die Aktienkurse keine Sorgen zu machen. Die Gewinne eines solchen inflationären Crack-up Booms wären dann aber im Wesentlichen Scheingewinne. Auch wäre es mit der Euro-Stärke in der Folge erst einmal vorbei. Eine besondere Schwäche muss dies – zumindest gegenüber USD und JPY – noch gar nicht bedeuten, denn schließlich würden dann alle dasselbe tun – frisches Geld drucken.

Musterdepot Aktien & Fonds
Die Transaktionen für unsere Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

„Smart Investor“-Reise nach Nova Scotia (Kanada)
Nochmals sei an dieser Stelle auf die Smart Investor Reise vom 5.6. bis 10.6.2014 nach Nova Scotia (Neuschottland) im Osten Kanadas hingewiesen. Sie können direkt vor Ort Grundstücke besichtigen und sich über das Leben in Kanada informieren. Übrigens wird Chefredakteur Ralf Flierl mit von der Partie sein. Einige Informationen und Bilder dazu finden Sie auch auf S. 23 im aktuellen Heft. Anfragen zur Teilnahme bitte per Email an Smart Investor, Betreff: „Kanada-Reise 2014“ unter info(at)smartinvestor.de

Fazit
Nach einer – vor allem vor dem Hintergrund der Verwerfungen in der Wirtschaft – eindrucksvollen Aufwärtsbewegung in den letzten Jahren stottert der Motor vieler Märkte. Das zeigen die Charts und die Nachrichtensendungen liefern die passenden Argumente von der weltpolitischen Bühne. Bevor die Motoren aber absterben, werden die Notenbanken sicher noch einmal ordentlich Treibstoff nachfüllen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch