SIW 20/2014: Jetzt geht’s um „die Wurst“

Wochenende der Austrians

Hinter uns liegt ein veranstaltungsreiches Wochenende, wobei der Eurovision Song Contest (ESC) das herausragende Medienereignis war. Nicht ganz unerwartet gewann „Frau Wurst“ aus Österreich, denn sie ist genau jene geniale Mischung, die Medien und Politik so lieben: Als greller Hingucker mit unschuldigem Augenaufschlag trägt „sie“ die Botschaft vom grenzenlos bunten Europa auch in die verstaubteste Fernsehstube des Kontinents – eine Win/Win-Wurst für alle Beteiligten. Zudem auch wirtschaftlich ein sicherer Erfolg, denn „die Wurst“ ist ein Traumprodukt, das gerade auch bei den Mächtigen zu gefallen weiß. Während im Osten Europas der Bürgerkrieg droht und eine allgemeine Europamüdigkeit Platz gegriffen hat, inszeniert das Eurovisions-Sendernetz den Kontinent rechtzeitig vor der Europawahl als unbeschwert und ausgelassen. Eine „Frau“ mit einem Vollbart, der selbst stereotype Seeräuber und Wikinger alt aussehen lässt, oder eben ein androgyner Mann – herausgeputzt im festlichen Fummel – zeigen nun auch dem letzten Hinterwäldler, dass traditionelle (Geschlechter-)Grenzen machtvoll aufgelöst werden. Der gelenkte europäische Zeitgeist feiert sich selbst – zumindest solange das Playback noch spielt. Lediglich „Wladimir and the Homophobes“ bleiben mürrisch in der Ecke, während Europa tanzt. Ein nicht ganz unbeabsichtigter Kollateralnutzen. Und um ehrlich zu sein, angesichts der bisher präsentierten Farbloskandidaten für die EU-Präsidentschaft – Julz und Schuncker – sollte „Conchita“ auch hier ihren Hut in den Ring werfen – den cooleren Bart hat sie allemal.

In diese ausgelassene Stimmung hinein irrlichterten jedoch gleich zwei deutsche ESC-Jury-Mitglieder – Madeline Juno und Sido – indem sie „die Wurst“ nicht auf Platz 1 setzten. Die beiden glaubten, Stück, Performance und Künstler musikalisch beurteilen zu müssen und offenbarten damit, dass sie – so die Vorwürfe – weder Gespür für den Zeitgeist noch für den Geist des ESC und schon gar nicht für die Botschaft hinter der Performance hatten. Ah ja. Die beiden wurden entsprechend heftig angefeindet: „Ja, geht doch rüber!“ Aus Raider wurde Twix, aus Thomas wurde „Conchita“ und Gruppendruck heißt jetzt „Europa der Toleranz“. Zwar steht im Reglement des ESC: „Lied oder Auftritt dürfen keine politische Botschaft enthalten.“ – eine Regel aber, die im Neuen Europa ebenso veraltet ist, wie die No-Bailout-Klausel. Abgesehen davon stand beim ESC selten das Singen im Vordergrund. In rund 50 Jahren wurden im Rahmen dieses Wettbewerbs praktisch nur einmal echte Weltstars geboren – und das ausgerechnet mit dem prophetischen Titel „Waterloo“! (ABBA)

Eigentlich war der Wettbewerb schon immer politisch. Denn es ist allemal besser gegeneinander zu singen, als aufeinander zu schießen – wobei die Grenzen hier allerdings zugegebenermaßen fließend sind. Andere Botschaften waren da schon subtiler. Etwa als Guildo Horn 1998 Europa demonstrierte, dass es den hässlichen Deutschen inzwischen auch in einer vollkommen lächerlichen Harmlos-Variante gibt. Oder Stefan Raab, der mit seinem Beitrag „Wadde hadde dudde da?“ jeden Verdacht entkräften konnte, wir seien noch immer „ein Volk der Dichter und Denker“. Zur sharewise Community

Gedankenaustausch mit Niveau

Kommen wir zu jenen Veranstaltungen, auf denen „Austrians“ vielleicht nicht ganz so „fesch“ herausgeputzt waren, jedoch auch ohne auffällige Verkleidungen überzeugen konnten. Das waren am Freitag, den 9. Mai, die „5. Hamburger Mark Banco Anlegertagung“ des Instituts für Austrian Asset Management (IfAAM) und am Samstag, den 10. Mai, die Konferenz „Ist das Papiergeldsystem noch zu retten?” des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Beide Veranstaltungen fanden in München statt. Wer neben Grundsatzfragen dieser Denkrichtung auch etwas zur aktuellen Lage der Volkswirtschaften aus „österreichischer Sicht“ erfahren wollte, war hier richtig. Ein Höhepunkt der IfAAM-Veranstaltung am Freitag war die Verleihung der Roland Baader Auszeichnung an Dr. Bruno Bandulet für sein bisheriges aufklärerisches Lebenswerk. Ein ausführliches Interview mit Herrn Dr. Bandulet („An einem großen Krieg ist derzeit niemand interessiert“) finden Sie in der aktuellen Ausgabe 5/2014 des Smart Investor ab S. 32. Aber auch am Samstag war einiges geboten, der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Professor Jürgen Stark, traute sich „in die Höhle der Löwen“ – also zu einem Kongress des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Ein besonderes Schmankerl war die kontrovers geführte Diskussion zwischen Stark und den Vertretern der Austrians. Auch wenn naturgemäß in wesentlichen Punkten keine Einigkeit zu erzielen war, so gab es durchaus auch große Schnittmengen. In jedem Fall wurde das Publikum Zeuge einer hochkarätigen, respektvoll geführten Diskussion, in der auch der Humor nicht zu kurz kam. Über beide Veranstaltungen werden wir in der kommenden Ausgabe 6/2014 des Smart Investor noch ausführlich berichten. Zur sharewise Community

Anzeige
______________________________

Weekly______________________________

2014-05-14 DAX

Zu den Märkten

Ein vorläufig letztes Mal bemühen wir den schon bekannten DAX-Chart der letzten beiden SIW-Ausgaben. Wie in SIW 19/2014 vermutet, erfolgte inzwischen der Ausbruch aus der gezeigten Konsolidierungsformation nach oben. Die Bewegung kam sogar noch rascher als erwartet. Es genügte schon eine „Feuerpause“ im Bombardement mit Ukraine-Nachrichten, die den Weg für den DAX frei machte. Dabei ist die Situation allenfalls oberflächlich beruhigt, wie der Kurzbesuch von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Kiew zeigte. Die beabsichtigte Kranzniederlegung für die Opfer von Odessa wurde hintertrieben. Auch sonst stieß er mit seinen Vermittlungsvorschlägen bei den Kiewer Machthabern auf eher taube Ohren. Ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein, das da in Kiew demonstriert wird und uns in unserer Einschätzung bestätigt, dass Deeskalation dort nicht das oberste Ziel ist. Mit einem Aufflackern der Auseinandersetzungen ist also jederzeit – besonders im Vorfeld der Wahlen am 25.5. – zu rechnen.

Der DAX schaffte also den Sprung über die Ihnen schon bekannte obere rote Begrenzungslinie der Dreiecksformation (türkise Ellipse). Das ist die gute Nachricht. Ebenfalls eine gute Nachricht ist, dass sich der Kurs nach dem Durchbruch über dieser Linie halten konnte. Die Umsatztätigkeit beim Ausbruch war ordentlich (im Chart unten). Auch dies ist positiv zu werten. Dennoch sind wir im Moment noch nicht ganz über den Berg. Auch wenn in manchen Portalen bereits voreilig ein neues Allzeithoch des Deutschen Leitindex gemeldet wurde, konnte das bisherige Allzeithoch bei 9.794,05 Punkten, das am 21.1.2014 erreicht wurde, bislang noch nicht überboten werden. Der Hinweis allerdings, dass der Markt bereits erschöpft sei, ist offensichtlicher Unfug. Seit dem Ausbruch wurden gerade einmal 150 Punkte überwunden. Ein kurzes Zaudern an einer solchen Marke ist zudem nicht weiter bedenklich. Sollte sie überwunden werden, dann dürfte die „Magie des Allzeithochs“ ihre Wirkung tun und für weiteren Rückenwind sorgen.

Musterdepot Aktien & Fonds
Die Transaktionen für unsere Musterdepots finden Sie auf unserer Website im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf www.smartinvestor.de. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Letzter Aufruf – Leserreise nach Kanada (Nova Scotia)
In rund drei Wochen startet unsere Informationsreise vom 5.6. bis 10.6.2014 nach Nova Scotia (Neuschottland) im Osten Kanadas. Einige Informationen und Bilder dazu finden Sie auch ab S. 26 in der Smart-Investor-Ausgabe 2/2012. Anfragen zur Teilnahme bitte per Email an Smart Investor, Betreff: „Kanada-Reise 2014“ unter info@smartinvestor.de

Fazit
Europa feiert sich selbst und preist vor allem auf der Showbühne seine Toleranz. Ob die Kunstfigur „Conchita Wurst“ – trotz des enormen politischen Rückenwindes, den ihre Darbietung fand – auch außerhalb des Biotops ESC als Integrationsfigur taugt, ist ungewiss. Wenn der DAX feiert, dann regieren dagegen die nüchternen Zahlen und die sehen in greifbarer Nähe des Allzeithochs gar nicht so schlecht aus.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

facebook

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Ein kostenloses zweimonatiges Kennenlern-Abo des Magazins Smart Investor kann unter Smart Investor Abonnements angefordert werden.

Das Magazin:
Das aktuelle Inhaltsverzeichnis des Smart Investor Magazins ist unter Smart Investor Ausgabe 5/2014 einzusehen.

E-Mail-Versand:
Sollten Sie den eMail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine eMail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an weekly@smartinvestor.de.

Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

Impressum
Smart Investor Media GmbH

Hofmannstr. 7a
81379 München
Tel.: 089/2000 339 – 0
Fax: 089/2000 339 – 39
HRB: 149 664 Amtsgericht München
USt.ID.Nr.: DE207669469
Vertretungsberechtigter Geschäftsführer: Ralf Flierl
info@smartinvestor.de

Inhaltlich Verantwortlicher gemäß § 10 Absatz 3 MDStV:
Ralf Flierl