Marktmanipulation – Fairness war gestern

Ein komisches Gefühl
Immer öfter beschleicht Marktteilnehmer das komische Gefühl, dass an den Märkten etwas aus dem Ruder läuft. Sei es, dass sich aktive Anleger über die grundsätzlich schlechte Ausführung ihrer Orders wundern, sei es, dass bestimmte Anlagen ein völlig unerklärliches Verhalten an den Tag legen. Natürlich ist solchen Beobachtungen von Betroffenen nicht immer zu trauen, da die Neigung besteht, eigene Misserfolge auf diese Art wegzuerklären. Als wir uns bereits in der Titelgeschichte des Smart Investor 9/2003 mit dem Thema „Manipulation an den Märkten“ auseinandersetzten, konnte man das vielleicht noch als „Verschwörungstheorie“ wegwischen. Inzwischen, zahlreiche Skandale, Verurteilungen und Vergleiche in Milliardenhöhe später, hat es das Thema Marktmanipulation bis in die Hauptstrommedien geschafft.

Allumfassende Manipulation
Wenn man von Manipulationen, Markteingriffen oder unfairen Handelspraktiken spricht, dann ist das ein ebenso weites wie heterogenes Feld. Betroffen bzw. mutmaßlich betroffen ist eine Vielzahl von Märkten – die Edelmetalle Gold und Silber, die Referenzzinssätze LIBOR und EURIBOR, der Handel mit Devisen, Rohstoffe wie Lithium, Zink und Aluminium, Staatsanleihen bestimmter Länder oder ganz generell unfaire Praktiken beim Handel mit Aktien. Es dürfte inzwischen fast leichter fallen, jene Märkte aufzuzählen, an denen nicht manipuliert wird. Mit Sicherheit kann man das nach den Erfahrungen der letzten Jahre aber von keinem Markt behaupten.

Notwendige Distanz
Dabei ist nicht alles, was an Markteingriffen geschieht, formal ein Delikt. Staatliche Stellen wie Zentralbanken oder der Europäische Stabilitätsmechanismus ESM greifen beständig in Märkte ein. Dass spanische Staatsanleihen heute trotz Rekordverschuldung nur einen rekordtiefen Zins bieten, ist sicher nicht das Ergebnis eines ungestörten Marktprozesses – wobei der Eingriff hier vor allem in der politisch motivierten Modellierung der Rahmenbedingungen in Richtung Haftungsunion bestehen dürfte. Marktteilnehmer wie internationale Großbanken sind zudem so eng mit der politischen Macht verwoben, dass sie in einer diffusen Doppelrolle aktiv werden. Während sie sich an der Umsetzung des Gewünschten beteiligen, verlieren sie den eigenen Gewinn natürlich nicht aus den Augen. Spätestens seit der Prozesswelle gegen Banken und Finanzkonzerne sollte aber selbst dem gutgläubigsten Kunden klar sein, dass Banken keinen größeren Vertrauensvorschuss verdienen als jeder andere Geschäftspartner, egal wie staatstragend sie sich geben. Hinweise in diese Richtung wurden vor der Finanzkrise noch empört zurückgewiesen. Oft genug scheint es auch zwischen Finanzdienstleistern und (End-)Kunden zu handfesten Konflikten zu kommen: Am 23. Mai 2014 titelte beispielsweise die Börsen-Zeitung: „Die Deutsche Bank versinkt in Rechtsstreitigkeiten“. Rund 6.000 Verfahren seien anhängig. Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DWS), spottete schon, dass das Haus mittlerweile „eine gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossenem Bankgeschäft“ sei.

Mutter der Marktmanipulation
Im Fokus des eingangs erwähnten Smart-Investor-Beitrags stand seinerzeit der Goldmarkt. Dank entsprechender „Aufklärungsarbeit“ des Medienmainstreams galten und gelten „Gold Bugs“ unter Normalbürgern meist als leicht paranoid. Das mit der Verschwörungstheorie hatten wir ja bereits. Neu war das Thema vor gut zehn Jahren aber nicht, denn bereits Mitte der 1990er Jahre gründete sich in den USA das Gold Anti-Trust Action Committee (GATA), das sich eingehend mit den vielfältigen und oft verdeckten Einflüssen auf den Goldmarkt beschäftigte. Im deutschsprachigen Raum hat sich insbesondere der Buchautor Dimitri Speck um das Thema verdient gemacht. Dennoch dauerte es bis zum Mai 2014, bis mit Barclays die erste Bank wegen der Manipulationen des Goldfixings verurteilt wurde. Ein Mitarbeiter hatte den Preis am Verfallstag eines Kundenkontrakts so tief manipuliert, dass dieser leer ausging und sich die Bank entsprechend eine siebenstellige Summe ersparte. Dies freilich war ein relativ unbedeutender Einzelfall. Der Verdacht der Gold-Community richtet sich eher darauf, dass auf den Goldkurs zum Fixing nicht einmalig, sondern über viele Jahre hinweg – unter den wohlwollenden Augen von Notenbanken und Regierungen – systematisch Druck ausgeübt wurde.

Goldpreismanipulation
Der Goldmarkt ist für das Thema Manipulation gleich in mehrfacher Hinsicht anfällig. Neben dem auch an anderen Märkten gegebenen wirtschaftlichen Eigeninteresse der Marktteilnehmer hat die Entwicklung des Goldpreises eine Indikatorfunktion für den Zustandder Fiat-Money-Systeme. Nicht zuletzt aus den Fed-Protokollen ist relativ gut belegt, dass die US-Notenbank stets ein Auge auf die Preisentwicklung des gelben Metalls hat. Die Konkurrenzbeziehung besteht dabei insbesondere zum US-Dollar undzu den US-Staatanleihen. Es ist also wahrscheinlich, dass nicht nur wie im oben beschriebenen Fall ein Kunde über den Tisch gezogen wird, sondern dass zusätzlich Einfluss aufgrund der Indikatorfunktion des Goldpreises genommen wurde und wird.

Cover_Geheime Goldpolitik für Manipulationstext_Melette
„Geheime Goldpolitik – warum und wie die Zentralbanken den Goldpreis steuern“, Dimitri Speck, FinanzBuch Verlag, 352 S., 24,99 EUR

 

Die Sache mit dem „Kursblitz“
In diesem Zusammenhang thematisiert Speck die sogenannten „Kursblitze“. An diesen Punkten des Marktgeschehens fällt der Goldpreis innerhalb kürzester Zeit und unter hohem Handelsvolumen, aber ohne sichtbaren äußeren Anlass stark zurück. Das Volumen der Kursblitze, die schon mal ein Volumen von mehreren Hundert Millionen USD betragen können, spricht für Aktionen großer Marktteilnehmer. Das Denkmuster von Interventionisten fasst Speck mit folgendem Satz zusammen: „Fallende Kurse verursachen ein größeres Angebot.“ Das stellt natürlich die ökonomische Binsenweisheit „Ein höheres Angebot verursacht fallende Kurse“ auf den Kopf. Der „Kursblitz“ dürfte also regelrecht darauf angelegt sein, durch einen Kursschock andere Marktteilnehmer zu Verkäufen zu treiben. Häufig genug erfolgt das sogar automatisch über gerissene Stop-Loss-Marken, die dann schlagartig zu einem weiteren, unlimitierten Angebot führen. In solche Verkaufslawinen hinein kann sich ein möglicher Manipulator dann schon wieder kursschonend eindecken und sogar noch einen Gewinn erzielen – auf dem Rücken der Goldanleger. Ähnliche „Kursblitze“ konnte Speck auch am Silbermarkt entdecken. An anderen Märkten ist das Phänomen in dieser Intensität dagegen nicht zu beobachten.

 

 

Innerhalb weniger Sekunden werden große Mengen Gold in den Markt gedrückt. Quelle : comdirect, Dimitri Speck
Innerhalb weniger Sekunden werden große Mengen Gold in den Markt gedrückt. Quelle : comdirect, Dimitri Speck

 

Vergleichs- und Urteilsflut
Seit 2011 schießt die Zahl der Urteile und vor allem Vergleiche gegen die Finanzwirtschaft in die Höhe. Üblicherweise streben Unternehmen Vergleiche an, um einer Verurteilung zu entgehen. Zwar war nicht jeder Prozess marktbezogen – etwa der Steuerstreit mit der Schweizer Credit Suisse oder die Klage gegen BNP Paribas im Zusammenhang mit unterlaufenen US-Sanktionen –, aber es zeigte sich auch, dass sich die Manipulation an viel größere Märkte heranwagte als die vergleichsweise kleinen Edelmetallmärkte. Die richtige Frage lautet also: Wenn selbst an zentralen Referenzzinssätzen geschoben wird, warum dann nicht auch bei Gold und Silber? Der bislang höchste Vergleich wurde übrigens mit JP Morgan geschlossen, die sich verpflichteten, 13 Mrd. USD zu bezahlen, weil falsche Angaben zur Qualität von Hypothekenanleihen gemacht wurden. Käufer waren seinerzeit die staatlichen US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, die die Angelegenheit weniger sportlich sahen als das Bankhaus.

LIBOR-Skandal
Der Themenkomplex, bei dem einer breiteren Öffentlichkeit die dunkle Seite mancher Geldhäuser so richtig klar wurde, war der sogenannte LIBOR-Skandal. …