Löcher in der Matrix – Gläubige Funktionäre

„Mindestlohn-Talk: Publikum lacht DGB-Chef Hoffmann aus“ (bild.de, 4.7.2014)

„Schlechtes Vorbild für Europa: Bundesbank-Chef schimpft über Regierung“ (bild.de, 4.7.2014)

Zwei Überschriften liefert uns da der Boulevard, die man nicht schöner hätte nebeneinander montieren können. Das eine ist eine Nachlese zur „Illner“-Talkshow vom Vorabend – ein Service für jene Leser, die entweder keine Zeit hatten, sich das Ganze in der Länge nicht antun wollten, oder auch nur der Interpretationshilfe durch die bild.de-Redaktion bedürfen. So genau weiß man das nicht. Schon der Sendungstitel „Einer für alle – wie gerecht ist dieser Mindestlohn?“ zeigte, dass selbst die totale Gleichmacherei à la Mindestlohn vor dem strengen Auge einer allumfassenden Gerechtigkeit möglicherweise keine Gnade findet. So als ob dies das entscheidende Kriterium sei. Zu Ende gedacht könnte man sich natürlich einmal die Frage stellen, inwieweit solche staatlichen Maßnahmen unter dem Motto „Gerechtigkeit durch Gleichheit“ per Saldo überhaupt positive Wirkungen für ein Gemeinwesen entfalten. Eine Frage, die so berechtigt ist, dass sie konsequent gemieden wird.

Highlight der Sendung war eine Aussage des DGB-Chefs Reiner Hoffmann: „Mit dem Mindestlohn sind wir nicht der Gefahr ausgesetzt, Arbeitslosigkeit zu produzieren, glaube ich.“ Illner spitzte Hoffmanns Aussage mit der Bemerkung „Ach, Sie glauben das? Das ist ja schön!“ zu, was das Publikum mit einem ziemlich subversivem, in jedem Fall aber unpassendem Gelächter quittierte. Das Fazit der bild.de-Redaktion scheint zu dieser Episode nicht recht zu passen: „Ein interessanter Polit-Talk, der zeigt: Die Grundidee des Mindestlohnes geht in die richtige Richtung, auch 90 Prozent der Deutschen sind dafür.“ Ach, zeigte er das?

Dieser „Weisheit der Vielen“, die mit „90 Prozent“(!) fast schon Honeckersche Ausmaße angenommen hat – jedenfalls laut bild.de –, mag sich Bundesbank-Chef Weidmann nicht anschließen. Er monierte gestern, dass die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik ihren Vorbildcharakter für Europa verloren habe: „Als Beispiele nannte Weidmann die „Rente mit 63” und den am Donnerstag im Bundestag verabschiedeten Mindestlohn.“ Andererseits ist Weidmann es inzwischen ja gewohnt, etwas Kluges zu sagen und dabei regelmäßig von der „Schwarmintelligenz“ überrollt zu werden – das ist im EZB-Rat nicht anders.

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