Smart Investor 11/2014 – Editorial

Als ich vor rund 20 Jahren mit der Wertpapieranalyse begann, da stand das Studieren von Firmenbilanzen oder volkswirtschaftlichen Datenkränzen noch im Vordergrund. Heute dagegen habe ich den Eindruck, dass die Bewertung der Maßnahmen der Zentralbanker und Wirtschaftspolitiker weit höher zu gewichten ist.

So werden inzwischen z.B. Verträge (No-Bailout-Klausel) nach dem Motto „Not kennt kein Gebot“ gebrochen oder per Knopfdruck durch die Zentralbank Geld geschaffen (Quantitative Easing), mit dem man Managementfehler bei Banken ausbügelt oder ganze Märkte (US-Hypotheken) hochkauft. Wenn das die neue Form des „Wirtschaftens“ ist, dann muss man sich doch fragen, ob man nicht besser Psychologie studieren und Mario Draghi, Barack Obama oder Angela Merkel auf die Couch bitten sollte, um die Windungen in ihren Hirnen zu ergründen.

Ganz aktuell kam z.B. Folgendes über die Nachrichtenticker: Angeblich plant die EZB den baldigen Ankauf von Unternehmensanleihen. Wenn das wirklich wahr werden sollte, dann kann sich der Anleiheinvestor die Analyse der Bonität und der Zinsdeckungsfähigkeit der Emittenten zukünftig sparen. Viel wichtiger wird es nämlich für ihn sein, welche Papiere die EZB favorisieren wird und welche Unternehmen bzw. welche Branchen dann in den Genuss der indirekten Staatsfinanzierung kommen werden.

Was heute noch als Gerücht gehandelt wird, könnte sich bald schon als Realität entpuppen. Denn wie Sie unserer diesmaligen Titelgeschichte (ab S. 48 im Smart Investor 11/2014) entnehmen können, wird es mit der Konjunktur in Europa vermutlich weiter abwärts gehen, dementsprechend dürften einige Firmen ins Trudeln kommen. Aber keine Sorge! Dem Psychogramm von Herrn Draghi entnehmen wir, dass der EZB-Chef dann, wenn Schaden abzuwenden ist, zu den adäquaten Mitteln greifen wird. Und das könnten dann eben solche Käufe von Unternehmensbonds sein.

Apropos Schaden. Wenn durch EZB-Käufe ein niedriges Zinsniveau bei Unternehmensanleihen zementiert wird, dient dies kurzfristig den Haltern dieser Papiere und langfristig den Schuldenkönigen unter den Unternehmen. Leider mit einem Nebeneffekt: Solide eigenkapitalfinanzierte Unternehmen kommen nicht in den Genuss dieser indirekten Staatsfinanzierung und haben daher einen Wettbewerbsnachteil. Vom Bürger, der diese EZB-Maßnahme, welche einer Geldmengenausweitung entspricht, zukünftig mit dem Kaufkraftverlust seines Vermögens „bezahlen“ muss, wollen wir hier gar nicht sprechen…

Aber diese Nebeneffekte interessieren Super-Mario nicht. So zumindest schließen wir aus den umfangreichen Auswertungen seiner bisherigen Taten. Herr Draghi ist nämlich „kurzsichtig“, zumindest mental gesehen. Deshalb stopft er immer nur das nächstliegende Loch und sieht den Graben nicht, der sich folglich dahinter auftut. Der Banken-, Volks- und bald auch Firmen-Beglücker wird’s also schon richten. Oder wie typische Verdränger-Persönlichkeiten zu sagen pflegen: „Alles wird gut!“

Wir haben diesmal wieder jede Menge spannende Themen für Sie parat. Viel Spaß beim Lesen!

Ihr

Ralf Flierl