Löcher in der Matrix – „Lügenpresse“ vs. „Qualitätsjournalismus“

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„‚Lügenpresse‘ ist ‚Unwort des Jahres‘“ (tagesschau.de, 13.1.2015)

 

„Lügenpresse“ ist also das „Unwort des Jahres 2014“. Das zumindest meint die „Unwort“-Jury, die aus vier ständigen Mitgliedern – allesamt Sprachwissenschaftler – und einem kooptierten Mitglied – derzeit ein Journalist der Frankfurter Rundschau – besteht. Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ würden „Medien pauschal diffamiert“, meinte die Vorsitzende der „Unwort“-Jury, Nina Janich.

Schon lange sind die etablierten Medien unter Druck. Für die heranwachsende Generation sind Tagesschau und SPIEGEL keineswegs erste Wahl, wenn es um Aktualität oder Hintergründe geht. Und wer mit den kostenlosen Internet-Angeboten groß geworden ist, der wird als Erwachsener sein Nutzerverhalten kaum schlagartig ändern. Düstere Aussichten also für die Branche, die nun auch noch zunehmend geschmäht wird.

Dabei wären die einzigen Pfunde, mit denen die Etablierten im Nachrichtengeschäft ernsthaft wuchern könnten, Qualität und Glaubwürdigkeit. Hinsichtlich der bewegenden politischen Themen der letzten Jahre verstärkte sich aber der Eindruck, dass nicht das Relevante neutral vermittelt, sondern das politisch Gewünschte unters Volk gestreut wird. Insofern ist der Begriff von den meinungsbildenden Medien durchaus verräterisch. Die „Vierte Gewalt“ erscheint immer weniger als ein wirksames Element der Gewaltenteilung sondern als Teil des Herrschaftsapparats. Geschrieben und gesendet wird, was die Parteibuch-Alphas erwarten. Die arbeitsplatzerhaltende „Schere im Kopf“ bei den nachgeordneten Redakteuren ist real.

Dass die sich rasch etablierende Bloggerszene nun genauer hinsieht und sowohl handwerkliche Fehlleistungen als auch echte Manipulationen geradezu genüsslich ans Licht der Öffentlichkeit zerrt, hat auch etwas mit der satten Überheblichkeit der Etablierten zu tun. Heute ist es ein Leichtes, sich eine zweite Meinung außerhalb des Mainstreams einzuholen.

Wie die verschnupften und dünnhäutigen Reaktionen der Betroffenen zeigen – insbesondere aus dem öffentlich-rechtlichen Biotop – ist eine derart kritische Begleitung für die Etablierten echtes Neuland. Dabei bräuchten diejenigen, die handwerklich sauber arbeiten, Kritik der Kundschaft nicht zu fürchten – und Kundschaft ist in diesem Zusammenhang eben nicht Partei oder Politik, sondern die zahlenden Leser bzw. Zuschauer.

Fraglos ist der Begriff „Lügenpresse“ eine Schmähung. Schon während des Ersten Weltkriegs fand die Vokabel im politischen Kampf Verwendung. Auch von den nationalen Sozialisten des heraufziehenden „Dritten Reichs“ wurde der Ausdruck reichlich ge- und missbraucht. Wenn aber „Leitmedien“ in der aktuellen politischen Berichterstattung mitunter ein fragwürdiges Berufsverständnis zeigen, dann darf das nicht nur, dann muss das kritisiert werden. Nicht nur die Ukraine-„Berichterstattung“ zeigte, dass der Begriff „Qualitätsjournalismus“ ein mindestens ebenso würdiger Kandidat für das „Unwort des Jahres“ gewesen wäre – und das nicht erst seit 2014.

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