Löcher in der Matrix – Auf Kosten Dritter

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Bund spart durch Niedrigzinsen 160 Milliarden Euro“ (welt.de, 9.4.2015)

In Zeiten von Geldschwemme und Finanzieller Repression sind nachhaltige wirtschaftliche Erfolge rar gesät. Da greifen die Gesundbeter aller Schattierungen tief in die Trickkiste, um dennoch ein paar Jubelmeldungen unter das Volk zu streuen. Spätestens seit der Finanzkrise 2007/08 ist eingebetteter Journalismus in der Wirtschaft ebenso selbstverständlich wie im Krieg. Einige Strickmuster haben sich beim Schönreden besonders bewährt: So wird Positives übertrieben dargestellt, bestenfalls Neutrales wird in einen „Erfolg“ umgedeutet und die hässliche Seite einer Gleichung lässt man in der Tradition der „Milchmädchenrechnung“ auch gerne einmal ganz unter den Tisch fallen.

Da die aktuelle Krise vor allem eine (Staatsschulden-)Krise ist, sind positive Nachrichten von dieser Front besonders willkommen. Und um sicherzugehen, dass das auch wirklich so gesehen wird, werden hier gleich alle drei eingangs erwähnten Stilmittel zum Einsatz gebracht: Schon in der Überschrift finden wir eine maßlose Übertreibung: „Bund spart durch Niedrigzinsen 160 Milliarden Euro“. Der flüchtige Leser kann dies leicht für einen Jahreswert halten, da sich Haushaltszahlen, wie Etatvolumen und Neuverschuldung üblicherweise auf das laufende oder das folgende Jahr beziehen. Tatsächlich wird aber eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zitiert, in der die Zinsersparnis bis zum Jahr 2030(!) abgeschätzt wird. Im laufenden Jahr soll es demnach zwar die „größte Wirkung“ geben, diese beträgt aber lediglich knapp 20 Milliarden Euro.

Zum Zweiten wird konsequent und beschönigend von „historisch niedrigen Zinsen“ oder einem „Niedrigzinsumfeld“ gesprochen, so als ob das auf natürliche Weise entstanden sei – sozusagen ein Glücksfall für den Bund. Tatsächlich wurden diese Niedrigzinsen im Rahmen der Finanziellen Repression planvoll herbeigeführt. Sie sind der sichtbarste Ausdruck für die Bemühungen der Staaten, ihre übermäßige Verschuldung nun auf dem Rücken Dritter zu „lösen“.

Wohl auch deshalb wird lediglich die Ersparnis auf der Ausgabenseite des Bundes thematisiert. Dass die künstlichen Niedrigzinsen auf Seiten der Sparer zu erheblichen Einnahmeausfällen führen und in die Altersvorsorge vieler Bürger tiefe Löcher reißen, davon kein Wort. Auch dass eine Null- und neuerdings Negativverzinsung für die Sparleistung der Bürger weder marktgerecht noch fair ist, dürfte ernsthaft kaum bestritten werden, wenn man denn darüber reden würde. Also schweigt man über diesen Teil der Gleichung. Das richtige Wort für die „Ersparnis des Bundes“ lautet eigentlich „Umverteilung“. Angesichts des Ausmaßes und der Dreistigkeit, mit der diese inzwischen betrieben wird, sind solche Meldungen auch gar kein Grund zum Jubeln – zumindest nicht für jene Normalbürger, die auch hier die Zeche zahlen.

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