Löcher in der Matrix – Zeitgeistiger Schaumschläger

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch“Vom Equal-Pay-Boss zum Equal-Pleite-Loss” (rolandtichy.de, 2.8.2015)

Wir müssen, nein, wir wollen uns einmal ganz unbescheiden selbst zitieren. An dieser Stelle nahmen wir am 17.4.2015 eine Geschichte von bild.de aufs Korn. Unter dem Titel „Der beste Boss aller Zeiten“ lieferte der Online-Boulevard eine Lobhudelei auf Dan Price, die sich auch von einfachen ökonomischen Zusammenhängen nicht beirren ließ. Der gute Dan wurde zur überragenden Unternehmerpersönlichkeit hochgeschrieben, weil er allen Mitarbeitern – und auch sich selbst – ein Einheitsgehalt von 70.000 USD/Jahr bezahlte. Damit bewies Price zumindest ein Händchen für medienwirksame Aktionen. Denn die „Equal Pay“-Initiative passte hervorragend zum zeitgeistigen Gleichheitswahn dieser Tage.

Sehr viel mehr bewies Price damit allerdings nicht. Und irgendwie scheint die Bild-Online-Redaktion das Interesse am Schicksal des „besten Bosses aller Zeiten“ inzwischen auch ein wenig verloren zu haben. Man schweigt. Denn nicht einmal vier Monate nach den Lobeshymnen hat die Realität den Gleichheitspionier eingeholt: „Zwei der besten Verkäufer, Zugpferde von Gravity Payments, haben das Unternehmen verlassen.“ Ihnen war „nicht mehr zu vermitteln, warum sie genau so viel verdienen sollten wie geringer qualifizierte Mitarbeiter des Unternehmens.“ Zwar berief sich Price bei seiner Maßnahme auf eine Studie, wonach sich das Glücksempfinden mit monetären Anreizen jenseits der magischen 70.000 USD nicht weiter steigern ließe. Aber offenbar berücksichtigte er nicht, dass gerade die leistungsstärksten Mitarbeiter mit einem Einheitslohn hadern könnten.

Wenn Bezahlung und Wertschöpfung entkoppelt werden, ist aber genau das zu erwarten. Wer sich mit dem willkürlich festgesetzten Einheitslohn gut oder gar überbezahlt fühlt, der bleibt. Wer sich dagegen nicht ausreichend wertgeschätzt fühlt, der sucht sein Glück anderswo. Prices „unternehmerische Großtat“ führt perspektivisch zur Ansammlung der Überbezahlten und zum Abgang der Leistungsträger. Frische „High Potentials“ werden von solchen Gehaltsstrukturen wohl gar nicht erst angezogen. Ein klassisches Anreizthema also und ein weiteres sozialistisches Experiment, das ohne den – freilich erst noch zu produzierenden – „Neuen Menschen“ nicht recht gelingen will.

Auch wenn „Gravity Payments“ noch nicht – wie die Überschrift suggeriert – pleite ist, so hat die Grundsatzentscheidung des „besten Bosses aller Zeiten“ das Unternehmen mit einer schweren strukturellen Hypothek belastet. Kein Wunder, dass Price unmittelbar nach der Entscheidung von seinem Bruder Lucas, der stiller Teilhaber des Unternehmens ist, auf 2,2 Millionen USD verklagt wurde.

<- Vorheriges Loch          Nächstes Loch ->