Interview

Smart Investor im Gespräch mit Dr. Harald Preißler von der Bantleon Bank AG über den konjunkturellen Aufschwung in Europa und die momentane Schwächephase der Bantleon Opportunities-Fonds

Smart Investor: Was erwarten Sie von der wirtschaftlichen Entwicklung Europas in den kommenden Monaten? Wie entwickeln sich die Krisenstaaten der Peripherie aus Ihrer Sicht?

Preißler: In Europa zeigen unsere Frühindikatoren nach wie vor steil nach oben. Das Konjunkturbild der Region ist auf Sicht von sechs bis neun Monaten sogar weltweit das Beste, auch wenn die Wachstumsraten nicht üppig sind. Vor diesem Hintergrund halten wir neue Höchststände beim DAX für durchaus möglich. Bei den Peripheriestaaten muss man differenzieren. Griechenland, das durch das Chaos der vergangenen Monate stark zurückgeworfen wurde, spielt dabei sicherlich eine Sonderrolle. In anderen Ländern der Peripherie gibt es hingegen klar positive Tendenzen. So knüpft Spanien bei seinen Wachstumszahlen bereits wieder an alte Glanzzeiten an. Ebenfalls positiv sind die Zahlen für Portugal, selbst Italien entwickelt sich erfreulich. Generell haben momentan in Europa die Länder die höchsten Zuwachsraten, die von Aufholeffekten in der Binnennachfrage profitieren.

Smart Investor: Trotz der von Ihnen angesprochenen positiven Wachstumszahlen kämpfen die Staaten aber weiter mit hoher Verschuldung, oder? Wie schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass europakritische Parteien wie die spanische „Podemos“ an Stärke gewinnen?

Preißler: Tatsächlich bleibt die Verschuldung ein ungelöstes Problem. Sie steigt weiter, aber in langsamerem Tempo. Neben den bereits erwähnten Nachholeffekten spielt dabei natürlich die Geldpolitik der EZB eine wichtige Rolle. Sie sorgt für konjunkturelle Impulse, was die Länder in die Lage versetzt, das Wachstum anzukurbeln und dann im zweiten Schritt die Schuldenquoten abzubauen. Bis zu einem echten Abbau der Schuldenstände ist es allerdings noch ein weiter Weg. In Spanien kann die Regierung auf eine erfolgreiche Reformpolitik zurückblicken. Von daher glaube ich nicht, dass europakritische Parteien in die Regierungsverantwortung kommen. Allerdings bleibt das eine latente Gefahr. Wenn Wahltermine mit konjunkturellen Schwächephasen zusammentreffen, dann bieten diese Parteien ein „ideales“ Auffangbecken für Frustrierte. Insofern bleibt die politische Fragilität in den kommenden Jahren eine Dauerbedrohung für den Euro.


Smart Investor: Der von Ihnen angesprochene Zeitraum mit positivem Trend in Europa ist überschaubar. Wird die EZB dagegenhalten, wenn schon bald eine Abschwächung droht, und ihr Anleihekaufprogramm ausweiten?

Preißler: Ich fürchte ja. Von ihrem Ziel einer nachhaltigen Reflationierung der Eurozone ist die EZB ja noch ein gutes Stück entfernt. Ein stärkerer Abschwung könnte daher tatsächlich eine Steilvorlage für den EZB-Rat sein, nachzulegen. Möglicherweise wird das Programm nicht nur verlängert, es könnte sogar aufgestockt werden.


Smart Investor: Wie beurteilen Sie die konjunkturelle Entwicklung in den USA? Zuletzt kamen schwächere Daten aus China. Sehen Sie dadurch negative Auswirkungen auf die globale Entwicklung?

Preißler: Per saldo liegt das Wirtschaftswachstum in den USA seit nunmehr fünf Jahren stabil bei rund 2,5%. Der moderate Wachstumstrend wird sich aller Voraussicht nach fortsetzen. Die anstehende Zinswende ist zu großen Teilen bereits in der Zinskurve eingepreist, weshalb ich nicht von großen Störfeuern von dieser Seite ausgehe. In China sehen wir die Situation allen Unkenrufen zum Trotz ebenfalls stabil. Anleger in Europa machen sich Sorgen, weil China über die Jahre hinweg ein Fels in der weltwirtschaftlichen Brandung war und dieser Nimbus durch die jüngsten Finanzmarktturbulenzen in Frage gestellt wird. Unsere Frühindikatoren zeigen für das Land im zweiten Halbjahr eine positive Tendenz. Mit Blick auf die nächsten Jahre nimmt allerdings die Gefahr zu, dass die Finanzmärkte den Zentralplanern in Peking über den Kopf wachsen.

Smart Investor: Die konjunkturelle Einschätzung ist ja ein wesentliches Element bei der Asset Allocation in den Bantleon-Fonds. Wir haben den Bantleon Opportunities L im Fonds-Musterdepot. Die Wertentwicklung in den vergangenen Monaten war eher schwach. Woran lag es?

Preißler: Die Performance muss man vor dem Hintergrund der allgemeinen Marktentwicklung sehen. In den ersten Monaten des Jahres waren wir auf der Anleihen- und Aktienseite voll investiert und konnten daher von den steigenden Märkten in hohem Maße profitieren. In der zweiten Aprilhälfte startete dann ein regelrechter Rentencrash: Die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen stiegen innerhalb von nur sieben Wochen um einen vollen Prozentpunkt an. Wir haben den Fonds bereits Anfang Mai gegenüber steigenden Zinsen abgesichert. Völlig entziehen konnten wir uns der Negativentwicklung aber nicht. Zudem gaben die europäischen Aktienkurse deutlich nach. Anfang Juni wurde die Aktienquote im Fonds auf null gefahren. Den Höhepunkt der Griechenlandkrise konnten wir so von der Seitenlinie beobachten. Wir haben einen Teil der zuvor aufgelaufenen Gewinne abgegeben, die Gesamtperformance des Fonds ist mit rund 2,5% aber nach wie vor in Sichtweite des Ertragsziels. Wenn in der zweiten Jahreshälfte die Aktienkurse in Europa anziehen, bin ich optimistisch, dass sich die Performance weiter verbessert.

Smart Investor: Herr Dr. Preißler, vielen Dank für die Ausführungen.
Interview: Christian Bayer

 

Über Dr. Harald Preißler:

dr.haraldNach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg arbeitete Harald Preißler zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Würzburg und Ulm. Noch während seiner Promotion zum Dr. rer. pol. begann er 1999 als Senior Analyst bei der Bantleon Bank AG in Zug. Im Jahr 2001 wurde er zum Leiter der Kapitalmarktanalyse, 2005 zum Chefvolkswirt der Bantleon Bank ernannt.