Smart Investor 10/2015 – Interview mit Axel Retz

Smart Investor im Gespräch mit dem Autor Axel Retz über seinen ungewöhnlichen Brief an Politiker und Journalisten zum Thema Flüchtlings- und Außenpolitik

Smart Investor: Herr Retz, Sie sind früherer Chefredakteur, Autor, Kolumnist und Herausgeber von Börsenbriefen und eines Newsletters – immer im Bereich Börse bzw. Investments. Vor wenigen Tagen aber haben Sie an einige Politiker und Journalisten eine Art „Brandbrief“ bezüglich geopolitischer Themen geschrieben. Wollen Sie das Metier wechseln oder was hat Sie dazu bewogen – und warum gerade jetzt?
Retz: Was mich nun zu meinem offenen Brief bewogen hat, ist, dass ich Europa in der Flüchtlings-, aber auch in der Außenpolitik auf einem sehr beunruhigenden Weg sehe, den ich mal als fremdbestimmt bezeichnen möchte.

Smart Investor: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer gab in einem Fernsehinterview kürzlich kreidebleich zu, dass der deutschen Regierung die Kontrolle in Bezug auf die Flüchtlingssituation entglitten ist und dass die öffentliche Ordnung kurz vor dem Zusammenbruch steht. Hat er übertrieben?
Retz: Wenn Menschen entgegen den Abkommen von Schengen und Dublin durch einige europäische Staaten reisen, jede Registrierung oder Kontrolle verweigern, ihre Papiere fortschmeißen oder sich auf dem Schwarzmarkt einen syrischen Pass besorgen, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass den Behörden das Heft des Handelns entglitten ist, was nicht nur für Deutschland gilt. Und wenn sich die Bundesregierung aus einer sogenannten einmaligen Notsituation über EU-Recht hinwegsetzt, um dann wenige Tage später nach der dadurch ausgelösten nächsten Notsituation eine Kehrtwende zu vollziehen und wieder Grenzkontrollen einzuführen, dann verdient das sicherlich das Prädikat plan- oder auch kopflos.

Smart Investor: Ausgerechnet jetzt gibt das UN-Flüchtlingshilfswerk bekannt, dass ihm die finanziellen Mittel ausgehen und Lager im Nahen Osten aufgelöst werden sollen. Eigentlich müsste Frau Merkel dem UNHCR doch umgehend einen riesigen Scheck ausstellen. Oder?
Retz: Diese Aufgabe kommt meines Erachtens allen Ländern zu, die für die Destabilisierung im Nahen Osten verantwortlich sind. Wenn der Ex-DIA*-Chef General Michael T. Flynn ausführt, dass das Erstarken des IS eine „willful Washington decision“ war und dass die USA zusammen mit der Türkei und einigen Golfstaaten islamistische Extremisten in Syrien mit Waffen versorgt haben, sollte der UNHCR genau diese Staaten in die Verantwortung nehmen. Und all diejenigen, die mit Waffenexporten zur Destabilisierung beitragen. Also auch Deutschland.

Smart Investor: Sie belegen in Ihrem Brief, dass die derzeitige Situation für Politiker und deren Geheimdienste nicht so überraschend gewesen sein kann. Warum?
Retz: Man muss weder Politiker geschweige denn für den Geheimdienst tätig sein, um die aktuellen Geschehnisse einzuordnen. Man braucht nur halbwegs solide Englischkenntnisse. Die renommierten US-Think Tanks um George Friedman und Thomas P. M. Barnett haben schon vor Jahren die Blaupausen für die Ereignisse in der Ukraine und die Massenmigration verfasst. Nachzulesen in den übrigens in den USA zu Bestsellern gewordenen Büchern „The Next Decade“ (Friedman) und „Blueprint für Action“ (Barnett). Aber es gibt auch zahlreiche Interviews mit diesen beiden Vordenkern. George Friedman stellt dabei immer wieder klar, dass es seit über 100 Jahren die erklärte Absicht ist, eine zu enge Annäherung zwischen Deutschland und Russland zu verhindern, da eine solche Allianz die einzige wäre, die den USA gefährlich werden könnte. Er stellt auch fest, dass man die Krise behutsam eskalieren und Europa „einlullen“ müsse, um dem Verdacht eines planvollen Handelns der USA vorzubeugen. Wenn Herr Friedman gegenüber der russischen Zeitung Kommersant auch noch freimütig zugibt, dass die Ereignisse um den Maidan ein von den USA orchestrierter Staatsstreich waren, den er als „den offensichtlichsten Putsch der Geschichte“ beschreibt, drängt sich die Frage auf, warum die Ereignisse, was die Schuldzuweisung betrifft, von Politik und Medien nachgerade auf den Kopf gestellt werden. Herrn Barnett, der als Militärstratege unter Donald Rumsfeld im Pentagon tätig war, geht es mehr um die von den USA angestrebte Globalisierung. In „Blueprint for Action“ empfahl er, Europa mit jährlich 1,5 Mio. Migranten zu bedenken, um eine „hellbraune Mischrasse“ zu schaffen.

Smart Investor: Hätte denn die Presse als „vierte Gewalt“ bezüglich dieser Punkte nicht längst Alarm schlagen müssen?
Retz: Sicher. Die Mainstream-Medien unterliegen leider einer eigenartigen (Selbst)Zensur. Wenn sie von links einen Bus kommen sehen und man ihnen sagt, sie sollen veröffentlichen, dass er von rechts kommt, tun sie es.

Smart Investor: Glauben Sie den Umfragen, wonach ein Großteil der hiesigen Bevölkerung Merkels Willkommenskultur gutheißt?
Retz: Das kann ich nicht beurteilen, da mir dazu keine belastbaren Daten vorliegen. Sehe ich mir meine Leserzuschriften an, herrscht bei vielen Menschen aber auch schlichtweg offene Angst.

Smart Investor: Es gibt ja schon viele Warnungen hinsichtlich Terroranschlägen seitens IS-Terroristen in Deutschland bzw. in Europa. Wie würde die Bevölkerung darauf reagieren?
Retz: Es ist so gut wie sicher, dass die in den Medien meines Erachtens zu euphorisch dargestellte „Willkommenskultur“ dann sehr schnell kippen und in eine sehr negative Haltung gegenüber den Migranten umschlagen würde. Makabrerweise träfe das dann u.a. ausgerechnet diejenigen, die als „echte“ Flüchtlinge Schutz und Unterstützung verdient haben und sich hier in Sicherheit wähnen.

Smart Investor: Haben Sie bei alledem Hoffnung, dass die deutschen Politiker die derzeitige Situation irgendwie noch meistern können?
Retz: Sie könnten, wenn sie wollten. Und sie müssten, wenn sie ihrem Auftrag und ihrem Amtseid gerecht werden wollten. Ich sehe leider aber nicht, dass sie deutsche Interessen verfolgen.

Interview: Ralf Flierl

Kurzvita Axel Retz
Ab 1987 Veröffentlichung erster eigener Börsendienste. 1993 – 2007 Chefredakteur mehrerer Börsenmagazine bzw. Börsenbriefe. Seit 2007 selbstständiger Börsenjournalist und Herausgeber der Seiten www.private-profits.de und www.moneyversum.de

*) Militärischer Geheimdienst der USA