Kolumne

Gastbeitrag von Dr. Harald Preißler, Bantleon Bank AG

So hatten wir uns das Jahr 2015 nicht vorgestellt. Und auch die meisten anderen Finanzmarktexperten dürften negativ überrascht worden sein. Basierend auf den klaren Aufschwungssignalen unserer konjunkturellen Frühindikatoren, flankiert durch den QE-Effekt der EZB, hatten wir mit einer markanten wirtschaftlichen Belebung in der Eurozone, neuen Höchstständen an den Aktienmärkten und steigenden Anleiherenditen gerechnet. Doch dann kam alles anders. Zwar erfüllte sich unsere Prognose einer deutlichen Beschleunigung des EUR-Wachstumstempos weitgehend, während die Aktienmärkte neue Höchststände erreichten. Aber plötzlich kam den Investoren durch eine kurze Abfolge heftiger Schocks der Risikoappetit abhanden – zuerst mit der Grexit-Debatte, danach mit den Turbulenzen aus China. In Europa verlor der Euro STOXX 50 bis Ende September rund 20% gegenüber den Höchstständen von Mitte April, beim DAX waren es sogar 25%.

Temporäre Belebung
Trotz dieser massiven Marktverwerfungen und der negativen Nachrichten aus China sind wir für die nächsten Monate optimistisch. Zumindest bis zum Frühjahr 2016 sollten Risikoassets das Mittel der Wahl sein. Unsere Zuversicht stützt sich – wie so oft – auf die Konjunktur. Ungeachtet der übergeordneten Abschwächung in China erwarten wir für die kommenden Monate eine temporäre Belebung. Schon jetzt deutet das wieder anziehende Geldmengenwachstum auf zunehmenden Rückenwind von dieser Seite hin. In den USA sollte sich auch nach dem ersten Zinsschritt im Dezember das stabile Wachstum fortsetzen. Das gilt ebenso für die Eurozone, wo sich vor allem die südeuropäischen Länder und Frankreich berappeln. Auch Deutschland sollte weiter solide wachsen. Entsprechend zeigen unsere weit in die Zukunft blickenden Frühindikatoren für die Eurozone eine anziehende wirtschaftliche Dynamik bis weit ins Jahr 2016 hinein an. Ein gutes Umfeld für Unternehmensanleihen, Hochzinsanleihen, Aktien und Industrierohstoffe.

Eintrübung der Konjunktur
Aber aufgepasst: Das Börsenbeben der vergangenen Monate ist nur ein Vorgeschmack auf das, was die Finanzmärkte 2016 erwartet. Ab dem 2. Quartal beginnt die geldpolitische Beruhigungspille an Wirkung zu verlieren. Der Konjunkturausblick wird sich ab der Jahresmitte sichtlich eintrüben. Dies gilt für die USA, die Eurozone und China gleichermaßen. In der Folge steht den Aktienmärkten ein unruhiges Jahr 2016 bevor. Es drohen neuerliche Rücksetzer in der Größenordnung von 25 bis 35%. Profitieren sollten davon die sicheren Häfen, namentlich deutsche Bundesanleihen. Deren Rendite dürfte wegen der großvolumigen EZB-Käufe und der Fluchtwelle aus Risikoassets deutlich nach unten gedrückt werden – bei 10-jährigen Laufzeiten könnte die Nulllinie fallen. Für defensiv ausgerichtete Anleger, deren Aktienpositionen ein hinreichend großes Anleihenportfolio gegenübersteht, könnte das Jahr 2016 somit glimpflich verlaufen. Im Risikoszenario drohen allerdings auch defensiven Portfolios schmerzliche Verluste. Dann nämlich, wenn China weiterhin gezwungen ist, im großen Stil Devisenreserven zur Stützung der eigenen Währung auf den Markt zu werfen. Dann könnten die Renditen der sicheren Häfen sogar steigen. Der einzige sichere Ort an den Finanzmärkten wäre dann der Geldmarkt.

 

Über Dr. Harald Preißler:

dr.haraldNach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg arbeitete Harald Preißler zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Würzburg und Ulm. Noch während seiner Promotion zum Dr. rer. pol. begann er 1999 als Senior Analyst bei der Bantleon Bank AG in Zug. Im Jahr 2001 wurde er zum Leiter der Kapitalmarktanalyse, 2005 zum Chefvolkswirt der Bantleon Bank ernannt.