Kolumne

Gastbeitrag von Anna Ho, Fondsmanagerin des NESTOR China

Wankt der chinesische Drache?
Das neue Jahr begann mit einem Börsenbeben in China, die Auswirkungen waren weltweit zu spüren. Bereits im Sommer des vergangenen Jahres wurden im Land der Mitte Börsenwerte in Höhe von mehreren Bio. USD vernichtet. Einer der Auslöser der aktuellen Marktturbulenzen war der zu Beginn des Jahres eingeführte Stopp-Mechanismus an den chinesischen Börsen mit Handelsaussetzungen bei Unterschreiten bestimmter Verlustmarken. Diese Regelung erwies sich allerdings als kontraproduktiv, sodass sie wieder aufgehoben wurde. Ein weiterer Grund für die Verkaufswelle war, dass sich Aktienbesitzer von ihren Beständen trennen wollten, bevor ein Aktien-Verkaufsverbot für Großinvestoren ausgelaufen ist. Trotz der aktuellen Turbulenzen, die Anleger in Aufruhr versetzen, gibt es gute Argumente, die für das Potenzial chinesischer Aktien sprechen. So ist China beispielsweise mit seinen Aktien im Vergleich zur ökonomischen Relevanz des Landes in wichtigen internationalen Indizes noch deutlich unterrepräsentiert.


Reformen unumgänglich
Für die Regierung dürften die Reformen des Aktien- und Finanzmarktes nach den heftigen Turbulenzen seit dem Jahresanfang noch stärker in den Vordergrund rücken. Das ist eine notwendige Voraussetzung für das Zurückgewinnen des Vertrauens der Investoren. Die chinesische Führung ist erfahren, was Reformen betrifft. In den frühen 1980er-Jahren reformierte Präsident Deng Xiaoping den Arbeitsmarkt. Die Folge war ein Boom im produzierenden Gewerbe. 1997 folgte unter Zhu Rongji eine Liberalisierung des Immobilienmarktes, von dem u.a. Projektentwickler profitiert haben. 2004 stand die Liberalisierung des Rohstoffmarktes unter Wen Jiabao auf der Agenda. Die aktuelle Reform der Kapitalmärkte ist die risikoreichste und tiefgreifendste Reform mit positiven Auswirkungen nicht nur auf die Banken und Finanzdienstleister, sondern auf die gesamte Volkswirtschaft. Erste Schritte zeigen Wirkung. So wird der Yuan mit Wirkung vom Oktober 2016 neben Pfund, US-Dollar, Yen und Euro eine der fünf Weltreservewährungen. Langfristig wird dadurch die internationale Bedeutung der chinesischen Währung gestärkt. Eine von manchen Experten befürchtete „harte Landung“ der chinesischen Volkswirtschaft lässt sich aus den jüngst bekannt gegebenen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt nicht ableiten. Die Wachstumsrate von 6,9% ist zwar die niedrigste seit 25 Jahren, von einem drastischen Einbruch kann allerdings nicht die Rede sein. Die Aktienmärkte setzten nach der Bekanntgabe zu einer Erleichterungs-Rally an.


Langfrist-Trends

Anleger können mit einer Buy-and-Hold-Strategie am chinesischen Aktienmarkt kaum punkten. Erfolgversprechend sind vielmehr eine langfristig ausgelegte Anlagestrategie und ein aktives Management mit einem fokussierten Stockpicking. In dem Zusammenhang ist es wichtig, langfristige Trends zu identifizieren, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und der Unternehmen beeinflussen. Dazu zählt beispielsweise die Umwelt-Thematik u.a. mit der Entwicklung des Marktes für Elektroautos in China. Ein weiterer wesentlicher Trend ist die fortlaufende Verbesserung von Bildungs- und Ausbildungsstandards. Vor diesem Hintergrund verliert der chinesische Drache an Schrecken und bietet Anlegern weiter attraktive Investment-Chancen im Land der Mitte.

 

Über Anna Ho:

Anna HoAnna Ho ist seit 2001 Fondsmanagerin des NESTOR Fernost. Den NESTOR China verantwortet sie seit seiner Auflage im August 2011. Die gebürtige Hongkong-Chinesin verfügt über 23 Jahre Erfahrung an den asiatischen Börsen. Nach ihrem Studium an der University of York in England startete Ho 1992 ihre Karriere im Centre of Asian Studies an der University of Hongkong, wo sie als Co-Autorin von Professor Edward K.Y. Chen Studien über asiatische Wachstumsmärkte veröffentlichte. 1993 wurde  Ho Analystin für chinesische Aktien der Sektoren Chemie und Transport bei der Swiss Bank. Es folgte eine weitere Station bei der skandinavischen Fondsgesellschaft Carlson, bevor sie sich 2010 selbstständig machte.