Interview

Smart Investor im Gespräch mit Norbert Keimling von der StarCapital AG über Value-Zyklen und die Kombination von Value und Momentum.

Smart Investor: Herr Keimling, sehr vereinfacht ausgedrückt suchen Value-Investoren unterbewertete Titel. Sie verbinden seit 2013 diese Investmentphilosophie mit einem Momentum-Ansatz. Wie gehen Sie genau vor?
Keimling: Aktienkurse unterliegen einem ständigen Zyklus von Über- und Untertreibungen und beide Phasen können sehr lange anhalten. In der Praxis ist kaum absehbar, wann eine unterbewertete Aktie zu steigen beginnt oder ob sie über Jahre attraktiv bewertet bleibt. Investiert man erst dann in Value-Aktien, wenn diese an Momentum gewinnen, sie also eine Bodenbildung abgeschlossen haben, andere Marktteilnehmer ebenso auf die Investitionschance aufmerksam werden und ein Aufwärtstrend einsetzt, verbessert man das Timing seiner Value-Investments und vermeidet Nachteile, die klassische Value-Portfolios mit sich bringen.

Smart Investor: Welche Nachteile meinen sie konkret?
Keimling: Value-Aktien sind nicht dauerhaft günstig, sondern häufig aufgrund eines enttäuschenden Ereignisses. Dies schlägt sich in der Regel in einem schwachen historischen Preis- und Gewinnmomentum nieder, d.h. die Eigenschaften Value und Momentum sind negativ korreliert. Aus der Forschung zu den Faktorprämien wissen wir gleichzeitig, dass es langfristig nicht lukrativ ist, Schwerpunkte in momentumschwachen Unternehmen zu setzen, vielmehr sollte man nach positivem Momentum suchen. Indem wir gezielt nach unterbewerteten Value-Aktien mit überdurchschnittlichem kurzfristigen und unterdurchschnittlichem langfristigen Momentum suchen, können wir unsere Investitionsentscheidungen verbessern.

Smart Investor: Welchen Nutzen können Anleger daraus ziehen?
Keimling: Wir arbeiten gerade an einer internationalen Studie, die über die letzten drei Jahrzehnte zu dem Ergebnis kommt, dass Aktien, welche Value- und Momentum-Kritieren vereinen, sortenreinen Value- und Momentum-Aktien überlegen sind, sowohl im Hinblick auf Outperformancehöhe wie auch Wahrscheinlichkeit. Und es gibt möglicherweise noch einen weiteren Vorteil: Wie jede Faktorstrategie unterliegt auch das Value-Investing starken Zyklen. Fokussiert man sich auf momentumstarke Value-Aktien bekommt man eine leichte Stildiversifikation ins Portfolio, ohne dass man bei der Unterbewertung Abstriche hinnehmen muss. Dies könnte die Zyklen abschwächen – was allerdings noch zu klären sein wird.

Smart Investor: Lassen sich diese Zyklen timen und wäre es dann nicht besser dem Value-Ansatz temporär untreu zu werden?
Keimling: Ein Stiltiming klingt natürlich verlockend, doch es birgt Risiken, wenn das Timing nicht aufgeht oder man auf wenig erfolgversprechende Ansätze setzt. Die Value-Prämien sind seit über fünf Jahren negativ, eine ungewöhnlich lange Durststrecke – worunter wir im Priamos-Fonds auch stark leiden. Seit 1931 gab es nur sechs vergleichbar schwache Value-Perioden, auf jede folgten value-starke Jahre. Eine Trendwende ist also überfällig, das macht das Value-Investing als antizyklisches Investment aktuell besonders attraktiv.

Smart Investor: Was halten Sie von weiteren Strategiekonzepten?
Keimling: Der Finanzmarkt wird permanent von unzähligen neuen Anlagekonzepten überschwemmt, jede Fünfjahresperiode stehen neue Strategien im Rampenlicht, häufig mit plausiblen Erklärungsansätzen. Doch wie viele hiervon überzeugen in der folgenden Fünfjahresperiode und wie viele überleben mehrere Börsenzyklen? In der Praxis lassen sich diese an einer Hand abzählen, nicht selten finden sich die Top-platzierten in der folgenden Periode am anderen Ende des Rankings wieder. Ein Blick in die USA mit vielen Jahrzehnten Börsenkultur zeigt jedoch einen interessanten Umstand: es gibt nur wenige Anlagestrategien, die über mehrere Jahrzehnte einen echten Mehrwert bringen und eine häufige Gemeinsamkeit der erfolgreichen Konzepte ist das Value-Investing. Empirische Studien kommen zum gleichen Ergebnis. Wer sich im Value-Investing engagiert, ist deshalb langfristig sehr gut aufgehoben.

 

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Smart Investor: Viele Value-Investoren schauen nur auf die Bewertung einzelner Unternehmen. StarCapital achtet dagegen auch darauf, ob der Aktienmarkt eines Landes attraktiv gepreist ist. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Auswahl der Einzeltitel ziehen?
Keimling: Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen der Bewertung eines Marktes und seinem langfristigen Renditepotential. Darüber hinaus werden die Portfoliocharakterisika häufig von der Länder- und Branchen-Allokation bestimmt. Wir setzen deshalb bewusst Schwerpunkte in Ländern, die attraktiv bewertet werden und meiden überteuerte Länder wie die USA. Momentum-Kriterien nutzen wir analog zur Aktienselektion um unser Timing zu verbessern.

Smart Investor: Herr Keimling, vielen Dank für die Ausführungen.
Interview: Christian Bayer
Über Norbert Keimling:

Norbert Keimling

Norbert Keimling, Jahrgang 1979, leitet die Kapitalmarktforschung der StarCapital AG. Nach einem Studium der Wirtschaftsinformatik startete er seine berufliche Laufbahn im quantitativen Research der AMB Generali in Köln. Seit 2004 ist er für die StarCapital tätig und verantwortet unter anderem den internationalen Aktienfonds StarCapital Priamos.