Interview

Smart Investor im Gespräch mit Norbert Keimling von der StarCapital AG, über die Aussagekraft der Dividendenrendite und zu teure Aktienrückkäufe

Smart Investor: Dividenden werden mittlerweile als der neue Zins gepriesen. Wird Anlegern mit solchen Aussagen ein falsches Bild vermittelt?

Keimling: Ich bezweifle, dass Anleger einen Nutzen aus dieser These ziehen konnten, die seit Anfang 2015 – wohlgemerkt nach fünf Jahren Börsenhausse – marketingwirksam die Runde macht. Anleihen und Zinsen lassen sich nicht durch Aktien und Dividenden substituieren. Beide Anlageformen haben völlig unterschiedliche Charakteristika. Ohne Zweifel bergen Aktien als Unternehmensbeteiligungen langfristig das größte Renditepotenzial. Dies geht jedoch mindestens kurz- bis mittelfristig mit einer höheren Unsicherheit z.B. in Form von Kursschwankungen einher. Anleihen verfügen dagegen in der Regel über eine feste Verzinsung, einen festen Rückzahlungskurs und eine begrenzte Laufzeit. Das macht zukünftige Zählungsströme planbarer. Und Zinsen werden nur im Falle einer Insolvenz des Schuldners nicht mehr bedient, also wenn alle anderen Möglichkeiten, die zunächst meist Aktionäre betreffen, ausgeschöpft sind. Aktuell sind Staatsanleihen mit negativen Zinsen sicher wenig sinnvoll, dafür verzinsen sich beispielsweise Dollaranleihen aus dem Energie- und Rohstoffsektor mit über 10%. Es gibt also keinen Grund, sich einseitig zu positionieren.

Smart Investor: Unstrittig spielen Dividenden bei Investoren im Niedrigzinsumfeld unter dem Aspekt regelmäßiger Erträge eine wichtige Rolle…

Keimling: Ob diese Hoffnung aufgeht? Die Wertentwicklung einer Aktie setzt sich immer aus Kursentwicklung und Dividenden zusammen. Im Gegensatz zu Zinszahlungen kürzen Unternehmen häufiger Dividenden, wie zuletzt bei vielen Energie-, Rohstoff- und Versorgungswerten zu beobachten war. Regelmäßige oder vielleicht sogar sichere Erträge aus einer volatilen Anlage generieren zu wollen, erscheint mir gewagt. Es ist zwar begrüßenswert, wenn das Aktieninteresse bei den chronisch unterinvestierten Deutschen steigt, es wäre jedoch unglücklich, wenn es auf Basis falscher Erwartungen erfolgt.

Smart Investor: Erfolgte der letzte Run auf Dividendenakten damit zu Unrecht?

Keimling: Nicht unbedingt. Eine Investition in dividendenstarke Aktien macht für Anleger, die mit normalen Marktschwankungen zurechtkommen und mehr als fünf Jahre investieren wollen, absolut Sinn. Viele Studien belegen, dass niedrig bewertete Unternehmen langfristig überdurchschnittliche Wertzuwächse generieren. Dividendenrenditen messen genau wie Kurs-Cashflow- oder Kurs-Buchwert-Verhältnisse die Bewertung eines Unternehmens in Form einer einzelnen Kennzahl. Jede Kennzahl hat eigene Vor- und Nachteile. Man sollte sich deshalb wenig Hoffnungen machen, dass sich die Dividendenrendite als Auswahlkriterium besser als andere Indikatoren eignet – zumal die Nachfrage nach Dividendenaktien zuletzt recht hoch war, was die mittelfristigen Aussichten in der Regel schmälert.

Smart Investor: Prinzipiell können Unternehmen freie Mittel neben Dividendenzahlungen auch für Aktienrückkäufe nutzen. Sie haben für den US-Markt festgestellt, dass u.a. aufgrund dieser sogenannten Buybacks in den vergangenen 30 Jahren die Dividendenrendite deutlich unter dem Durchschnitt der vorangehenden Jahrzehnte lag. Können Sie diese Entwicklung kurz erläutern?

Keimling: Das Ausschüttungsverhalten der Unternehmen unterliegt einem Wandel: Während z.B. US-Unternehmen von 1881-1980 in der Regel zwischen 3 und 7% Dividendenrendite zahlten, verharrte die Dividendenrendite in den letzten drei Jahrzehnten auf ungewöhnlich niedrigen Niveaus von 1 bis 3%. Dafür legten Aktienrückkäufe und damit auch das Gewinnwachstum zu. Für Aktionäre ist es letztendlich egal, ob sie Wertzuwächse wie früher primär aus Dividenden oder (wie aktuell) primär durch Aktienkurssteigerungen erhalten. Für die Aussagekraft der Dividendenrendite als Kennzahl hat es jedoch Folgen: diese nimmt ab.

Smart Investor: Sollte man deshalb zusätzlich Buybacks bei Dividendenstrategien berücksichtigen?

Keimling: Aktienrückkäufe erreichten im S&P 500 zuletzt 2007 und 2015 Höhepunkte, in beiden Fällen folgten Kursverluste. Dagegen wurden Aktienrückkäufe Mitte 2009, dem Tiefpunkt an den Aktienmärkten, nahezu eingestellt. Unternehmen sind grottenschlechte Market-Timer. Sie kaufen eigene Aktien häufig zu teuer und verpassen Kaufniveaus. Wenn Unternehmen eigene Aktien zu teuer kaufen, vernichten sie Kapital. Insofern ist es in der Regel wenig sinnvoll, in Aktien zu investieren, die überdurchschnittlich stark eigene Aktien zurückkaufen.

Smart Investor: StarCapital untersucht auch die Dividendenrenditen einzelner Länder. Weshalb ist es sinnvoll, nicht nur auf Einzeltitel, sondern auch auf die Länder zu schauen?

Keimling: Da die Aktienkurse innerhalb eines Landes miteinander korreliert sind, versuchen wir das Renditepotenzial ganzer Länder zu bewerten. In einer gerade veröffentlichten Studie* zeigen wir, dass Investoren u.a. die Dividendenrendite nutzen können, um renditeträchtige Länder aufzuspüren: Anleger, welche z.B. seit 1979 immer für über zehn Jahre in die Börsen mit Dividendenrenditen von über 5% investiert hätten, konnten sich über jährliche inflationsbereinigte Wertzuwächse von durchschnittlich 10,8% freuen. Länderindizes mit Dividendenrenditen von unter 1% verbuchten langfristig dagegen Verluste von -1,6% p.a. Andere Kennzahlen wie das Shiller-CAPE** oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis zeigten sogar noch stärkere Zusammenhänge.

 

Norbert

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Smart Investor: Herr Keimling, vielen Dank für Ihre Ausführungen.
Interview: Christian Bayer

* Details siehe Studie „Langfristige Aktienmarktprognose: Das Shiller-CAPE auf dem Prüfstand“ unter www.starcapital.de/research/aktienmarktpotential.

** CAPE steht für Cyclically Adjusted Price-Earnings Ratio. Dieses zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis wurde von Robert Shiller entwickelt.

 

Über Norbert Keimling:

Norbert Keimling

Norbert Keimling, Jahrgang 1979, leitet die Kapitalmarktforschung der StarCapital AG. Nach einem Studium der Wirtschaftsinformatik startete er seine berufliche Laufbahn im quantitativen Research der AMB Generali in Köln. Seit 2004 ist er für die StarCapital tätig und verantwortet unter anderem den internationalen Aktienfonds StarCapital Priamos.