Kolumne

Dr. Harald Preißler, Bantleon Bank AG
Dr. Harald Preißler, Bantleon Bank AG

Aufschwung in der Eurozone
Unsere weit in die Zukunft blickenden konjunkturellen Frühindikatoren zeigen schon länger einen Aufschwung in der Eurozone an, der inzwischen auch von den öffentlich verfügbaren Indikatoren wie ZEW, Ifo & Co. bestätigt wird. Auch die US-Wirtschaft ist nach einem Durchhänger wieder auf gutem Kurs. Zudem kamen jüngst positive Daten aus China und Indien. Diese Dynamik sollte in den Sommermonaten die meisten Aktienindizes in die Nähe neuer Allzeithöchststände treiben. Im Laufe des zweiten Halbjahres steht indes die nächste konjunkturelle Schwächephase bevor, sodass mit erneuten Rücksetzern an den Aktienmärkten in einer Größenordnung von 20 bis 30% zu rechnen ist – je nachdem, wie schnell die EZB einschreitet und die Märkte mit noch mehr Liquidität vor einem nachhaltigen Kollaps abschirmt.

10-jährige Bundesanleihen unter der Nulllinie?
Bei den Anleihen ist die Situation weitaus schwieriger. Wegen der ultra-expansiven Politik der EZB sind die Renditen für deutsche Bundesanleihen weit von fairen Bewertungsniveaus entfernt. 10-jährige Bundesanleihen dürften auch am Jahresende um 0% rentieren – zwischenzeitlich ist sogar ein Abtauchen unter die Nulllinie wahrscheinlich. Steigen sollten hingegen die Renditen von US-Treasuries: Bis zum Sommer gehen wir wegen der zyklischen Belebung der US-Wirtschaft und moderat anziehender Inflation von einem Anstieg Richtung 2,50% aus. Unternehmensanleihen, die bis März 2016 die Rolle des hässlichen Entleins am Euro-Anleihenmarkt innehatten, profitierten derweil von der Ankündigung der EZB, künftig auch Euro-Corporates guter Qualität kaufen zu wollen. Die positiven Konjunktursignale sollten den Sektor zusätzlich stützen. Im zweiten Halbjahr jedoch steht die nächste Spread-Ausweitungswelle bevor, die bis an die Höchststände vom Anfang dieses Jahres heranreichen dürfte.

Öl mit volatilem Aufwärtstrend
Ebenfalls unter Druck standen zuletzt die Rohstoffmärkte, die 2015 ihr fünftes negatives Jahr in Folge beendet haben, was hauptsächlich dem freien Fall der Rohölpreise geschuldet ist. Inzwischen deutet sich allerdings ein Ende der Angebotsschwemme an, vor allem in den USA lichtet sich das Feld der Förderunternehmen. Die Ölnotierungen dürften ihren Tiefpunkt hinter sich haben und fortan in einen volatilen Aufwärtstrend übergehen. Ähnlich konstruktiv sind die Aussichten bei den Industriemetallen. Auch der Goldpreis sollte als Absicherung im Krisenfall eine Renaissance erleben. Kurzum: 2016 dürfte kein Einbahnstraßenjahr an den Finanzmärkten werden. Ungemach droht vor allem im zweiten Halbjahr, wenn die Konjunkturperspektiven den nächsten Dämpfer erhalten.

Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg arbeitete Harald Preißler zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Würzburg und Ulm. Noch während seiner Promotion zum Dr. rer. pol. begann er 1999 als Senior Analyst bei der Bantleon Bank AG in Zug. Im Jahr 2001 wurde er zum Leiter der  Kapitalmarktanalyse, 2005 zum Chefvolkswirt der Bantleon Bank AG ernannt.