Löcher in der Matrix – Fakten, Fakten, Fakten

“Das postfaktische Duell“ (20.10.16, zeit.de)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochIn der Berichterstattung über den US-Wahlkampf werden gerne Aussagen Donald Trumps seziert, für unwahr befunden und der Anbruch des Zeitalters des sogenannten postfaktischen Wahlkampfs ausgerufen. Das mit den Falschaussagen geht in Ordnung. Aber zu welcher Zeit, bitte, sollen denn Wahlkämpfe faktentreu gewesen sein?

Ober anders ausgedrückt: Seit wann gewinnt man denn mit Wahrhaftigkeit Wahlen? Schon Otto von Bismarck stellte seinerzeit fest: Nie werde so oft gelogen wie vor einer Wahl und nach der Jagd. Wer heute so tut und schreibt, Trump sei gewissermaßen der Erfinder des Postfaktischen in der Demokratie, insinuiert damit, bislang seien die Methoden wahrheitsliebender gewesen. Schon mal was von Boris Johnson und der Brexit-Kampagne gehört? Um nur mal das jüngste Beispiel zu nennen. Und gibt es jemanden, der die Wahlkämpfe Silvio Berlusconis anders als postfaktisch nennen würde? Wer glaubt, Wahlkämpfe seien bislang ein Hort des Wahren, Guten und Erhabenen lässt sich wahrscheinlich auch in Hessen ein Haus mit Meerblick verkaufen.

Schon wird generell von der postfaktischen Politik-Ära gesprochen, etwa wenn es darum geht, den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa zu erklären. Die würden zu ihren Ansichten nur deshalb kommen, weil sie sich nicht an Fakten orientierten, sondern an Halb- und Viertelwahrheiten, glaubten, das Pippi-Langstrumpf-Prinzip abwandelten und sich die Welt so erklärten, wie es ihnen halt gefällt. So zu argumentieren ist einigermaßen bequem, weil es umgekehrt die eigene Meinung als richtig, weil auf Fakten basierend, legitimiert. Aber ist das, was als Fakt postuliert wird, auch tatsächlich wahr?

Ein schönes Beispiel, dass man so nicht weiterkommt im gesellschaftlichen Diskurs, ist die Ermittlung der Arbeitslosenzahl. Wer dort warum eingerechnet wird oder nicht, welchen Änderungen die Berechnung unterliegt und worauf sich die Prozentzahl letztlich bezieht, zählt zu den großen Mysterien des aktuellen Jahrtausends. Oder um mit Winston Churchill zu sprechen: Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast. Merke: Eine Behauptung als postfaktisch zu bezeichnen kann zutreffend sein – sagt allerdings per se nichts über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt des angeblichen Faktums aus.

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