Smart Investor 3/2017 – „Viele Fragezeichen hinter Trumps Politik“

Koch_Christian
Dr. Christian Koch

Smart Investor: Herr Dr. Koch, seit dem vergangenen Sommer haben sich die Kurse vieler Biotechs zumindest teilweise erholt. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Koch: 2016 war zweifellos eines der bislang schwierigsten Jahre für die Biotechbranche. Lange Zeit stand die Kursentwicklung unter dem Einfluss der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen. Hinzu kamen weitere Risikofaktoren. So belasteten die Diskussionen um die Medikamentenbepreisung und deren Missbrauch, angeheizt von medial viel beachteten Negativbeispielen, das Sentiment. Schließlich fragten sich viele Anleger, ob und gegebenenfalls wie radikal ein US-Präsident Trump die Gesundheitsreform von Obama zurückdrehen wird.

Smart Investor: Sie sprechen Trump an. Die politische Unsicherheit, die bereits damals ein Thema war, dürfte mit ihm kaum abnehmen.

Koch: Es stehen derzeit immer noch viele Fragezeichen hinter Trumps Politik. Man sieht ja, wie schnell er seine Meinung ändert und wie impulsiv er mitunter agiert. Dementsprechend ist es schwer vorherzusagen, ob sich der Dogmatiker oder doch der Pragmatiker durchsetzt. Sollten sich der republikanische Senat und das Repräsentantenhaus durchsetzen und sollte es darüber hinaus zu einer umfassenden Unternehmenssteuerreform kommen, so könnte dies durchaus positiv für die Branche sein. Immerhin gelten die Republikaner als Anhänger von Deregulierung und Liberalisierung. Trump will hingegen vor allem die Kosten im Gesundheitswesen senken. Zuletzt sprach er aber immer öfter auch von Innovationen und einer Beschleunigung der Zulassungsverfahren. Spätestens im Herbst sollte klar sein, welche Veränderungen Trump am amerikanischen Gesundheitssystem im Einzelnen vornehmen will.

Smart Investor: Was wäre der Worst Case?

Koch: Wenn Trump Medikamentenpreise aktiv senken will, so kann das sicherlich negative Folgen haben. Allerdings muss man genau unterscheiden, ob damit am Ende die Brutto- oder die Nettopreise gemeint sind. Von den brutto 450 Mrd. USD, die jedes Jahr in den USA an indirekten und direkten Kosten durch Medikamente ausgegeben werden, kommen 300 Mrd. USD als Umsätze bei den globalen Arzneimittelherstellern an. Die Differenz geht an Zwischenhändler, Rabatthändler, Versicherer, Ärzte, Krankenhäuser und Distributoren. Hier ließen sich durchaus Einsparungen vornehmen, die nicht unbedingt negativ für die Biotechbranche sein müssten. Diese hat längst verstanden, dass ihr mehr Transparenz vermutlich sogar nutzen könnte, würde dadurch doch der Spielraum für Kostensenkungen bei den Bruttopreisen sichtbar. Würde Trump den staatlichen Organen und Programmen wie Medicare per Dekret noch größere Verhandlungsmacht als die bisher geltenden automatisierten Rabatte gegenüber der Industrie einräumen, so wäre dies natürlich negativ.

Smart Investor: 2016 gelang es der BB Biotech-Aktie, ihren Abschlag zum inneren Wert (NAV) deutlich aufzuholen.

Koch: Unser Bestreben war es schon immer, den Abschlag zwischen NAV und Börsenkurs möglichst gering zu halten. Dabei können auch Aktienrückkäufe und Dividenden helfen. Direkt beeinflussen lässt sich die Höhe des Discounts aber nicht. Geholfen hat uns sicherlich auch die Aufnahme in den STOXX Europe 600, wodurch sich die Liquidität in der Aktie noch einmal verbesserte und neue Investoren auf uns aufmerksam wurden. Langfristig sollte sich die Entwicklung des Aktienkurses natürlich am NAV orientieren.

Smart Investor: Vor allem Big Caps werden derzeit mit recht niedrigen KGVs gehandelt. Welche Sorge liegt dieser Bewertung zugrunde?

Koller: Über die politische Unsicherheit haben wir bereits gesprochen. Diese spiegelt sich zum Teil in den niedrigen Multiples wider. Hinzu kommen unternehmensspezifische Gründe, zum Beispiel bei Novo Nordisk oder Gilead. Generell brauchen wir für steigende Kurse vor allem klinische Studien, in denen der medizinische Nutzen der neuen Medikamente nachgewiesen wird. Positive Nachrichten von dieser Seite könnten am Ende der gesamten Biotechindustrie nutzen und das Vertrauen der Investoren in den Sektor stärken. Höhere Bewertungen wären die Folge.

Smart Investor: War die Übernahme von Actelion durch Johnson & Johnson der Startschuss zu einer neuen M&A-Runde?

Koch: Der Deal zeigt wieder einmal, dass Big Pharma auf externes Wachstum angewiesen ist. Man will marktfähige Produkte hinzukaufen und gleichzeitig seine Forschungsplattform verbreitern. Insofern dürften gerade mittelgroße Biotechs als Übernahmekandidaten interessant sein. Hört man sich unter den großen Pharmakonzern um, so wollen alle Akquisitionen tätigen. Das Geld dafür ist vorhanden. Trumps Tax-Repatriation-Pläne könnten derartige Vorhaben noch einmal beschleunigen, gäbe es für die Unternehmen dann einen steuerlichen Anreiz, ihr im Ausland geparktes Geld in die USA zurückzuholen und dort zu investieren.

Smart Investor: Welche Titel stehen aktuell bei Ihnen im Fokus? Wo rechnen Sie in den nächsten Monaten mit wegweisenden News?

Koch: Fundamental bleibt Tesaro eines der interessantesten Unternehmen. Der Zulassungsantrag für das wichtige Medikament gegen Eierstockkrebs wurde inzwischen eingereicht. Die Zulassung gilt angesichts der Daten aus den klinischen Studien als sehr wahrscheinlich. Nun gilt es, die Therapie auf andere Krebsarten auszuweiten. Darin steckt noch großes Potenzial. Auch deshalb halten wir an Tesaro weiterhin eine signifikante Position. Aussichtsreich bleiben darüber hinaus Ionis, deren Technologieplattform zwischen Gentherapie und klassischen Medikamenten auf Proteinebene einzuordnen ist. Hier erwarten wir im Laufe des Jahres Daten aus drei weiteren Phase-III-Studien. Zuletzt erzielte die Technologie von Ionis bei einer schweren genetischen Erkrankung wie der spinalen Muskelatrophie bei Kindern große Erfolge.

Smart Investor: Wird 2017 ein besseres Jahr für Biotech-Anleger?

Koch: Dafür spricht aus unserer Sicht vieles. M&A-Deals könnten neben den günstigen Bewertungen ein Kurstreiber sein. Auch eine höhere Visibilität bei Trumps Umbau von Obamacare im Herbst sollte helfen, die Unsicherheit weiter einzugrenzen. Der wichtigste Faktor bleiben aber die klinischen Daten und Studienergebnisse, auf die der Markt wartet. In dieser Hinsicht dürften vor uns spannende, ereignisreiche Monate liegen.

Smart Investor: Herr Dr. Koch, wir bedanken uns vielmals für Ihre klaren Worte!

Interview: Marcus Wessel

 

Über BB Biotech

Die Experten der Schweizer Beteiligungsholding BB Biotech investieren seit inzwischen über 20 Jahren weltweit in wachstumsstarke Biotechfirmen. Der Schwerpunkt liegt auf großen und mittelgroßen börsennotierten Unternehmen aus dem „Biotech-Heimatland“ USA. Aber auch an europäischen sowie an nicht am Kapitalmarkt gelisteten Biotechfirmen beteiligt sich das Unternehmen. Neben erfahrenen Börsianern gehören promovierte Mediziner und Naturwissenschaftler zum Expertenkreis der Bellevue Asset Management, durch die BB Biotech verwaltet wird. Aktuell verteilen sich die Investments auf rund 30 Unternehmen.

Die fünf größten Positionen (Celgene, Incyte, Ionis, Actelion und Gilead) repräsentieren knapp die Hälfte des gesamten Net Asset Value. Mit Blick auf die Wirkstoffe der Beteiligungen dominieren onkologische Indikationen gefolgt von seltenen Krankheiten, Stoffwechselerkrankungen und kardiovaskulären Krankheiten. Die BB Biotech-Aktie konnte sich im Jahr 2016 erfreulicherweise von der negativen Sektorentwicklung lösen. Während der Nasdaq Biotech Index (NBI) um mehr als ein Fünftel an Wert einbüßte, gab das Portfolio von BB Biotech lediglich um 17,6% nach. Die Aktie konnte im gleichen Zeitraum sogar mit einem leichten Plus (+1,9% in EUR) abschließen.