Graphik der Woche – Keile für den S&P 500?

SP500 Keile

Die Analyse von Chartformationen gehört zum Standardrepertoire Technischer Analysten. Allerdings folgt nicht jedem identifizierten Muster der erwartete Kursverlauf. Eine Ursache kann sein, dass das Muster tatsächlich gar nicht vorlag, weil lediglich der Wunsch der Vater der „Analyse“ war. Das dürfte sogar recht häufig passieren, da der Kursverlauf fast immer interpretationsfähig ist und erst in der Rückschau klar zu Tage liegt. Bei Formationen mit langer zeitlicher Ausdehnung gibt es zudem ein Zusatzthema, das oft unterschätzt wird: Weil sich solche Formationen wie in Zeitlupe aufbauen, konnten sich die Marktteilnehmer bereits entsprechend positionieren. Wird das Kursmuster schließlich vollendet, bleiben die erwarteten Anschlusskäufe bzw. -verkäufe aus. Schließlich gibt es stets auch noch die Möglichkeit eines Fehlsignals, das die Aussage einer Formation in ihr Gegenteil verkehrt – etwa weil andere Faktoren letztlich stärkeren Einfluss auf den Kurs hatten als die Chartechnik und bei den Charttechnikern entsprechender Anpassungsbedarf ausgelöst wird.

Im S&P 500 kann man aktuell mit einiger Berechtigung eine aufwärtsgerichtete und als negativ zu interpretierende Keilformation (vgl. Abb., blaue Linien, rechter Rand) identifizieren. Ein Schönheitsfehler ist allerdings deren zeitliche Ausdehnung, die eher an einen ausgewachsenen Trend denken lässt. Sieht man genauer hin, dann kann man erkennen, dass es bis etwa Mitte 2015 sogar eine noch typischere Keilformation mit mehr Auflagepunkten gab (gestrichelte Linie). Damals brach der Kurs tatsächlich nach unten aus – allerdings währte der Spuk nur wenige Monate, bevor der Index erneut Fahrt aufnahm.

Aus all dem folgt, dass solche Formationen selbstverständlich nicht die Zukunft prognostizieren können. Aber sie sind brauchbare Arbeitshypothesen, die dann immer dann zu verwerfen sind, wenn sie nicht mehr zur tatsächlichen Kursentwicklung passen. Ein schönes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Zeitraum von 1987 bis 1994 in der gleichen Kurszeitreihe. Wir sehen wiederum einen ähnlichen Keil wie aktuell (grüne Linien). Auch damals stand an dessen Beginn ein Crash (gelbe Markierungen). Allerdings verließen die Kurse den Keil seinerzeit nicht – wie es der Standarderwartung entsprochen hätte – nach unten, sondern nach oben. In der Folge konnte sich der S&P 500 innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppeln. Das vom Aufwärtskeil „prognostizierte“ Kursdesaster blieb vollständig aus.

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