Vom globalen Strukturwandel profitieren

Dr. Harald Preißler, Bantleon AG

Die langfristige fundamentale Kapitalmarktprognose von BANTLEON verweist seit Langem auf den strukturell bedingten Trend zu einem schwächeren globalen Wirtschaftswachstum. Die wesentlichen Treiber sind die ungünstige demografische Entwicklung, die rückläufige Globalisierungsdynamik und sinkende Produktivitätssteigerungen. In der Eurozone schrumpft die Erwerbsbevölkerung bereits seit mehreren Jahren. Pro Jahr gehen hierdurch rund 0,5% an Wirtschaftswachstum verloren. Ursachen sind zu tiefe Geburtenraten und damit einhergehend der wachsende Anteil von Rentenbeziehern. In den USA ist der demografische Trend wegen der starken Zuwanderung zwar weniger brisant, hat sich aber ebenfalls deutlich verschlechtert.

Fallender Produktivitätszuwachs

Auch bei der Produktivität ist die Ausgangslage in allen Industrieländern ernüchternd. Seit den 1970er-Jahren fällt der Produktivitätszuwachs übergeordnet und bewegt sich inzwischen nur noch knapp über der Nulllinie. Ursachen sind Sättigungseffekte und ein Strukturwandel zugunsten von Sektoren mit geringer Produktivität, vor allem in den Dienstleistungsbranchen. Pessimisten wie der Ökonom R. J. Gordon gehen davon aus, dass sich an dieser Situation in den nächsten 20 Jahren wenig ändern wird, weil die digitale Revolution kaum noch Wachstumspotenziale bietet und Innovationen fast nur noch bei Freizeitgütern stattfinden. Optimisten hingegen meinen, dass die 4. Industrielle Revolution vollkommen unterschätzt wird und dass der rasante technologische Wandel einen Produktivitätsschub nach sich zieht, wie wir ihn seit 20 Jahren nicht mehr gesehen haben. Wir teilen diese Zuversicht, weil die Unternehmen in den zurückliegenden Jahren mit enormen Investitionen die Grundlage für effizientere Produktionsstrukturen gelegt haben. Erfahrungsgemäß werden diese Fortschritte aber erst nach mehreren Jahren statistisch fassbar. Unser positiver Ausblick gilt jedoch nur für Unternehmen, die vom Megatrend Industrie 4.0 profitieren können. Alle anderen Sektoren, vor allem im Dienstleistungsbereich, müssen hingegen mit deutlich tieferen Wachstumsraten rechnen.

Rückgang der Aktienmarktrenditen

Dies zusammen mit der ungünstigen demografischen Perspektive impliziert für Anleger einen Rückgang der durchschnittlichen Aktienmarktrenditen von 7% p.a. auf nur noch 3-5% p.a. Wer sich damit nicht zufrieden geben möchte, kann auf die Chancen der 4. Industriellen Revolution setzen. Nachhaltig produktivitätssteigernde Technologien wie Robotik, Sensorik, Big Data und Kommunikations- technik begünstigen in Verbindung mit einem erheblichen Überschuss an Investitionskapital schnelle, entscheidungsfähige Unternehmen. Gleichzeitig verstärkt das Internet der Dinge den Trend zu arbeitsteiligen Prozessen mit Spezialistenwissen und eröffnet damit Potenzial für kleine und mittlere Unternehmen, zulasten etablierter Konzerne. Mittel- und langfristig werden sich nur jene Unternehmen am Markt behaupten können, die auf zukunftsfähige Technologien setzen und diese in ihren Produkten und Herstellungsprozessen nutzen. Technologischer Fortschritt ist der Schlüssel im globalen Strukturwandel und damit in den nächsten Jahren der zentrale Performancetreiber für die Finanzmärkte.

 

Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg arbeitete Harald Preißler zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Würzburg und Ulm. Noch während seiner Promotion zum Dr. rer. pol. begann er 1999 als Senior Analyst bei der Bantleon Bank AG in Zug. Im Jahr 2001 wurde er zum Leiter der Kapitalmarktanalyse, 2005 zum Chefvolkswirt der Bantleon Bank AG ernannt.