„Mich überrascht die intellektuelle Faulheit der Tesla-Aktionäre.“

Smart Investor sprach in New York mit Mark B. Spiegel, der mit seinem Hedgefonds Stanphyl Capital auf die Pleite des Elektroauto-Pioniers wettet

Mark Spiegel
Mark B. Spiegel

Smart Investor: Mr. Spiegel, Ihr Kursziel für die Aktie des Autobauers Tesla liegt bei exakt 0 USD. Zuletzt ist der Börsenwert des Elektroautoherstellers jedoch auf über 60 Mrd. USD angestiegen. Was macht Sie so sicher, dass dieses Unternehmen kollabieren wird?
Spiegel: Im Prinzip sind es drei Gründe: Zunächst einmal schreibt das Unternehmen massive Verluste, obwohl es praktisch keinerlei direkter Konkurrenz ausgesetzt ist. Aber bereits in Kürze wird der Wettbewerb sehr viel intensiver werden. Daneben hat Tesla keinerlei proprietäre Technologie oder Patente, also keinen „Moat“, wie Warren Buffett sagen würde. Zudem halte ich den Gründer und CEO des Unternehmens, Elon Musk, für eine Mogelpackung. Diverse Aussagen von ihm sind definitiv falsch oder irreführend, dies lässt sich anhand öffentlich bekannter Fakten beweisen. Daher habe ich ernsthafte Zweifel, was in dem Unternehmen vor sich geht. Aber selbst wenn ich davon ausgehen würde, dass er der ehrlichste Mensch auf Erden ist, bleibt es ein wirklich schlechtes Geschäftsmodell. Aufgrund des bestehenden Fremdkapitals von Tesla sehe ich den Wert des Eigenkapitals sogar deutlich unter null. Aber eine Aktie kann natürlich nicht mehr als wertlos werden…

Smart Investor: Insbesondere die deutschen Premiumhersteller scheinen dagegen enormen Respekt vor Tesla zu haben.
Spiegel: Respekt zu haben ist nie verkehrt. Aber nehmen Sie zum Beispiel Audi. Die haben in den letzten Jahren regelmäßig das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewonnen. Glauben Sie ernsthaft, dass diese Leute nicht in der Lage sind, ein ordentliches Elektroauto zu produzieren? Bei Tesla belegen die Statistiken bislang dagegen eine minderwertige Qualität der Autos. Stellen Sie sich also auf regelmäßige Besuche in der Werkstatt ein, wenn Sie einen Tesla kaufen. Vielleicht gilt es heute noch als cool, mit einem Tesla unterwegs zu sein. Aber wird es das auch noch sein, wenn es diverse Elektrowägen von BMW, Audi oder Porsche gibt? Spätestens ab 2019 werden die europäischen Hersteller den Markt aufrollen, subventioniert durch die Erträge aus dem klassischen Geschäft. Allein schon die strikte Regulierung in Kalifornien wird sie dazu zwingen. Tesla wird also mit Herstellern konkurrieren, die über ein besseres Know-how und enorme finanzielle Ressourcen verfügen.

Smart-Investor-8-2017-450x636
Weitere Infos zu diesem Thema in unserer Tesla-Titelstory im Smart Investor 8/2017

Smart Investor: Spätestens 2019 wird diese Blase also platzen?
Spiegel: Ich gebe darauf immer folgende Antwort: Ich war mir sehr sicher, dass die Tesla-Blase im Dezember 2015 platzt! Aber Spaß beiseite. Die intellektuelle Faulheit der Leute, die diese Aktie besitzen, überrascht mich täglich aufs Neue. Aber es ist eine typische „Story-Aktie“. Als Elon Musk das Model S vorgestellt hat, wollte er damit profitabel werden. Nun soll es der Mittelklassewagen Model 3 richten. Nur als kurzer Einschub: Alle aktuellen Modelle haben derzeit rückläufige Verkaufszahlen. Ich bin mir sehr sicher, dass Musk das Model 3 nur mit massiven Verlusten pro produziertem Auto verkaufen kann. Die Kosten lassen sich nicht unter 45.000 oder 50.000 USD je Stück drücken. Aber möglicherweise kommt er dann eben um die Ecke und sagt: „Wir werden jetzt einen Kleinwagen produzieren, der die Welt revolutioniert. Und dieses Auto wird uns profitabel machen.“ Und wenn er Glück hat, wird ihm die Börse auch dieses Mal glauben. Denn alle scheinen zu glauben, dass Musk der nächste Steve Jobs ist.

Smart Investor: Mit der Gigafactory, den stationären Energiespeichern und der Akquisition von SolarCity versucht Tesla weit mehr zu sein als ein Autohersteller. Ohne Erfolgsaussichten?
Spiegel: Nun ja, die wahren „Gigafactories“ werden meiner Meinung nach in Zukunft in Asien stehen. Mit LG Chem, Panasonic oder Samsung formiert sich dort bereits massive Konkurrenz. Letztendlich dürften Akkus zu einem Commodity werden, den man in beliebigen Mengen von Zulieferern beziehen kann. Dies wird auch Auswirkungen auf stationäre Speicher haben. Die Konkurrenz ist hier mit Sicherheit so intensiv wie bei den Elektroautos selbst. SolarCity wiederum ist ein ganz eigenes Thema. Hier hat Musk bewiesen, dass ihm eine gute Corporate Governance völlig egal ist. Strategisch ergibt diese Transaktion überhaupt keinen Sinn. Mit den Solaranlagen von SolarCity will Musk die komplette Wertschöpfung abdecken. Den Kunden wird jedoch reichlich egal sein, aus welcher Solarzelle der Strom in ihrem Tesla kommt. Allerdings war Musk der Großaktionär von SolarCity und profitierte selbst von der 2 Mrd. USD schweren Übernahme am meisten. Genau wie Tesla hat SolarCity in der Vergangenheit meist seine Ziele verfehlt und ist schwer defizitär.

Smart Investor: In Ihrem Fonds haben Sie die Aktie von Tesla schon länger leerverkauft. Bislang hat das vor allem Geld gekostet. Trotzdem bleiben Sie Ihrem „Big Short“ treu?
Spiegel: Das ist richtig, bislang habe ich damit noch kein Geld verdient. Aber Sie können Tesla-Aktien für 0,3% im Jahr leihen. Aufgrund der Verzinsung der Margin, also der für den Leerverkauf gestellten Sicherheit, würde Sie das Shorten von Tesla derzeit unterm Strich also noch nicht einmal Geld kosten, wenn der Kurs nicht nach oben laufen würde. Ich halte die Aktie trotzdem noch immer für eine ideale Short-Idee. Denn wenn das Geschäftsmodell von Tesla kippt, kippt es richtig. Beginnt der Kurs zu fallen, kann sich das Unternehmen nicht mehr über die Börse finanzieren. Ohne externe Mittel kann Musk aber nicht weiterhin so viel Geld verbrennen. Er hat allerdings noch nie in seinem Leben ein Unternehmen geführt, das profitabel arbeitet. Ich weiß nach wie vor nicht, wann es zu kollabieren beginnt. Wenn es aber bröckelt, wird es keinen Weg zurück geben. In meinem Fonds werde ich die Position deutlich ausbauen, sobald es Nachrichten gibt, die das Zeug dazu haben, die „Tesla-Story“ zu killen.

Smart Investor: Mr. Spiegel, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Interview: Christoph Karl

Mark B. Spiegel ist Gründer und Manager des New Yorker Hedgefonds Stanphyl Capital Management. Er sieht sich als Deep-Value-Investor im Small- und Micro-Cap-Segment. Er gilt als einer der größten Kritiker von Tesla und dessen CEO Elon Musk. Von eingefleischten Tesla-Fans wird er dafür massiv angefeindet. Neben seiner Short-Position in der Aktie des Elektroautoherstellers setzt er auf ein konzentriertes Portfolio von maximal zehn Nebenwerten sowie auf Shorts in europäischen und japanischen Bonds sowie dem US-Nebenwerteindex Russel 2000.