Frankreich über alles?!

Armin Zinser

Vive la France!

Die unbestreitbaren Qualitäten Frankreichs zu loben, wie die sonnigen Mittelmeerstrände, die Alpen, die traditionsreichen Städte mit ihren gotischen Kathedralen sowie die kulinarischen Genüsse einschließlich der hervorragenden Weine, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Seit Jahrhunderten ist Frankreich die Wahlheimat von Menschen aus der ganzen Welt. Schauspieler, Künstler, Schriftsteller und natürlich auch ganz normale Menschen haben Frankreich zu ihrer neuen Heimat erkoren.

Verkrustete Strukturen

Dennoch, auch hier läuft seit vielen Jahren nicht alles so, wie es könnte und vor allem müsste: Weiterhin viel zu hohe Staatsausgaben trotz eines bereits bedenklichen Verschuldungsgrades, ein viel zu komplexes und in vielen Teilen nicht nachvollziehbares Steuersystem, das dem deutschen in nichts nachsteht, sowie ein reformbedürftiges Bildungssystem. Die gesamten Strukturen sind verkrustet. Seit vier Monaten hat Frankreich nun einen neuen, sehr ehrgeizigen Präsidenten, der es aber geschafft hat, sich in dieser kurzen Zeit bereits viele Gegner im Lande zu schaffen, obwohl bislang noch keine einzige konkrete Reform umgesetzt wurde. Diese wurden lediglich angekündigt bzw. die angekündigten Reformen wieder verworfen oder nach hinten geschoben.

Insbesondere sind die Arbeitsmarktreformen zu erwähnen, für die bereits in den nächsten Wochen Streiks angekündigt wurden. Es sind vor allem die Gewerkschaften wie die kommunistische CGT, die versuchen, selbstverständlich an den Interessen der Arbeitnehmer vorbei, jede
noch so kleine Reform zu blockieren.Frankreich hat heute eine Staatsquote von über 56%, die die notwendigen Investitionen verhindert, was sich wiederum negativ auf die Beschäftigung auswirkt.

Rente mit 62

Gleichzeitig sind das Steuer- sowie das Rentensystem reformbedürftig. Ein französischer Arbeitnehmer geht, bei vollen Altersbezügen, mit 62 Jahren in Rente, was angesichts der demografischen Entwicklung auch hier auf Dauer mit Sicherheit nicht tragbar ist. Reformen auf diesen
Gebieten dürften dennoch sehr, sehr schwierig durchsetzbar sein, trotz der vorhandenen Einsicht, dass diese Reformen notwendig sind. Nichtsdestoweniger sind die Bedingungen heute wesentlich besser als noch zu Jahresbeginn, es gibt Überzeugungen und auch Visionen. Man sollte sich dennoch hüten, zu viel und zu schnell alles zugleich zu wollen, daran sind schon die letzten drei Präsidenten gescheitert. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Frankreich, politisch gesehen und dem Zeitgeist entsprechend, ein tief gespaltenes Land ist mit einem selbsternannten kommunistischen Oppositionsführer, der geradewegs aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts zu kommen scheint.

Sein Schlachtruf: Es lebe die DDR in der Version 2.0 à la française, was mehr dem heutigen Venezuela entspricht, und das auch noch ohne Öl. Präsident Macrons Amtszeit hat gerade erst begonnen, und vielleicht gelingt es ihm, noch rechtzeitig die Kurve zu bekommen und schlussendlich eine erfolgreiche Politik zu betreiben. Es wäre dem tollen Lande Frankreich und vor allem auch dem bereits durch den Brexit
geschwächten Europa insgesamt zu wünschen.

 

Über Armin Zinser

Armin Zinser ist für die Aktienanlagen der französischen Versicherung Groupe Prévoir zuständig. Daneben managt er die Publikumsfonds Prévoir Gestion Actions (WKN: A1T7ND) und Prévoir Perspectives (WKN: A1XCQU). Als waschechter Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik bezeichnet Zinser seinen Anlagestil als pragmatisch und am gesunden Menschenverstand orientiert. Einer dezidierten
Strategie möchte er sich daher nicht zuordnen lassen. Der gebürtige Schwabe lebt seit vielen Jahren in Paris. Bevor er zur Prévoir Gestion wechselte, war Zinser für die OECD im Asset-Management tätig. Seine Fonds wurden mehrfach mit dem „Lipper Fund Award“ ausgezeichnet, der Prévoir Gestion Actions in den letzten Jahren sogar für den Zeitraum von zehn Jahren.