„Keine übertriebene Vorsicht“

Dr. Harald Preißler, Bantleon AG
Smart Investor: Die Aktienmärkte präsentieren sich in den USA und Europa mit Rekordständen, als ob wir in der besten aller Welten leben würden. Die Volatilitäten sind extrem niedrig. Ist das die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm oder geht es mit den Kursgewinnen weiter?

Preißler: Übertriebene Vorsicht kann man den Investoren momentan sicherlich nicht vorhalten. Selbst die Eskalation auf der koreanischen Halbinsel mit möglicherweise weitreichenden Folgen für den gesamten ostasiatischen Raum – die Herzkammer der Weltwirtschaft – hat nur für kurzes Zucken an den Aktienmärkten gesorgt. Dasselbe gilt für die interventionistischen Neigungen der US-Administration: Neue Zölle werden wie Strafzettel angedroht und auch verhängt, trotzdem boomen vor allem Exportwerte, als stünden wir am Beginn einer neuen Globalisierungswelle. Zu diesem Umfeld passen historisch tiefe Volatilitäten an den Aktienmärkten ebenso wenig wie beispiellos niedrige Risikoprämien bei Unternehmensanleihen. Das alles ist solange kein Problem, wie die konjunkturellen Aussichten sich verbessern, was bis in den Sommer hinein der Fall war. In den nächsten Monaten dürfte die wirtschaftliche Dynamik aber eher nachlassen, und dann könnten sich extreme Bewertungen im Verbund mit geopolitischen Risiken zu einem explosiven Gemisch entwickeln.

Smart Investor: Der in den vergangenen Monaten stärkere Euro ist negativ für den Außenhandel in der Eurozone. Bei den USA ist fraglich, ob Trump bei seiner geplanten Steuerreform liefern kann. Wie sehen Sie in den Regionen die konjunkturelle Entwicklung und wo gibt es potenzielle Krisenherde?

Preißler: Wir erleben derzeit einen sowohl in regionaler als auch in sektoraler Hinsicht extrem breiten Aufschwung. Die Konjunktur brummt rund um den Erdball, das ist die gute Nachricht. Die weniger gute ist, dass die Finanzmärkte nicht in der Kategorie „gute“ oder „schlechte“ Konjunkturlage denken, sondern auf das Momentum fixiert sind. Das heißt, nur eine besser werdende Konjunktur ist die Basis für weiter anziehende Aktienmärkte und niedrigere Risikoprämien bei Anleihen. Wir gehen davon aus, dass die wirtschaftliche Dynamik in den nächsten sechs bis zwölf Monaten leicht nachlässt. Das hat mit der Euro-Aufwertung zu tun, daneben hinterlässt aber auch das etwas schwächere Wachstum in Asien Spuren. Die US-Wirtschaft könnte von steuerpolitischen Impulsen tatsächlich noch einen Schub erhalten, den benötigt sie aber wegen des gesättigten Konsums auch. Daraus resultiert zwar kein Krisenherd, es reicht aber völlig aus, um die Aktienmärkte 15–25% nach unten zu drücken.

Smart Investor: Die EZB hat ihr Pulver verschossen. Welche Möglichkeiten hat die Zentralbank noch, bei einer anstehenden Krise gegenzusteuern?

Preißler: Die Grenzen des Quantitative Easing in seiner gegenwärtigen Form sind sicherlich zum Greifen nah, wegen des rigiden Sparkurses in der Eurozone fehlt es schlicht an handelbaren Staatsschulden. Ich schließe aber nicht aus, dass die EZB im Krisenfall einen Ausweg findet und ganz einfach „die Waffe“ wechselt. Statt EUR Anleihen könnten dann internationale Anleihen aus dem Besitz von EUR-Anlegern gekauft werden, das wäre ein gewaltiges Universum. Denkbar wäre auch der Kauf von Aktien, nach dem Vorbild der japanischen Notenbank. Last but not least gäbe es noch das Helikopter-Geld, etwa in der Form von Konsumgutscheinen für die Privathaushalte in der Eurozone. Die Geldpolitik kann also noch sehr viel mehr Unsinn treiben, bevor wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

Smart Investor: Welche Assetklassen zählen zu den Gewinnern in dem von Ihnen beschriebenen Szenario?

Preißler: Im Krisenfall führt an Anleihen bester Bonität nach wie vor kein Weg vorbei. Deutsche Bundesanleihen mit langer Laufzeit bieten zwar keine Verzinsung, trotzdem steigen die Kurse in solchen Szenarien wegen des zu knappen Angebots bei gleichzeitig sprunghaft steigender Nachfrage nach sicheren Anlagen deutlich. An den internationalen Märkten kommen alternativ noch US-Treasurys infrage, die aber wegen der Volatilität des US-Dollars mit einem nicht unerheblichen Währungsrisiko versehen sind.

Smart Investor: Beim Bantleon Family & Friends investieren Sie breit in Aktien, Anleihen und Rohstoffe. Die Auswahl und die Gewichtung der einzelnen Anlageklassen werden nach den jeweiligen konjunkturellen Erwartungen ausgerichtet. Welche Konsequenzen lassen sich aus
Ihrem Szenario für die Asset Allocation ableiten?

Preißler: Wir haben angesichts unseres skeptischen Konjunkturausblicks bereits begonnen, die Aktienquote des Fonds von knapp 40% auf 30% zu reduzieren. Diesen Weg werden wir in den kommenden Wochen in Richtung 20% fortsetzen. Gleichzeitig haben wir bei unseren großen Positionen in Unternehmensanleihen (45% des Fonds) Gewinne mitgenommen und die Quote auf 25% zurückgefahren. Im Gegenzug wurden die Positionen in den sicheren Häfen ausgebaut, das bedeutet lang laufende Staatsanleihen aus Deutschland und Frankreich. Der Charakter des Fonds ist damit momentan sehr viel defensiver als noch zu Beginn des Jahres. Richtig in die Offensive gehen wir erst dann wieder, wenn sich unsere Einschätzung der konjunkturellen Perspektiven nachhaltig verbessert – damit rechne ich im Frühjahr/Sommer 2018.

Smart Investor: Herr Dr. Preißler, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

Interview: Christian Bayer

 

Über Dr. Harald Preißler

Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg arbeitete Harald Preißler zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Würzburg und Ulm. Noch während seiner Promotion zum Dr. rer. pol. begann er 1999 als Senior Analyst bei der Bantleon Bank AG in Zug. Im Jahr 2001 wurde er zum Leiter der Kapitalmarktanalyse, 2005 zum Chefvolkswirt der Bantleon Bank AG ernannt.