Smart Investor 1/2018 – „Bedrohlicher als vor dem Beinahe-Crash von 2008“

Smart Investor: Herr Wolff, woran krankt unser Finanzsystem und wie ist es dazu gekommen?

Wolff: Unser Finanzsystem gleicht einem Patienten, der nach zwei lebensbedrohlichen Zusammenbrüchen auf der Intensivstation liegt und nur noch künstlich am Leben erhalten wird. Das System ist 1998 nach dem Zusammenbruch des amerikanischen Hedgefonds Long-Term Capital Management nur durch die Intervention von mehreren Wall-Street-Banken und 2008 nur durch das Eingreifen der weltweit größten Zentralbanken gerettet worden. Sie haben bis heute 14 bis 16 Bio. USD ins System gepumpt und die Zinssätze weltweit fast 700 Mal gesenkt. Die so erzeugte Flut billigen Geldes hat aber nicht zu einer Gesundung der Realwirtschaft, sondern zu einer weiteren Ausuferung der Spekulation geführt. Da die Politik die größten Finanzinstitute vor zehn Jahren auch noch für „too big to fail“ erklärt und ihnen damit einen Freibrief zum Eingehen noch höherer Risiken erteilt hat, befinden wir uns mittlerweile in einer noch bedrohlicheren Lage als vor dem Beinahe-Crash von 2008.

 

Smart Investor: Ist der heutige Zustand eigentlich gewollt, oder ist er das Ergebnis von Unkenntnis über die Fernwirkungen früherer, aber langfristig untauglicher „Rettungen“ und Interventionen?

Wolff: Der gegenwärtige Zustand ist die logische Konsequenz einer Reihe von Entscheidungen, die nicht aus rationalen Erwägungen heraus getroffen wurden, sondern die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Der zweimalige britische Premierminister Disraeli hat bereits vor 150 Jahren gesagt: „Die Welt wird von anderen Personen regiert als diejenigen glauben, die nicht hinter den Kulissen stehen.“ Das gilt in besonderem Maße für unsere Epoche: Im Gegensatz zur weit verbreiteten Vorstellung, unser Leben würde von gewählten Regierungen bestimmt, liegt es nämlich in der Hand einer zahlenmäßig winzigen, aber überaus mächtigen Finanzelite. Die weltgrößte Schattenbank Blackrock z.B. verwaltet ein Vermögen von annähernd 6 Bio. USD und hat damit eine Marktmacht, die selbst westliche Industriestaaten in den Schatten stellt. Nur zum Vergleich: Deutschlands Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller in einem Jahr in Deutschland produzierten Waren und erbrachten Dienstleistungen, lag 2016 knapp unter 3,5 Bio. USD.

 

Smart Investor: Sie sprechen von der Machtkonzentration, die unsere marktwirtschaftliche Ordnung untergräbt und die Politik korrumpiert bzw. zu Marionetten degradiert. Wie konnte es so weit kommen, und warum haben die Schutzmechanismen der demokratisch verfassten Gemeinwesen versagt?

Wolff: In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts geriet die globale Wirtschaft nach einem Vierteljahrhundert gewaltiger Expansion ins Stocken. Die immer mächtiger gewordenen Großbanken drängten die Politik, ihnen neue Möglichkeiten zur Gewinnerwirtschaftung zu eröffnen. Das Ergebnis war die Deregulierung, die zur Gründung zahlloser Hedgefonds und zur Erfindung immer neuer Derivate führte und den Finanzsektor geradezu explodieren ließ. Der Beinahe-Kollaps des Systems 1998 war auf eines dieser Derivate zurückzuführen: die Kreditausfallversicherung. Obwohl sich damals zeigte, dass sowohl Derivate als auch das Prinzip der Leerverkäufe volkswirtschaftlich erheblichen Schaden anrichten können, wurden sie nicht abgeschafft, im Gegenteil: In den USA wurde ein Jahr später sogar das Trennbankensystem beseitigt. Der Grund: Die Finanzindustrie war durch die Deregulierung so stark geworden, dass keine Regierung sich ihr mehr mit Erfolg widersetzen konnte. Wie wir in der Eurokrise gesehen haben, ist der Finanzsektor auch bei uns mittlerweile so mächtig, dass er ganze Länder im Ernstfall unter die Zwangsverwaltung seiner eigenen Organisationen wie der Troika stellt. Sie liefert übrigens ein hervorragendes Beispiel für das Machtgefüge, unter dem wir leben: In ihr geben der IWF und die EZB den Ton an, während die Politik in Gestalt der EU-Kommission zu folgen hat.

 

Smart Investor: War es nicht der Kardinalfehler der Notenbanken und dann auch der Regierungen, sich vom Finanzsektor für die dort selbst verschuldeten Krisen immer wieder in die Pflicht nehmen zu lassen, anstatt die Friktionen im Wesentlichen auszuhalten und so auch die Marktteilnehmer für die Zukunft zu disziplinieren?

Wolff: Ich würde nicht von einem „Fehler“ der Notenbanken sprechen, denn Notenbanken sind ja nicht – wie uns allen von Politik und Medien eingeredet wird – dazu da, das Bankengewerbe zu kontrollieren. Im Gegenteil: Ihre Strategie wird von den Großbanken bestimmt. Die wichtigste Notenbank der Welt, die Federal Reserve, ist nichts anderes als ein privates Bankenkartell, das sich das Monopol der Geldschöpfung angeeignet und dadurch mehr Macht erworben hat als irgendeine andere Organisation in den USA. Die Bank of England war fast 300 Jahre lang in privater Hand, bis sie 1946 verstaatlicht wurde. Diese Verstaatlichung hat aber nichts daran geändert, dass sie nach wie vor die Interessen des privaten Finanzsektors vertritt. Wem die EZB dient, sieht man schon daran, wer sie leitet: Mario Draghi war als Goldman-Sachs-Europachef für die Fälschung der griechischen Bilanzen beim Eintritt in die Eurozone verantwortlich und hat als Chef der italienischen Bankenaufsicht überaus dubiose Deals der Großbank Monte dei Paschi begünstigt. All das zeigt: Die Notenbanken sind kein Kontrollorgan über die Finanzindustrie, sondern das Instrument, mit dem sie ihre Interessen durchsetzt.

 

Smart Investor: Gibt es aus dieser Situation überhaupt einen Ausweg? Welche Akteure hätten denn die Mittel und das Interesse, etwas zu verändern? Oder laufen wir unweigerlich auf eines der beiden Extreme Diktatur oder Chaos zu?

Wolff: Unter den bestehenden Verhältnissen bleiben in der Tat nur die Optionen Chaos oder Finanzfaschismus. Aber vor uns liegt eine Periode großer sozialer Unruhen und Umwälzungen, in der die etablierten Parteien vermutlich noch schneller als bisher zerfallen werden. Die Zukunft gehört in meinen Augen politischen Bewegungen, die – vor allem auch aufgrund der modernen Kommunikationsmittel – wie Pilze aus dem Boden schießen werden. Wer weiß, ob sich nicht auch eine bildet, die die richtigen Weichen stellt? Meiner Meinung nach gehören dazu ein Verbot von Hedgefonds, ein generelles Verbot von Derivaten und Leerverkäufen und die Einrichtung eines Trennbankensystems, wobei den Investmentbanken sehr enge Grenzen gesetzt werden müssten. All das sind in meinen Augen nur unabdingbare Mindestvoraussetzungen, aber ihre Einführung würde denen, die uns in die gegenwärtige Misere geführt haben, die Zügel entreißen und so den Weg in ein halbwegs demokratisches Gemeinwesen freimachen.

 

Smart Investor: Ist nicht die wesentliche Ursache der heutigen Misere ein windschief konstruiertes Geldsystem, das einige wenige systematisch begünstigt, während die Mehrheit durch dieses Fiatgeld schleichend um die Früchte ihrer Arbeit gebracht wird?

Wolff: In der Tat. Aber da jedes menschengemachte Geldsystem die Gefahr in sich trägt, einige wenige durch Vermögenskonzentration zu begünstigen, gibt es nur einen Ausweg: Man muss es zügeln und alles daran setzen, es den Interessen der Mehrheit zu unterwerfen.

 

Smart Investor: Vielen Dank für Ihre Ausführungen.

 

Interview: Ralf Flierl, Ralph Malisch

 

Der Journalist und Buchautor Ernst Wolff (Jahrgang 1950) ist ein wahrer Kosmopolit. Aufgewachsen in Südostasien, verbrachte er seine Schulzeit in Deutschland und studierte in den USA. Seit mehr als vierzig Jahren beschäftigt er sich mit den Wechselwirkungen zwischen Politik und Wirtschaft. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Mechanismen, mit denen eine globale Finanzelite die Kontrolle über wesentliche Lebensbereiche an sich gezogen hat. Mit seinem Werk „Weltmacht IWF“ landete er einen SPIEGEL-Bestseller.

 

 

 

 

 

 

 

Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“ von Ernst Wolff, edition e. wolff; 200 Seiten; 19 EUR