Löcher in der Matrix – Mit der Zeit joggen

Mode ist nicht nur Ausdruck eines individuellen Lebensgefühls, in ihr spiegelt sich auch der Zeitgeist. Ältere Börsianer bastelten aus der jeweils vorherrschenden Rocksaumlänge sogar einen eigenen Stimmungsindikator, der in etwa so funktionieren sollte: Stiegen die Rocksäume, dann waren die Menschen beschwingt und auch die Kurse stiegen. Wurden die Röcke dagegen wieder länger, sank auch der Mut der Börsianer und an der Börse ging es bergab. Ob das je wirklich so funktionierte, darf bezweifelt werden. Eine hübsche Anekdote ist es allemal. Zumindest damals. Heute wäre alleine Gedanke an Frauen hier und Börsianer da, an kurze Röcke einerseits und gute Stimmung andererseits, ein unwiderlegbares Indiz für die sexistische Denkungsweise eines unbelehrbaren Fossils. Und natürlich fände sich eine „Jemandin“, die sich nicht entblöden würde, das auch noch genauso heraus zu kreischen. Geschenkt.

Glücklicherweise liegen diese dunklen Zeiten lange hinter uns. Das Land ist frei, aufgeklärt und weltoffen wie nie zuvor. Und wieder ist es die Mode, die diese frisch gewonnene Unbeschwertheit aufnimmt und ihr in zeitgemäßen Bekleidungsstücken Ausdruck verleiht. So weiß bild.de zu berichten, dass für die abendliche Joggingrunde nun „Safe Shorts“ erhältlich sind. Wer hier an die Inklusion inkontinenter Sportler denkt, die nun fröhlich mitjoggen können, liegt allerdings falsch. Denn bei dieser High-Tech-Hose geht es um einen Schutz ganz anderer Art. Müssen wir deutlicher werden?! Die Idee ward geboren, nachdem die Erfinderin beim Joggen von „betrunkenen Männern“ angegriffen wurde, die versuchten, ihr die Hose vom Leib zu reißen. Obwohl nur ein bedauerlicher Einzelfall, entwickelte die findige Unternehmerin ihre Vision einer marktfähigen Rundum-Sorglos-Buxe: Diese ist nicht nur reiß- und schnittresistent, sie hat zudem einen Protektor im Schritt und ist durch eine Seilkonstruktion samt Zahlenschloss gegen Herunterziehen geschützt. Dazu gibt es für den Fall der Fälle noch einen ohrenbetäubenden Alarm (Batterie nicht enthalten).

Angesichts einer Bewegungssportart klingt das zwar nicht allzu bequem, die Hosen verkaufen sich dennoch wie geschnitten Brot. Unerklärlicherweise kommen 80% der Nachfrage aus Deutschland. War uns das offenbar seit Jahrzehnten im Lande virulente Problem der „betrunkenen Männer“ etwa entgangen? Die Bild-Autoren versuchten sich erst gar nicht an einer Erklärung des Verkaufserfolgs. Vermutlich steckt dahinter einfach nur die Affinität der Frauen zu Hightech made in Germany, pardon India. Denn die Nachfrage ist so groß, dass sie selbst das hiesige Angebot an frischen Fachkräften übersteigt, weshalb künftig dort produziert werden soll; in einem Land also, in dem Frauenrechte schon traditionell einen besonders hohen Stellenwert genießen. Gesättigt scheint der Markt für die neue bunte High-Tech-Mode jedenfalls noch lange nicht: Die Stichschutzweste „Alex“ (unisex) oder der Gesichtsschutz „Kandel“ werden daher wohl nicht lange auf sich warten lassen.

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