SIW 09/2018: „Zwergenaufstände“

Tiefroter Teppich

Vielleicht ist das Wort „Schicksalsdatum“ ein zu großes Wort, aber Aufmerksamkeit verdient der 4. März 2018 allemal:

In Deutschland wird das Ergebnis der SPD-Mitgliederbefragung bekannt gegeben. In der SPD ist eine solche Abstimmung, ganz im Gegensatz zur CDU, durchaus ein Risiko für die Parteiführung. Interessanterweise wurde innerhalb der CDU erst dann hörbar gegrummelt, als die Ausbeute an Ministerämtern unerwartet mager ausfiel. So etwas würde selbst den Zusammenhalt unter der „Größten Vorsitzenden aller Zeiten“ auf eine ziemliche Probe stellen. Mit der Vorstellung der CDU-Ministerliste war der Zwergenaufstand jedenfalls rasch beendet. Die Mannschaft, oder wie auch immer das heute heißt, sei jünger und weiblicher geworden – mit Ausnahme der Chefin versteht sich. „Jung & weiblich“ dürfte, wie auch im richtigen Leben, bei mancher Personalie den Ausschlag gegeben haben – etwa bei der Bildungsministerin in spe, die bislang jedoch fernab des Bildungsbetriebs wirkte. Solche Erwägungen mag die geschäftsführende Kanzlerin jedoch nicht gelten lassen, denn eine Verteidigungsministerin müsse auch keine Soldatenlaufbahn absolviert haben. Die täglichen Zustandsmeldungen über die nicht einmal mehr bedingt abwehrbereite Bundeswehr scheinen Merkel in dieser Hinsicht allerdings nicht einmal bedingt Recht zu geben. Die wesentliche Qualifikation ist ohnehin auch im Kabinett Merkel IV Loyalität in ihrer bedingungslosen Variante. Auf diesem Gebiet hatte sich der „konservative Merkel-Kritiker“ Jens Spahn zwar nicht unbedingt hervorgetan, aber auch diesem Zwerg wird als bloßem Umsetzer einer sozialdemokratisch inspirierten Gesundheitspolitik wohl jegliche Lust am Aufstand vergehen. CDU-seitig ist das Haus also bestellt und für die SPD ist jener tiefrote Teppich ausgerollt, auf dem vor allem Merkel endlich wieder durch die Vordertür einer nicht bloß geschäftsführenden Kanzlerschaft in ihre Diensträume gelangen will. Ob die Sozis den Köder allerdings schlucken, ist fraglich. Denn egal ob FDP, SPD oder gar CDU und CSU – noch keiner Partei ist eine allzu große Nähe zu Muttis Rockzipfel bislang per Saldo gut bekommen. Der Abwärtstrend bei der SPD ist dabei so dramatisch, dass ihr inzwischen sogar der zweite Rang in der Parteienlandschaft streitig gemacht wird. Man darf also gespannt sein, wo sich die SPD-Basis größere Überlebenschancen ausrechnet. Ein paar Jahre mit roter Zipfelmütze in Merkels Vorgarten herumzuturnen, ist dabei durchaus eine verlockende Perspektive – zumindest für Gartenzwerge.

 

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Die Rechnung, bitte!

Ein Lehrstück in etwas lebendigerer Demokratie bietet derzeit Italien, das am 4. März über die Zusammensetzung des Parlaments abstimmen wird. Dort waren die Christdemokraten über Jahrzehnte die dominierende politische Kraft des Landes – bis sie sich im Jahr 1994 auflösten. Seitdem entspricht die Parteienlandschaft jener Buntheit, die auch in anderen Lebensbereichen zum Ideal erhoben wird. Von ziemlich weit rechts bis ziemlich weit links ist so ziemlich alles im Angebot. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Abschneiden der „MoVimento 5 Stelle“ („Fünf-Sterne-Bewegung“) des ehemaligen Komikers „Beppe“ Grillo gelegt. Diese könnte zwar stärkste Partei werden, zeigt aber wenig Interesse an Koalitionen. Die Ablehnung zwischen den explizit Euro-kritischen „Fünf Sternen“ und den anderen Parteien beruht dabei durchaus auf Gegenseitigkeit. Die, je nach Standpunkt, Sorgen vor bzw. Hoffnungen auf eine Regierungsbeteiligung dürften sich daher kaum erfüllen. Stattdessen wird irgendein mehr oder weniger heterogenes Bündnis auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners zusammenfinden, wodurch die Reformunfähigkeit des Landes weiter zementiert werden wird. Die freilich kostet Geld und da wird Frankreich zum natürlichen Verbündeten Italiens. Selbst eine Regierung mit starken Euro-kritischen Elementen wird wohl nicht zu einem raschen „Italexit“ führen, sondern eher zur Bereitschaft, mit den europäischen Partnern ein wenig höher zu pokern. Für den Euro dürfte die Liraisierung also an Fahrt aufnehmen. Der deutsche Steuerzahler braucht dabei nicht traurig zu sein, denn er wird – insbesondere unter einer neuaufgelegten GroKo – weiter eine tragende Rolle in diesem Stück spielen.

 

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Show must go on!

Einen mehr oder weniger versöhnlichen Tagesausklang hätte man früher bei den Oscar-Verleihungen erwarten können. Doch auch in Hollywood wird in der Nacht vom 4. auf den 5. März kaum etwas so sein, wie es war. Man hat seinen Hang zur Moral entdeckt und die Spitzenschauspieler des Planeten können natürlich auch diese Rolle überzeugend verkörpern. Dass dabei gerne ein bisschen dick aufgetragen wird, zeigten bereits die Golden-Globe-Verleihungen, die man nicht feierte, sondern in schwarzen Gewändern, auf flachen Schuhen und mit ernster Miene regelrecht beging. Inzwischen ist sogar eine Art Streit über die Rechte an der Ausschlachtung des Weinstein-Skandals ausgebrochen. Ist eher die #MeToo-Bewegung legitimiert, aus der Angelegenheit Honig zu saugen und die eigene feministische Agenda voranzutreiben, oder sind es die „Time’s Up“-Leute, bei denen sich auch Männer gegen eine hübsche Spende ein gutes Gefühl erkaufen können? Bei aller berechtigten Empörung über die offenbar zahlreichen Verfehlungen von „Dirty Harvey“ & Co. mag man dem Glitzergeschäft den nun so öffentlichkeitswirksam aufpolierten Heiligenschein nicht recht abnehmen. Denn nur äußerst naive Zeitgenossen konnten annehmen, dass es hinter der Leinwand ebenso heroisch und schnulzig zugeht wie darauf. Es ist nicht so, dass Hollywood mit Weinstein seine Unschuld verloren hätte, mit Weinstein wurde nur offensichtlich, dass es diese Unschuld nie gab. Warum jetzt, da der Öffentlichkeit ein kurzer Blick auf die Abgebrühtheit und den Zynismus der Traumfabrik vergönnt war, alle Seiten so interessiert daran sind, sich öffentlich reinzuwaschen? Vermutlich, weil Hollywood auch hochpolitisch ist bzw. von der Politik gerne und oft für die eigenen Ziele instrumentalisiert wird, wie man nicht zuletzt am letzten Präsidentschaftswahlkampf erkennen konnte. „Abgebrühte Zyniker gegen Trump“ oder „Schäbige Grabscher retten das Klima“ sind nicht die Art von Drehbüchern, die sich das politische Establishment von der Traumfabrik wünscht. Aber keine Sorge, spätestens wenn es um die Filmrechte an der Weinstein-Affäre geht, wird Hollywood wieder ganz das alte sein: Show must go on!

 

Zu den Märkten

In der Vorwoche hatten wir an dieser Stelle die kraftlose Aufwärtsreaktion des DAX nach dem Kurssturz vom Monatsanfang thematisiert. An dieser Situation hat sich auch in den vergangenen Handelstagen nichts geändert. Die starken Überlappungen zwischen den täglichen Kursspannen bleiben ein Indiz für fehlende Impulse. Und ein solcher, impulslos nach oben treibender Markt bleibt hochgradig gefährdet. Dass die Aufwärtsbewegung lediglich eine Technische Reaktion auf den vorangegangenen Abwärtsimpuls ist, kann man auch an den deutlich zurückgegangenen Umsätzen erkennen (vgl. Abb., unterer Teil, rote Linien). Die Standarderwartung bei einer solchen Technischen Reaktion besteht in einer Wiederaufnahme des vorangegangenen (Abwärts-)Trends. Sollten die Kurse also unter die aktuell gültige Stützlinie (vgl. Abb., oberer Teil, grüne Linie) fallen, wäre eine erneute Beschleunigung nach unten plausibel. Zu heilen wäre das negative Chartbild nur durch ein kraftvolles Übersteigen der Widerstandszone im Bereich zwischen 12.800 und 13.000 Punkten (vgl. Abb., oberer Teil, rotes Rechteck).

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage gibt es heute ein Update zu Tesla. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Leser fragen die Redaktion

Aufmerksamen Lesern ist sicher schon aufgefallen, dass seit der Januar-Ausgabe ein kleiner Button auf unseren Titelseiten prangt: „15 Jahre Smart Investor“. Wir wollen dieses kleine Jubiläum zum Anlass nehmen, den Spieß einmal umzudrehen. Stellen Sie Fragen an uns. Was wollten Sie schon immer über den Smart Investor oder die Redaktion wissen und haben Sie sich nie zu fragen getraut? Seien Sie ruhig ein bisschen frech, wir sind es ja auch. Und so wie wir austeilen, können wir auch einstecken.

Einsendungen bitte an abo@smartinvestor.de unter dem Stichwort „15 Jahre“. Die besten Fragen und Statements drucken wir übrigens in unserer Jubiläumsausgabe 5/2018 ab (auf Wunsch auch anonym). Wir freuen uns auf Ihre rege Beteiligung.

Veranstaltungshinweise

Mit Riesenschritten nähern wir uns dem Börsentag München, der am 17. März wieder in den Hallen des MOC München stattfinden wird. Das Team von Smart Investor wird wieder mit einem eigenen Stand vor Ort sein. Wir freuen uns, Sie dort zu sehen.

Einen knappen Monat später öffnet am 13. April die Invest in Stuttgart wieder für zwei Tage ihre Pforten. Sie ist Leitmesse und Kongress für Finanzen und Geldanlage und schlicht die größte Veranstaltung ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Hier haben wir mit dem Aktionscode übrigens ein besonderes Schmankerl für Sie, das Ihnen freien Eintritt und eine kostenfreie Anreise mit dem VVS (öffentlicher Nahverkehr in Stuttgart) ermöglicht. Hierzu gehen Sie bitte wie folgt vor:

  1. Klicken Sie unter www.messe-stuttgart.de/vorverkauf aufs Ticketing.
  2. Aktionscode „smartinvest“ einlösen (ohne Anführungszeichen!).
  3. Formular ausfüllen und (falls benötigt) kostenloses VVS-Ticket sichern.
  4. Eintrittskarte downloaden und ggf. drucken.

Smart Investor 3/2018:

Titelstory: Der Sturm – Reinigendes Börsengewitter oder Frühausläufer eines Orkans?

Dividendenwerte: Stabile Erträge trotz Nullzinsen

Small Caps: Gehebelte Wetten

Krypto: Erste Versuche einer Professionalisierung

u. v. m.

 

 

 

 

Fazit

Der kommende Sonntag wird spannend. Wenn es weiter so kalt bleibt, bietet sich ein gemütlicher Fernsehabend an, bei dem es einem den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagen könnte.

 

Ralph Malisch, Ralf Flierl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.