SIW 15/2018: Kunst der Täuschung

Datenschutz – einst und jetzt

Schon wieder müssen wir uns prominent mit einem der großen Vorzeigeunternehmen dieser Tage beschäftigen. Facebook ist nicht unbedingt in der Krise, wohl aber in der Kritik. Das US-Unternehmen war Datenschützern in der Vergangenheit schon mehrfach wegen seiner ungehemmten Daten-Sammelwut unangenehm aufgefallen. So richtig reinreden ließen sich die Amerikaner in diesen Teil ihres Geschäftsmodells aber nicht – schon gar nicht aus Europa. Der moderne Facebook-Nutzer hat ohnehin ein ziemlich entspanntes Verhältnis zu seinen Daten. Das war im Lande nicht immer so. Die Älteren werden sich noch an die Aufregung um die letzte große Volkszählung – heute hieße das wohl „Hier-Wohnende-Zählung“ – von 1987 erinnern: Insbesondere Datenschützer schlugen Alarm und viele Bürger waren peinlich darauf bedacht, nur das unbedingt Nötigste preiszugeben, oder der Neugier des Staates das eine oder andere Schnippchen zu schlagen. Wie sich die Zeiten geändert haben: Heute sind Facebook-Nutzer geradezu versessen darauf, auch die banalsten Details eines nicht minder banalen Alltags mit der Welt zu teilen. Dass sich für aktuelle Urlaubsfotos auch jene begeistern können, deren Geschäftsmodell im nicht-autorisierten Transfer von Wertgegenständen aus verlassenen Wohnungen besteht (vulgo: Einbrecher), steht auf einem anderen Blatt – es zeigt allerdings auch, auf wie vielfältige Weise solche Plattformen in die Realwirtschaft ausgreifen.

Geniales Geschäftsmodell

Auch ist der Gewinn aus der „Operation Facebook“ höchst ungleich verteilt: Buchstäblich Milliarden von Nutzern investieren ihre Lebenszeit und Kreativität, während Zuckerberg und seine Mit-Aktionäre die so abgelieferten Daten nur noch zu ernten brauchen, um damit letztlich ein erkleckliches Sümmchen zu verdienen. Nun könnte man die Nutzer fragen, warum sie sich auf eine Gestaltung einlassen, die ihnen oberflächlich betrachtet, doch herzlich wenig nutzt? Gegenfrage: Warum rauchen Menschen, warum trinken sie und warum futtern sie Unmengen an Zucker und Fast Food? Weil ihnen das so gut tut? Nein, weil sie davon abhängig sind. Insofern ist das Geschäftsmodell von Facebook großartig. Von den kleinen Facebook-Junkies geht für den Daten-Großdealer jedenfalls keinerlei Gefahr aus.

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Hausrecht oder Zensur?

Anders sieht es da schon mit der Politik aus: Zum einen sind da die Zensurbemühungen, die in China, wo Facebook ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielt, Nordkorea und Deutschland besonders „erfolgreich“ waren. Hier geht es nicht um Strandfotos und Essensteller, sondern um eine allzu freie Meinungsäußerung zu politischen Themen. Die Profiling- und Kontroll-Möglichkeiten, die Facebook und das NetzDG bieten, dürften manche altgediente StaSi-IMs vor Neid erblassen lassen – sofern sie nicht ohnehin in der Säuberungstruppe ein neues Auskommen gefunden haben. Jedenfalls wird nun auch hierzulande wieder munter zensiert, zeitgemäß als Löschung von Posts oder Sperrung von Nutzern – zumindest am sichtbaren Frontend. Tatsächlich dürften die inkriminierten Posts und Nutzer natürlich genauso gespeichert bleiben, wie alles andere auch. Dass die Kriterien dafür nicht immer nachvollziehbar sind, prangert unter anderem der bekannte Anwalt Joachim Nikolaus Steinhöfel in seiner „Wall of Shame“ an. Da werden demnach auch massenhaft Beiträge „gelöscht“, die mit den deutschen Gesetzen im Einklang stehen, während andererseits strafbare Posts online bleiben. Mit Rechtstaatlichkeit hat das wenig zu tun, es regieren die nebulösen „Gemeinschaftsstandards“ von Facebook. So sehr wir es befürworten, dass ein Unternehmen auch virtuell sein „Hausrecht“ ausüben darf, so sehr lehnen wir politisch motivierte Löschungen/Sperrungen legaler Inhalte ab. Sie stellen nichts anderes als klassische Zensur im Sinne der Herrschenden dar.

Spiel auf Zeit

Eine ganz andere politische Dimension offenbarte nun der Datenskandal um Cambridge Analytica. Zur Erinnerung: Der kalifornische Dienstleister hatte die Konten von knapp 90 Millionen Facebook-Nutzern (vorläufig letzte Zahl) im Hinblick auf mögliche Strategien zur Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahl 2016 ausgewertet. Das alleine zeigt, wie relevant und werthaltig Facebooks Datenschatz ist. Bei der gestrigen ersten Anhörung in der Sache gab sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg reumütig und gelobte Besserung. Wie dies aber konkret aussehen soll, darüber darf seit heute spekuliert werden. Die Strategie besteht offensichtlich darin, der Angelegenheit die Spitze zu nehmen, auf Zeit zu spielen und letztlich die eine oder andere kosmetische Korrektur vorzunehmen. Der Aktie bekam Zuckerbergs gestriger Auftritt jedenfalls gut. Die Börse erkannte, dass Zuckerberg in der ersten Runde der Kongressanhörung nicht „gegrillt“ wurde – ein Plus von satten 4,5%, das gestern auch dem Gesamtmarkt guttat.

Donald, der Unberechenbare

Weit weniger gut tun den Märkten dagegen andere Nachrichten aus den USA. Kaum waren die Schocks eines eskalierenden Handelskonflikts zwischen den USA, der EU und China halbwegs verdaut, schon twitterte US-Präsident Trump erneut. Diesmal ging es um Syrien. Dort behaupteten die „Weißhelme“, eine vom Westen (mit-)finanzierte NGO, einmal mehr einen Giftgasangriff Assads auf die eigene Bevölkerung. Nun sind Behauptungen das eine, Beweise aber etwas anderes. Strafaktionen scheinen, das lehrt bereits der Fall Skripal, aber nicht mehr zwingend auf der Basis eines nachvollziehbaren Urteils stehen zu müssen. Offenbar gibt es Kräfte, die es mit einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland eilig haben?! In seinem jüngsten Tweet kündigt Trump nun jedenfalls einen Raketenangriff auf Syrien an und verhöhnt dabei auch noch die russischen Abwehrmaßnahmen. Was die Sache so brisant macht, wäre in diesem Fall das direkte Aufeinandertreffen von Amerikanern und Russen. Diplomatie geht anders und lösungsorientierte Zusammenarbeit auch. Solche „Loose Cannon“-Tweets haben das Potenzial, die Eskalationsspirale ein gutes Stück vorwärts zu drehen. Fraglich ist, wer davon profitiert?

 

 

Zu den Märkten

Die Märkte reagierten jedenfalls verschnupft. Über Tage erholten sie sich von den Paniktiefs der letzten Woche, schon sorgt die neuerliche Zuspitzung für erhebliche Verunsicherung – wiederum deutlich stärker in Deutschland als im Lande des twitternden Präsidenten selbst. Nun könnte man auf die Idee kommen, dass die deutschen Anleger besondere Hasenfüße wären. Möglicherweise sind sie das sogar. Viel entscheidender ist jedoch, dass ein sich zuspitzender Konflikt zwischen den USA und Russland in jenen Regionen ausgetragen wird, die geographisch ungleich dichter an Deutschland als an den USA liegen. Neben dem ganzen Syrien-Türkei-Irak-Komplex ist da auch der ungelöste Krim-Konflikt. Im Chart gab es nach dem mehrfach gescheiterten Durchbruchsversuch unter die Marke von 11.900 Punkten (vgl. Abb., schwarze Linie) eine sehr positive Entwicklung. Nachdem der Markt den Spielraum nach unten ausgelotet hatte, ging es vehement in die Gegenrichtung. Besonders eindrucksvoll war das Aufwärts-Gap vom vergangenen Donnerstag (grüne Markierung). Auch konnte der sehr kurzfristige Abwärtstrend (rote Linie) nach oben durchbrochen werden. Da sich das ganze Kursgeschehen derzeit aber noch immer innerhalb einer möglichen rechten Schulter einer gewaltigen Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation abspielt (schwarze Markierungen), würden wir hierin noch immer eine Art Short Squeeze erkennen wollen. Für eine wirklich positive Entwicklung müssten die zahlreichen Widerstände im Bereich zwischen 12.600 und knapp 13.000 Punkten im DAX nachhaltig überwunden werden. Das sehen wir derzeit aber nicht

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Smart Investor 4/2018

Titelstory Rohstoffe: Öl, Gas und Metalle

Medienkritik: SelbstbeSPIEGELung eines Strauchelnden

Online-Händler: Es gibt nicht nur Amazon

Lebensversicherung: Aussitzen ist keine sinnvolle Option

 

 

 

 

 

Fazit

Facebook ist durch die aktuellen Entwicklungen zwar angezählt, aber auf mittlere Sicht dürfte das Geschäftsmodell des Unternehmens weiter florieren. Ein Datenschatz der seinesgleichen sucht und Heerscharen von Facebook-Junkies sind dafür die besten Voraussetzungen.

 

Ralph Malisch, Ralf Flierl

facebook

 

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