Chancen für Anleger

Dr. Daniel Hartmann

Auch wenn sich die Wirtschaft der Eurozone zuletzt berappelt hat, ist die Furcht vor dem Rückfall in die Stagnation allgegenwärtig. Die Angst speist sich zum einen aus dem Trauma der Eurokrise. Zum anderen wirft die demografische Entwicklung ihre Schatten voraus. Wuchs die Erwerbsbevölkerung der Eurozone in den 2000er-Jahren noch um 1,0% p.a., beginnt sie spätestens ab dem Jahr 2020 zu schrumpfen. Allein diese Entwicklung drückt den Mittelwert des durchschnittlichen Wachstums in Zukunft Richtung Nulllinie. Bereits eine kleine konjunkturelle Störung reicht aus, um die Eurozone wieder in die Rezession zu befördern.

Aufgeblähte Notenbankbilanz

Wie soll die Makropolitik auf dieses Umfeld reagieren? Während der Eurokrise konzentrierte sich alles auf die Geldpolitik, die dann sämtliche Register zog. Die Leitzinsen wurden ausgehend von 4,25% bis ins negative Terrain gesenkt und die Notenbankbilanz von 1,2 Bio. EUR auf 4,5 Bio. EUR aufgebläht. Inzwischen sind die geldpolitischen Möglichkeiten ausgereizt: Eine nochmalige Ausweitung des Anleihekaufprogramms ist aufgrund der Knappheit an Wertpapieren kaum noch möglich. Gleichzeitig belastet die anhaltende Niedrigzinsphase die Bankerträge und fördert Spekulationsblasen. Die Erschöpfung der Geldpolitik ruft fast zwangsläufig die Fiskalpolitik auf den Plan.

Dies gilt umso mehr, als Letztere im aktuellen Umfeld einen strukturellen Vorteil aufweist: Während der Spielraum der Notenbanken
durch die Niedrigzinsen eingeschränkt wird, sind sie für den Staat ein Geschenk. Bei gleichem Schuldenstand sinkt die Zinslast. In Deutschland gingen die jährlichen staatlichen Zinsausgaben in den vergangenen sechs Jahren von 68 Mrd. auf knapp 40 Mrd. EUR zurück – bei nahezu konstantem Schuldenstand von 2,1 Bio. EUR. Seit 2009 hat sich innerhalb der Eurozone die Haushaltslage entspannt. Kein einziger Staat wird dieses Jahr die 3%-Defizitgrenze mehr reißen. Deutschland, die Niederlande und voraussichtlich sogar Griechenland erzielen Überschüsse.

Fiskalischer Spielraum

Was spricht dagegen, diesen fiskalischen Spielraum in der nächsten Krise zu nutzen? Viele stehen dem Instrument der antizyklischen Fiskalpolitik nach den Erfahrungen im vergangenen Jahrhundert skeptisch gegenüber. Inzwischen gibt es aber einige Argumente, die zumindest für eine Revitalisierung staatlicher Investitionen sprechen. Deren Anteil am BIP hat sich in Deutschland und Frankreich in den vergangenen 25 Jahren um ein Drittel verringert. Besonders abstinent hat sich der Staat bei den Infrastrukturausgaben verhalten (knapp 50% aller öffentlichen Investitionen). Im deutschen Straßenbau wurden die Investitionen seit Anfang der 2000er-Jahre sogar absolut zurückgefahren. Mittlerweile sind 40% aller Bundesstraßen und 50% aller Brücken in mäßigem bis schlechtem Zustand. Dies hat selbst die Bundesregierung alarmiert, die das Ruder in diesem Bereich herumreißen möchte.

Fazit

Die Geldpolitik kann im nächsten Abschwung nicht mehr gegensteuern. Als Ausweg bleibt nur die Fiskalpolitik. Gleichzeitig hat sich im Bereich der Infrastruktur ein riesiger Nachholbedarf aufgebaut. Beides zusammen kann in idealer Weise kombiniert werden. Die absehbare Welle an neuen Infrastrukturprojekten eröffnet schließlich auch dem Anleger zusätzliche attraktive Ertragsquellen.

 

Über Dr. Daniel Hartmann

Dr. Daniel Hartmann ist Chefvolkswirt der BANTLEON BANK AG. Nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bank AG und an der Berufsakademie Stuttgart zum Diplom-Betriebswirt (BA) studierte Daniel Hartmann an der Universität Hohenheim Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Volkswirtschaft. Anschließend arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim und promovierte zum Dr. oec. mit „summa cum laude“. Im Jahr 2005 begann Daniel Hartmann als Analyst Economics bei der BANTLEON BANK AG in Zug, im Jahr 2008 wurde er zum Senior Analyst Economic Research ernannt, Ende 2017 zum Chefvolkswirt. Bei der BANTLEON BANK AG verantwortet Daniel Hartmann den Bereich „Wirtschaftliche Entwicklung und Geldpolitik in der Eurozone, in Osteuropa und in der Schweiz“.