SIW 18/2018: Medienkompetenz

Media zombie concept with man and tv set instead of head
Verlässliche Fakten

Die Nutzung von Medien macht für uns Börsianer nur dann Sinn, wenn diese so neutral wie irgend möglich über das berichten, was Sache ist. Nach bestem Wissen und Gewissen, wie das so schön heißt. Das schließt den Irrtum natürlich nicht aus, besonders, wenn man sich, wie an der Börse üblich, vorwiegend im Bereich der Prognose bewegt, sich also an mögliche Ereignisse herantastet, die noch gar nicht geschehen sind. Hier geht es entsprechend um Zusammenhänge und Schlussfolgerungen, gelegentlich auch um das Fortschreiben von Entwicklungen, die bereits in Gang gekommen bzw. absehbar sind. Ausgangspunkt und Rohmaterial für eine solche Vorgehensweise bilden verlässliche Fakten. Insofern ist die Diskussion über „Fake News“ wichtig, auch wenn der Zungenschlag, den der Medienmainstream diesem Thema gibt, in die Irre leitet. „Fake News“, das sind dort immer nur die anderen, sei es missliebige Politiker/politische Strömungen oder all jene, die sich nicht höchst selbst das Etikett „Qualitätsjournalismus“ angeheftet haben, was ohnehin ein einigermaßen alberner Vorgang ist. Dabei geht es dann auch gar nicht mehr um Erkenntnisgewinn, sondern eher darum, einen Schutzzaun zu errichten: um liebgewonnene Erklärungsmuster, die oft nichts anderes als Lebenslügen sind, und nicht zuletzt um die eigene wirtschaftliche Existenz. Die traditionelle Medienmacht zeigt sich in den letzten Jahren jedenfalls alles andere als souverän.

„Stormy Korea“

Während der Irrtum in Maßen entschuldbar ist, ist es die bewusste Beeinflussung der Empfänger nicht. Hierzu zwei aktuelle Beispiele: Besonders der deutsche Medienmainstream tat sich von Anfang an schwer mit einer auch nur halbwegs neutralen Berichterstattung über US-Präsident Donald Trump. Das war auch schon bei dessen Amtsvorgänger Obama der Fall, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Während der eine zu einer Art Messias verklärt wurde – ein Bild, das der reale Obama naturgemäß nicht annähernd ausfüllen konnte – wurde der andere als der neue „Gottseibeiuns“ gezeichnet. Wiederum ein realitätsfernes Bild, das geradezu zwangsläufig positive Überraschungen produziert. Jüngst geschehen bei der Annäherung der beiden Koreas, die ohne das Wirken der USA im Hintergrund kaum vorstellbar ist. Wäre das gleiche Ereignis unter Obama eingetreten, wäre er unmittelbar für einen zweiten, diesmal sogar verdienten Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Für die Trump-Hasser, die sich an jeden verunglückten Tweet des US-Präsidenten klammern und dabei aus den Augen verloren haben, dass die eigentliche Politik nicht auf Twitter sondern hinter den Kulissen gemacht wird, war der Korea-Gipfel der GAU. Während die klügeren Kommentatoren immerhin in dieser Sache Trumps Wirken anerkennen, berichtet der Mainstream nur widerwillig über Korea und konzentriert sich stattdessen lieber auf die ehemalige Ü18-Unterhaltungskünstlerin „Stormy Daniels“, die nun Klage gegen Trump wegen Verleumdung einreichte. Prof. Max Otte (@maxotte_says) twitterte ein entlarvendes Bild aus dem Wall Street Journal, auf dem Frau Clifford, so heißt „Stormy Daniels“ mit bürgerlichem Namen, auf einer Pressekonferenz mit einigen Mikrofonen zu sehen war. Dabei war der deutsche Staatsfunk, mit WDR und ZDF in der ersten Reihe, deutlich überrepräsentiert – Zwangsgebühren bei der Arbeit.

Seelenqualen

Ansonsten wird die derzeit durchaus interessante weltpolitische Lage – über die neuerlichen Anschuldigungen Israels gegen den Iran haben wir noch nicht einmal gesprochen – vom Freitod des DJs Avicii (bürgerlich: Tim Bergling) überschattet – zumindest im Boulevard. Nun müssen wir leider gestehen, dass uns der 28jährige Star der Elektroszene bislang kein Begriff war. Wir können uns vorstellen, dass es da auch dem einen oder anderen unserer Leser ähnlich geht. Der Musikstil ist nicht unbedingt Mainstream oder groß in den Hitparaden vertreten – in der Club- und Partyszene dafür umso mehr. Auffällig ist, wie schnell die psychische Labilität einer „Künstlerseele“ zur alleinigen Erklärung für den Freitod des DJs gemacht wurde. Da wurde und wird das Bild eines Sensiblen gezeichnet, der am Leben und der Welt verzweifelt ist. Auch ist in diesem Zusammenhang von Depressionen zu lesen, also ein echtes Krankheitsbild. Was dagegen im Mainstream gar nicht thematisiert wird, ist das politische Engagement des Künstlers, der 2015 mit seinem Video „For A Better Day“ (knapp 60 Mio. Klicks) Kinderhandel und die Verstrickung der Mächtigen in dieses höchst unappetitliche Geschäft anprangerte. Im Jahr 2016 nahm er dann eine Auszeit, aus der er nicht mehr auf die große Bühne zurückkehrte. Davon freilich lesen Sie im Mainstream nichts.

„Reality Check“

Beide Schlaglichter zeigen eine gewisse Voreingenommenheit bei der massenkompatiblen Präsentation von Geschehnissen. Börsianer haben da glücklicherweise für ihr Metier neben dem Smart Investor noch ein weiteres Backup in Form einer zusätzlichen Datenquelle, die mitunter etwas vollkommen anderes anzeigt, als die erzählten Geschichten des Mainstreams es tun: Angebot und Nachfrage, die kontinuierlich an den Märkten aufeinander treffen und dabei Kurse und Umsätze erzeugen. Wenn wir also in der Zeitung von der besten aller Welten lesen, die Kurse aber fallen, dann sollte man diesen „Reality Check“ schon sehr ernst nehmen. Umgekehrt stiegen beispielsweise die Kurse an den US-Börsen nach der Wahl Donald Trumps steil nach oben, obwohl uns der Mainstream unaufhörlich versicherte, wie schrecklich nun alles in den USA werden würde. Widersprechen sich Nachrichten/Kommentare/Interpretationen auf der einen Seite und Kurs-/Umsatzentwicklung auf der anderen, dann würden wir fast immer den Aussagen aus der Kurs-/Umsatzentwicklung den Vorzug geben. Schließlich stecken dahinter Aktionen und echtes Geld, während Papier vergleichsweise geduldig ist.

Voreingenommenheit ist kein Erfolgsrezept

Allerdings kann die Beobachtung der Entwicklung von Angebot und Nachfrage nur dann ihre volle positive Wirkung entfalten, wenn sie möglichst unvoreingenommen erfolgt – also auch möglichst unbeeinflusst von den eigenen Theorien, die man bereits über den weiteren Kursverlauf im Kopf hat. Das ist freilich leichter gesagt als getan, denn wohl niemand, der sich mit dem Markt beschäftigt, kann seine Meinung vor der Analyse einfach mal eben so an der Garderobe abgeben. Die Gefahr einer höchst subjektiven Interpretation im Sinne der eigenen Theorie erhöht sich sogar noch, wenn man bereits eine (große) Position eingegangen ist. Da wird der beginnende Abwärtstrend bei einer Long-Position gerne so lange zur technischen Korrektur kleingeredet, bis diese Interpretation angesichts der Kursentwicklung dann beim besten Willen nicht mehr haltbar ist. Unter erfolgreichen aktiven Anlegern ist es daher – wie in der Vorwoche beschrieben – ein regelrechtes Mantra geworden, das zu handeln, was man sieht und nicht das, was man denkt oder glaubt. Wie eingangs bemerkt: leichter gesagt als getan.

Frische Stärke in mauem Umfeld

Angewendet auf den DAX sehen wir insbesondere heute frische Stärke, mit der sich das negative Bild der Vorwochen in zwei Dimensionen aufklart. Zum einen wurde mit dem heutigen Durchbruch über die gleitende 200-Tage-Linie ein viel beachteter Trendindikator wieder positiv. Zum anderen wurde zeitgleich auch die Widerstandszone im Bereich von 12.600 bis 12.650 Punkten nach oben durchbrochen. Ganz ungetrübt ist das Bild dennoch nicht: Denn zum einen spielt sich das gesamte Kursgeschehen der letzten Tage noch immer innerhalb der rechten Schulter einer potenziellen Schulter-Kopf-Schulter-Formation ab. Diese erhält nun sogar erst eine mit der linken Schulter vergleichbare Ausprägung, wodurch die Formation symmetrischer und optisch noch zwingender wird. Wir haben an dieser Stelle schon mehrfach darauf hingewiesen, dass diese Formation durchaus noch Wochen, wenn nicht Monate zu ihrer Vollendung benötigen kann, aber – und das ist die Krux – nicht muss. Das derzeit noch indifferente Bild würde sich nach oben erst auflösen, wenn der rote Widerstandsbereich – und damit grob die Marke von 13.000 Punkten nachhaltig überwunden werden kann. Allerdings erscheint uns dies angesichts der Länge des Aufwärtstrends, des erreichten Bewertungsniveaus und der nicht zu übersehenden Tendenzen zur Toppbildung zunehmend unwahrscheinlich. Richtig bedrohlich würde es für den DAX ab dem Bereich zwischen 11.800 und 11.900 Punkten. Dann wären nämlich der Aufwärtstrend (grün) und die Nackenlinie der möglichen SKS-Formation durchbrochen. Der Bereich zwischen den beiden Marken mit einer Ausdehnung von gut 1.000 Punkten bleibt charttechnisches Niemandsland. Weiter steigende US-Zinsen müssen übrigens nicht zwangsläufig bedrohlich wirken. Da der EZB nämlich weiter die Hände hinsichtlich einer möglichen Zinssenkung gebunden sind, könnte eine sich ausweitende Zinsdifferenz über eine Euro-Schwäche abgearbeitet werden, die grundsätzlich sogar positiv für die exportorientierten DAX-Titel wäre. „Wäre“ deshalb, weil eine auf diese Weise herbeigeführte Euro-Abwertung aus Sicht der Trump-Administration möglicherweise erneut als „unfaire Handelspraktik“ angesehen und entsprechend beantwortet wird. Warum der EZB die Hände gebunden sind, lesen Sie übrigens im brandneuen Smart Investor 5/2018 ab Seite 74: Dort führten wir ein Interview mit dem Risikospezialisten Dr. Markus Krall, der auch Autor des Bestsellers „Der Draghi-Crash“ ist.

Die Mai-Ausgabe ist übrigens um satte 16 Seiten dicker als normal und das hat einen Grund: Smart Investor wurde nämlich genau vor 15 Jahren ins Leben gerufen. In unserer Jubiläumsausgabe blicken wir daher unter anderem auch auf eine durchaus ereignisreiche Zeit zurück, durch die wir Sie, liebe Leser, nun schon anderthalb Jahrzehnte begleiten durften. Für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung auch an dieser Stelle noch einmal unseren herzlichen Dank.

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage berichten wir heute über einen neuen Kauf und das „Missgeschick“ eines französischen Milliardärs. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

Smart Investor vor Ort I: Über besseres Geld

Noch einmal dürfen wir Ihnen die 9. Mark Banco Anlegertagung am 2. Juni 2018 ans Herz legen. Das Institut für Austrian Asset Management (IfAAM) lädt dieses Jahr unter dem Motto „Auf der Suche nach dem besseren Geld – Von der Mark Banco bis zu Krypto“ ins Museum für Hamburgische Geschichte nach Hamburg ein. Nutzen Sie die Gelegenheit und lassen Sie sich aus erster Hand von namhaften Experten über Alternativen zum heutigen Fiat-Money-System informieren. Diese Informationen können Ihrer finanziellen Gesundheit schon in wenigen Jahren höchst zuträglich sein. Den Flyer zur Veranstaltung finden Sie im Übrigen hier. Und da wir die Suche nach besserem Geld aus voller Überzeugung unterstützen, sind wir bei dieser Veranstaltung auch Kooperationspartner des IfAAM. Für Sie heißt das konkret, dass sie als Abonnent des Smart-Investor-Magazins im Rahmen des „Friends & Family“-Programm einen satten Rabatt von 50 EUR erhalten. Zudem wird SI-Chefredakteur Ralf Flierl wieder zum Gedankenaustausch mit Ihnen vor Ort sein.

Nähere Informationen zur Veranstaltung und das Anmeldeformular finden Sie hier.

Smart Investor vor Ort II: Willy Wimmer live erleben

Wer schon immer einmal Willy Wimmer live erleben wollte, hat bereits am kommenden Montag in Raisting am Ammersee die Gelegenheit dazu. Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung sowie Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE zählt zu den scharfsinnigsten Beobachtern und Kritikern der aktuellen Politik. Die 14. SeeGespräche Talkshow steht unter dem Titel „Migration und die Folgen für Deutschland“. Neben Wimmer diskutieren unter anderem auch Leyla Bilge, Rico Albrecht und Dr. Rainer Rothfuß. Das wir definitiv keine weichgespülte Pseudo-Diskussion, wie man sie aus den Fernsehformaten kennt. Wir diskutieren zwar am Podium nicht mit, sind aber ebenfalls vor Ort und stehen zum Gedankenaustausch zur Verfügung. Noch sind Restkarten verfügbar. Nähere Informationen finden Sie hier.

 

15 Jahre Smart Investor:
Rückschau, Leser- und Kollegenfeedback

Familenfirmen:
Echte, gelebte Nachhaltigkeit

Schweden:
Gescheiterter Musterchüler?

Volatilität:
Über das Wesen der Schwankungsbreite

 

 

Fazit

Je weniger man von den großen Inlandsmedien ein zutreffendes Bild der Situation erhält, umso mehr sollte man sich anderer Quellen bedienen. Für Börsianer gehören dazu vor allem auch die Kursentwicklungen selbst.

Ralph Malisch, Ralf Flierl

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