„Was würde Kosto dazu sagen?“

Dr. Holger Schmitz
Smart Investor: Die italienischen Parteien Lega und Cinque Stelle sind in Koalitionsverhandlungen. Was bedeutet das für den Euro, wenn in Italien eine linke und eine rechte EU-kritische Partei die Regierung stellen und eine lebhafte Diskussion über einen möglichen Austritt aus dem Euro beginnt?

Schmitz: Die Diskussion wird in jedem Fall kommen. Beide Parteien, die die Wahl gewonnen haben, haben nach der Wahl noch einmal bekräftigt, dass sie aus dem Euro austreten wollen. Wenn es in Italien eine Volksabstimmung zu dem Thema gäbe, wäre es sehr wahrscheinlich, dass sich die Bevölkerung mehrheitlich für einen Austritt aus dem Euro ausspricht. Bei der Einführung des Euro war die Zustimmung der Italiener für den Euro groß, weil sie ihre schwache Lira loswerden wollten. Diese Haltung hat sich komplett gedreht. Zunächst haben Staat und Privatleute die Vorteile der niedrigen Gemeinschaftszinsen genossen. Jetzt stehen die Nachteile im Vordergrund, dass sie nämlich die Gemeinschaftswährung im Unterschied zu früher nicht mehr abwerten können. Durch eine Währungsabwertung können schmerzliche Reformen umgangen werden. Das ist aber nur außerhalb des Euro möglich. Für den Euro wäre der Austritt Italiens ein eher positives Signal. Allerdings hat die Sache einen Haken. Es ist fraglich, ob Italien das Verlassen des Euro überhaupt erlaubt wird. Wahrscheinlich wird Deutschland stattdessen alle möglichen Zahlungen leisten, damit Italien in der Gemeinschaftswährung verbleibt. Dadurch ist ein starkes Erpressungspotenzial gegenüber Deutschland vorhanden. Deutschland hat bei den TARGET2-Salden Forderungen von über 900 Mrd. EUR, Italien steht mit etwa der Hälfte dieser Summe in der Kreide. Wenn Italien austritt, sind diese TARGET2-Salden für Deutschland verloren. Meine Sorge ist aber nicht, dass der Euro zerbricht, sondern dass die EU zur Transferunion mit Deutschland als Zahlmeister wird. Die ganze Diskussion um die europäische Einlagensicherung deutet darauf hin.

Smart Investor: Ein Projekt von Cinque Stelle ist ein sogenanntes Bürgereinkommen. Läuft der Verschuldungskreislauf in Italien dann noch schneller?

Schmitz: Dieses bedingungslose Grundeinkommen wird natürlich zu einer weiteren Erhöhung der Schulden führen. Als Italien dem Euro beigetreten ist, gab es ja schon Diskussionen, ob die Maastricht-Kriterien eingehalten werden. Damals lag der Schuldenstand bei unter 100% des Bruttoinlandsprodukts. Mittlerweile sind es über 130%. Prof. Sinn hat darauf hingewiesen, dass Italien allein durch den Euro-Zinsvorteil die Staatsschulden fast hätte abtragen können. Das wurde aber nicht gemacht, der Zinsvorteil wurde verkonsumiert. Im Prinzip wird in der EU Insolvenzverschleppung betrieben. In der Eurokrise hat die EU ihre erste Nahtoderfahrung gemacht. Mit finanziellen Tricks und dem Motto „Deutschland zahlt“ wurde der Patient wieder ins Leben geholt. Ich glaube nicht, dass das die einzige Erfahrung dieser Art bleiben wird. Es ist zu erwarten, dass es einen deutlichen Rückschlag geben wird und der Patient wieder ins Koma fällt. Wir haben mittlerweile ein hohes Maß an politischer Naivität und ökonomischer Realitätsverweigerung erreicht. Ich befürchte, dass sich der politische Ehrgeiz weiter gegenüber dem ökonomischen Sachverstand durchsetzen wird.

Smart Investor: Was bedeutet diese Entwicklung in Italien für den Euro? Sie sind bekennender Euroskeptiker. Der Euro hat zuletzt gegenüber anderen Währungen von vergleichsweise stabilen Ländern wie der Schweiz oder Norwegen aufgewertet. Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe?

Schmitz: Wenn die Diskussion um den Euroaustritt Italiens beginnt, wird der Euro aus meiner Sicht zunächst fallen. Aktuell ist der Euro überbewertet, aus meiner Sicht ist er auch nicht aus fundamentalen Gründen gestiegen. Zum einen ist es eine technische Korrektur auf einen
lange fallenden Euro. Zum anderen bekommt die Währung dadurch Rückenwind, dass der Markt davon ausgeht, dass Deutschland unbegrenzt zahlt, nur um den Euro zu erhalten. Vor diesem Hintergrund sollte der starke Euro gerade für Deutschland ein Alarmsignal sein, weil eine Rettung der Währung mit Deutschland als Garantiegeber den Wohlstand des Landes zerstören würde. Mein langjähriger Mentor André Kostolany, auch „Kosto“ genannt, hätte bei der Frage nach Garantien angemerkt: „Und wer garantiert für die Garantie?“ Wenn man die Entwicklung zu Ende denkt, stellt sich die Frage, wer am Schluss den Retter Deutschland rettet.

Smart Investor: Mit welchen Auswirkungen aus der Schuldenkrise müssen Anleger im Euroraum rechnen?

Schmitz: In einem Euro-Untergangsszenario könnte es sein, dass verschuldete Staaten ihre Schulden streichen. Ich kann als Staat ja nur meine Schulden reduzieren, wenn ich auch die Gegenpositionen, also die privaten Vermögen, reduziere und somit eine Bilanzverkürzung vornehme. In jedem Fall wird es an das Geld der Bürger gehen. Und da reden wir nicht von einer Vermögenssteuer von 1% bis 2% im Jahr, sondern von dicken zweistelligen Prozentsätzen als einmaligen Abgaben. Auch die USA und Japan könnten mit dabei sein. Profitieren würden dann Länder, die eine niedrige Verschuldung haben.

Smart Investor: Welche Möglichkeiten haben Anleger, sich beim Euro-Zusammenbruch zu schützen?

Schmitz: Mit Blick auf die Vermögensklassen warne ich vor einer Vermögenskonzentration in Immobilien. Das private Vermögen in Deutschland liegt bei 10 Bio. EUR, die Hälfte davon in Immobilien. Im Vergleich dazu liegt das Aktienvermögen bei nur 500 Mrd. EUR. Wenn eine Vermögensabgabe kommt, wird es für die Immobilien am schmerzhaftesten, weil sie von der Masse am gewichtigsten sind. Relativ schnell angreifbar sind natürlich auch Lebensversicherungen, Cash auf Bankkonten oder Staatsanleihen. Anstelle des eigentlichen Nominalwertes bekommen die Gläubiger dann nur einen Bruchteil dieses Wertes. Diesen Verlust kann ein Anleger so schnell nicht mehr verdienen. Bei Aktien ist das leichter möglich.

Smart Investor: Welche Maßnahmen sollten auf der Währungsseite ergriffen werden? Sind Konten im Ausland sinnvoll?

Schmitz: Viele deutsche Anleger haben mit Euroanlagen ein Klumpenrisiko. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, sich Währungen aus Ländern herauszusuchen, deren Verschuldung deutlich niedriger ist. Im Durchschnitt liegt die Verschuldung der Eurostaaten bald bei 100%. Die Schweiz dagegen liegt bei nur 30%. Norwegen ist, wenn man den Staatsfonds gegenrechnet, quasi schuldenfrei. Gerade ein Aktiendepot kann ohne großen Aufwand mit Schweizer und norwegischen Werten diversifiziert werden. Edelmetalle würde ich auch immer mit dazunehmen, aber nur in physischer Form. Das Edelmetall muss im Krisenfall verfügbar sein, sollte also nicht in Bankschließfächern verwahrt werden oder über Strukturen verbrieft sein. Im Krisenfall wollen Sie ja einen Platz im Rettungsboot und keinen Anrechtsschein auf diesen Platz. Wenn man über Währungen diversifiziert, ist es sinnvoll, die Konten im jeweiligen Währungsraum zu halten. Hier bietet sich in erster Linie die Schweiz an.

Smart Investor: Was halten Sie denn unter Diversifizierungsgesichtspunkten von Kryptowährungen?

Schmitz: Um es auf den Punkt zu bringen: gar nichts! Was hätte Kosto wohl dazu gesagt? Er hätte gesagt: „Ich warte auf das Ende.“ Wie bei der Tulpenzwiebelmanie kann das noch eine Weile so weitergehen, auch mit deutlich höheren Kursen bei den Kryptowährungen. Aus meiner Sicht ist es trotzdem substanzlose Spekulation.

Smart Investor: Herr Dr. Schmitz, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

 

Interview: Christian Bayer, Ralf Flierl

 

Über Dr. Holger Schmitz

Dr. Schmitz ist bereits seit 1988 in der Vermögensverwaltung tätig und arbeitete mehrere Jahre bei der FIDUKA Depotverwaltung im direkten Austausch mit Börsenlegende André Kostolany zusammen, bevor er sich 1993 selbstständig machte. Neben der individuellen Beratung und dem persönlichen Depotmanagement erhalten Kunden durch die Kooperation mit der SCHMITZ & PARTNER AG – Privates
Depotmanagement die Möglichkeit, in zwei sich ergänzende Vermögensverwaltungsfonds zu investieren: den Schmitz & Partner Global Offensiv sowie den Schmitz & Partner Global Defensiv. Die SCHMITZ & PARTNER AG – Privates Depotmanagement mit Sitz im Tessin, Schweiz, wurde 1997 zur individuellen Betreuung im Vermögensverwaltungsbereich gegründet. Die SCHMITZ & PARTNER AG arbeitet partnerschaftlich mit der 2005 ebenfalls von Dr. Holger Schmitz gegründeten Schmitz & Cie. GmbH – Individuelle Fondsberatung mit Sitz in München zusammen.