Grafik der Woche: Italienisches Dilemma

Italienisches Dilemma in Zahlen (Index: Q1 2000 = 100, Personenkonzept), Quellen: Macrobond, Helaba Volkswirtschaft/Research

Die Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung in Italien und die Aussicht auf ein eurokritisches Bündnis von Lega Nord und 5-Sterne-Partei hatten die Anleger aufgeschreckt. Die Austrittswahrscheinlichkeit von Italien ist laut einer vom Marktforschungsinstitut Sentix durchgeführten Umfrage im Mai sprunghaft von 3,6% auf 11,3% gestiegen.

Ob sich die Sorgen rund um einen Euro- oder gar EU-Verbleib Italiens weiter verstärken oder bald wieder abflauen, hängt letztlich von den weiteren politischen Entwicklungen und Entscheidungen ab. Aber egal, was an der Politikfront passiert: Beim Blick auf den volkwirtschaftlichen Datenkranz werden Stand heute erhebliche strukturelle Schwächen des Adria-Landes sichtbar:

Das große Loch in der Staatskasse mit einer Verschuldung von knapp 132% des Bruttoinlandsprodukts ist hinlänglich bekannt, aber nur eines von mehreren gravierenden Problemen. Wie aus unserer Grafik der Woche zu ersehen ist, sind auch die Lohnstückkosten viel zu hoch und die Produktivität viel zu niedrig. Letztere ist seit der Euro-Einführung sogar leicht gesunken. Ohne Effizienzzuwächse führen selbst moderate Reallohnerhöhungen zu steigenden Lohnstückkosten, was die internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter verringert.

Vor diesem Hintergrund hält es Volkswirt Stefan Mütze von der Hessischen Landesbank für sinnvoll, das (berufliche) Bildungssystem zu verbessern, Innovationen zu fördern, die Effizienz der Verwaltung und des Rechtssystems zu erhöhen sowie weitere Reformen am Arbeitsmarkt vorzunehmen. Zudem sollten aus seiner Sicht Investitionen in die überalterte Infrastruktur vorangetrieben werden. Hinzu kommen Behinderungen durch die grassierende organisierte Kriminalität und die ökonomische Spaltung zwischen Nord und Süd.

Das sind schwierige Aufgaben, deren Lösung Italien schon sehr lange vor sich herschiebt. Ohne einen Kurswechsel wird das Land aber weiterhin unterdurchschnittlich expandieren, so das Fazit von Mütze. Die große Preisfrage ist nur, ob Politik und Wähler bereit dazu sind, die Hebel in die aus volkswirtschaftlicher Sicht richtige Richtung umzulegen.

⇐ Vorherige Grafik der Woche   Nächste Grafik der Woche ⇒