Löcher in der Matrix – It’s the Box Office, Stupid!

Hollywood kommt nicht zur Ruhe. Unter der Überschrift „Wonderwomen muss man suchen“ machte ZEIT Online auf eines der großen Menschheitsthemen des 21. Jahrhunderts aufmerksam: „Von Gleichstellung ist im Kino wenig zu sehen. Vor und hinter der Kamera dominieren Männer.“ Schlimm. Nur zwei Superheldinnen wollten das nicht hinnehmen und schicken sich nun an, die Branche umzukrempeln. Zumindest implizit wird unterstellt, dass es in der Filmindustrie eine Art Männer-Netzwerk gebe, das Frauen von den lukrativen Spitzenpositionen bewußt fernhält, insbesondere bei Blockbuster-Produktionen. Belegt werden soll diese These mit allerlei Statistiken, deren Aussage allerdings nicht ganz so eindeutig ist, wie man uns glauben machen will. Die Kernfrage, ob das Kinopublikum „Wonderwomen“ überhaupt sehen möchte, wird dagegen nicht thematisiert.

Möglicherweise verstellt die Fixierung auf die Geschlechtsteile der Filmschaffenden auch einfach nur den Blick auf naheliegendere Erklärungsmuster, beispielsweise auf ökonomische. So wird relativ geschickt formuliert:

„Von den 1.100 beliebtesten und erfolgreichsten Filmen, die in den vergangenen elf Jahren in US-amerikanischen Kinos liefen, wurden im Durchschnitt vier Prozent von Frauen gedreht. Vier Prozent.“

Ob ein Film allerdings einmal zu den „beliebtesten und erfolgreichsten“ gehören wird, stellt sich bekanntlich erst im Nachhinein heraus. Statistisch interessanter wäre es doch zu wissen, wie viele aller(!) Filme von Frauen gedreht werden und diese Zahl dann mit den „vier Prozent“ zu vergleichen. Möglicherweise ist das dann schon ein Teil der Erklärung, warum es Frauen in ihrer Karriere oft „bei einem Film belassen“. Mag sein, dass mancher Erstling nicht ganz so umwerfend war, wie die Protagonistin meinte. Ebenfalls eine Nicht-Aussage ist der Hinweis, wonach 40% der Regisseurinnen gerne mal einen Actionfilm oder Blockbuster drehen würden. Manche würden auch gerne auf den Mond fahren, oder den Nobelpreis bekommen. Was aber ein Blockbuster (=Kassenschlager) wird nihct von der Regisseurin oder der Gender-Professorin entschieden, sondern alleine vom Erfolg an der Kinokasse („Box Office“).

Und da ist es nun einmal so, dass es in Hollywood um viel Geld geht. Egal, ob Schauspieler oder Schauspielerin, Regisseur oder Regisseurin, es wird auf die Leute gesetzt, von denen man sich an der Kinokasse den größten wirtschaftlichen Erfolg erwartet. Ob Männer-, Frauen- oder Einhorn-Filme, es wird produziert, was sich mutmaßlich gut verkaufen lässt. Ocean’s 8 war ein relativ aktuelles Beispiel für einen Streifen, der durchweg weibliche Hauptrollen hatte und auf das Mainstream-Publikum zielte – was nebenbei bemerkt jeder aufwendig produzierte Film tun muss, um nicht zum Verlustgeschäft zu werden.

Nur im maximal glücklichen Schweden, so entnehmen wir dem Beitrag, ist man schon weiter. Das Sichtungsgremium der Schwedischen Filmförderung (SFI) ist nicht nur streng paritätisch besetzt, die gefühlsmäßige Einschätzung eines Films wird dort auch „unterbunden“. So als ob es im Kino nicht vor allem auch um Gefühle ginge. Alles andere ist Schulfunk oder Erziehungsfernsehen, das hoch subventioniert vorzugsweise in den Spartenkanälen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausgestrahlt wird. Am Box Office würde die so definierte „Qualität“ mit prognostizierbarer Regelmäßigkeit Schiffbruch erleiden, sofern sie denn überhaupt ihren Weg in die Kinos fände. Der Hinweis, dass geförderte Filme bei schwedischen Kritiken regelmäßig besser ankommen als nicht geförderte, ist ebenfalls ein Muster ohne Wert, denn es geht ja letztlich um Erfolge außerhalb eines selbstreferenziellen Klüngels, nämlich beim (internationalen) Kinopublikum.

Was das Ganze schließlich mit einer „Genderdebatte im Film“ zu tun haben soll, erschließt sich ebenfalls nicht, da durchgängig alleine auf das biologische Geschlecht Bezug genommen wird, was, wie wir gelernt haben, nicht viel mit Gender zu tun hat. Das nächste Gender-Pay-Gap, das diese Orchideendiskussion identifizieren wird, ist vermutlich das zwischen männlichen und weiblichen Spitzenfußballern. Und auch dieses entsteht aus dem gleichen Grund: Angebot und Nachfrage.

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